Wust l Wie haben Sie den Herbst 1989 erlebt? Wie den Mauerfall? Und war das, was da passiert ist, im Rückblick ein Glück oder doch ein Unglück? Aus 30 Jahren Entfernung bewertet man manches dann doch ganz anders, die Zeit davor, die danach. Eine prominente Gesprächsrunde fand sich im Sommerspeicher in Wust anlässlich der 29. Sommerschule zusammen: Die Historikerin Dr. Annette Leo, die Psychoanalytikerin und Autorin Dr. Annette Simon, der Schriftsteller Jan Faktor und der Superintendent des Kirchkreises Stendal, Michael Kleemann, moderiert von Gerhard Faller-Walzer aus Wust, unterhielten sich vor zahlreichem Publikum unter der Überschrift „Gründungen – Brüche – Einigungen. Blicke auf das Jahr 1989“ über die großen Umwälzungen dieser Zeit.

Was alle vier gemeinsam haben: Keiner von ihnen war beim Mauerfall dabei. Michael Kleemann war beim Verwandtenbesuch in Bielefeld und sah die Ereignisse im Westfernsehen, die drei anderen waren im Neuen Forum aktiv, Tag und Nacht unterwegs und – obwohl alle drei in Berlin gelebt haben - so eingespannt, dass sie an diesem Abend lieber ins Bett gefallen sind, um in diesen hektischen und aufreibenden Tagen wenigstens ein paar Stunden Schlaf zu bekommen. Denn letztlich „war das Dramatische gar nicht der Mauerfall selbst“, so Annette Leo, „sondern die Zeit davor, diese unglaublichen Veränderungen, diese rasch aufeinanderfolgenden Entwicklungen.“

Keine DDR mit neuem Gesicht

Annette Simon fügt hinzu: „Wir waren so beschäftigt damit, die DDR zu verändern, dass wir gar kein Interesse hatten, nach Westberlin zu gehen. Der Wendepunkt war eigentlich auch gar nicht der Mauerfall selbst, sondern der 9. Oktober, die große Demonstration in Leipzig mit den vielen tausend Teilnehmern, bei der nicht geschossen wurde. Da wurde uns klar, dass etwas passiert ist, das die DDR verändert. Und dann gab es noch einen zweiten Wendepunkt, unsere Volkskammerwahlen im Frühjahr 1990. Wir hatten gedacht, das Neue Forum käme bestimmt auf 40 Prozent. Aber dann sind wir als Bündnis 90 unter drei Prozent gelandet, da war dann klar, dass es keine DDR mit neuem Gesicht mehr geben würde.“

Faktor beschreibt: „Letztlich wussten wir aber von Tag zu Tag nicht, wie es weitergehen würde. Wir haben die Ohnmacht unser eigenen Politiker gesehen, aber keiner von uns konnte sich vorstellen, dass die DDR sich auflösen könnte, und keiner hat vorhersehen können, wie schnell das dann alles gehen würde, wie unser eigenes Leben weitergehen würde.“ Im Rückblick schildert Simon: „Ich musste wie viele auch in dieser Zeit mehrmals völlig neu anfangen, wir haben ja damals eine vollkommene Änderung aller Strukturen erlebt und letztlich auch mitgestaltet, dieser Prozess ist auch immer noch weiter im Gang. Mich ermutigt das, jedes Mal, wenn ich zurückblicke und gibt mir die Sicherheit, dass es letztlich immer irgendwo einen Weg gibt.“

„Das war ein Run auf die Freiräume“

Auch die Rolle der Kirchen wurde diskutiert. Kleemann beschrieb, wie in der Sankt Katharinen-Kirche in Salzwedel sich zunächst 35 Menschen, später über 2500 zum Montagsgebet trafen. „Das war aber kein Run auf die Kirche, das war ein Run auf Freiräume.“ Annette Leo: „Ich bin antikirchlich erzogen. Aber dann habe ich die Kirchen als einen Ort erlebt, wo es Freiraum für Diskussionen gab, wo über Tabus wie Homosexualität diskutiert und informiert werden konnte, wo Menschen fragten und Wege suchten, und da stellte ich fest, dass die gar nicht so weit von mir entfernt waren.“ Als alles vorbei war, war es aber auch mit der Begeisterung für Gebet und Gottesdienst wieder vorbei, so Kleemann: „Das war für mich enttäuschend, das ist einfach verpufft.“

30 Jahre danach, was ist geblieben? Die Frage von Gerhard Faller-Walzer beantwortete Michael Kleemann: „Auf jeden Fall überwiegt die Dankbarkeit. All die Freiheiten, zu reden, zu reisen, eine Ausbildung oder ein Studium für sich selbst zu wählen. Ich weiß genau, dass ich die alte DDR nicht wiederhaben will. Mein Vater war Pfarrer, er war schon von der Gestapo verhaftet worden und hat sich auch von seinem Kreissekretär nichts sagen lassen. Ihn haben sie in Ruhe gelassen. Aber es war ganz klar, dass ich als sein Sohn auf normalem Weg kein Abitur machen und studieren könnte. Wenn ich dagegen heute meine Kinder sehe…“ Die Historikerin Leo bestätigt diese Erfahrung: „Erst nach dem Mauerfall habe ich Kontakt mit Historikern aus dem Westen bekommen, die an meinem Forschungsgebiet, der Aufarbeitung des Nationalsozialismus in der DDR, absolut interessiert waren. Das war ein wunderbarer Austausch. Ich konnte endlich forschen und publizieren, das war in der DDR überhaupt nicht möglich gewesen.“

Dafür, dass es so viele gibt, die letztlich schwer enttäuscht sind von den Entwicklungen, gibt es mehrere Gründe. Und es wurde auch darüber gesprochen, was früher besser war. Kleemann warnte, man müsse Mythen gegenüber vorsichtig sein: „Der Mythos vom großen sozialen Miteinander in der DDR, das war ja zum großen Teil die Frucht der Mangelwirtschaft. Wir sehen denselben Zusammenhalt und dieselbe Hilfsbereitschaft heute auch in den Einfamilienhaussiedlungen, dafür braucht es die DDR nicht.“