Auslandsjahr

Paschkes sind Gasteltern für junge Russin

Ihre Heimatstadt Kaliningrad in Russland hat Barbara Palagutina für ein Jahr mit der ländlichen Idylle in Klietz getauscht.

Von Anke Schleusner-Reinfeldt

Klietz l Familie Paschke bietet der 16-Jährigen ein Zuhause. Gerade mal drei Wochen ist Barbara in Deutschland und versteht die Sprache schon ganz gut. Und auch das mit dem Sprechen klappt gar nicht mal so schlecht. Denn die Schülerin ist ehrgeizig. Zusätzlich zu der einen Unterrichtsstunde Deutsch pro Woche zu Hause an ihrer Schule in Kaliningrad belegte sie am Deutschen Institut auch noch drei weitere Stunden, in der sie die Sprache erlernte. Denn Barbara möchte später einmal in Deutschland studieren, etwas Technisches.

Um bis dahin perfekt Deutsch zu beherrschen, bemühte sich die Familie um ein Austauschjahr über die Organisation AFS. Helga und Hermann Paschke aus Klietz waren schon immer mal Gasteltern für ein paar Wochen: Kinder aus Tschernobyl kommen regelmäßig einmal pro Jahr und auch Gastkinder aus China, Amerika, Georgien, Russland und anderen Ländern lebten schon vorübergehend bei ihnen. „Ich wollte schon immer mal einen Gast für längere Zeit haben. Und nun, seitdem mein Mann und ich im Ruhestand sind, haben wir auch Zeit dafür“, erzählt die ehemalige Landtagsabgeordnete. Im September hatte sie in der Volksstimme gelesen, dass AFS noch Gasteltern sucht. „Eigentlich wollten wir ja gern ein Kind aus einem englischsprachigen Land, um nebenbei auch unser Englisch zu verbessern. Russisch können wir beide wegen unserer Aufenthalte in der damaligen Sowjetunion ganz gut. Die Mitarbeiterin der AFS bat uns jedoch, ein Mädchen aus Kaliningrad aufzunehmen, sie sitzt schon auf gepackten Koffern und wartet sehnsüchtig auf eine Gastfamilie. Also haben wir zugestimmt.“ Das erste Kennenlernen erfolgte per Whatsapp. Und zwei Wochen später reiste Barbara auch schon in Klietz an.

Sie besucht die 10. Klasse am Tangermünder Gymnasium und findet sich hier schon gut zurecht, bald will sie auch in einer Arbeitsgemeinschaft mitmachen. Mathe und Physik machen ihr natürlich am meisten Spaß, „langweilig ist es nur im Russischunterricht“, lacht sie.

Auch nachmittags zu Hause sitzt sie über Büchern. Denn Helga Paschke nimmt sich gern die Zeit, um gerade jetzt am Anfang mit ihrem Gastkind Deutsch zu lernen. „Das Material aus der Flüchtlingshilfe eignet sich da ganz gut. Es ist themenbezogen ausgerichtet, beispielsweise Wetter, Jahreszeiten oder Uhrzeit.“ Was sie zum Thema Arzt behandelt hatten, konnte Barbara auch gleich testen: Ohrenschmerzen zwangen sie an einem Sonntag, zum Arzt zu fahren. In Schollene vertrat ein Doktor aus Nigeria den hier niedergelassenen Ben Güldenpfennig. Mühsam versuchen Barbara und der Afrikaner, sich auf Deutsch zu verständigen. Als sie dann sagte, sie stamme aus Russland, war die Freude groß: Der Arzt hatte in Petersburg studiert und konnte perfekt russisch, „da waren die Ohrenschmerzen fast vergessen“, schildert Helga Paschke die amüsante Begegnung.

Barbara hat sich schon gut eingelebt. Paschkes geben ihr nicht nur ein familiäres Zuhause, sondern sie sind auch viel unterwegs. „Man erobert die nähere Umgebung neu“, schildert Helga Paschke den Vorteil, den sie und ihr Mann genießen. Töpfermarkt in Tangermünde, Kloster Jerichow, Buga-Park in Rathenow und Havelberg standen schon auf dem Ausflugsplan, in den Herbstferien ging es unter anderem nach Berlin und auf den Hexentanzplatz im Harz. Die offenen Höfe in Quedlinburg und Dresden stehen auch noch auf der Liste, „es gibt noch viel zu sehen, um Barbara Deutschland und seine Kultur nahe zu bringen“. Auf die Weihnachtszeit freuen sich schon alle. Dann kommt die große Familie Paschke in Klietz zusammen – auch die Tochter samt Familie reist aus Amerika an . Und Barbara wird sicher viel Freude haben, von den Traditionen in ihrer Heimat zu berichten. Ihre Familie stammt eigentlich aus Sibirien, wo ihre Oma noch heute lebt. Doch eine Erkrankung des jüngeren Bruders zwang die Familie vor zwei Jahren zum Umzug in die 500 000-Einwohner-Stadt Kaliningrad, eine russische Exklave zwischen Polen und Litauen an der Ostsee. Whatsapp ermöglicht es Barbaras Eltern, tagtäglich auf Fotos zu sehen, was die Tochter so macht und dass es ihr gut geht.

Heimweh? „Nein, gar nicht!“ versichert die 16-Jährige. „Ich fühle mich sehr wohl hier und freue mich auf die kommenden Monate.“ Wenn sie im Sommer zurück nach Russland fährt, muss sie eine Prüfung absolvieren, um dann dort weiter in der 11. Klasse zu lernen. Ihr Ziel: alles Bestnoten zum Schulabschluss. Denn damit sichert sie sich ein Stipendium an einer deutschen Universität. Die Sprache wird sie bis dahin sicher perfekt beherrschen.