Havelberg l Als Gustav Gerneth am 15. Oktober 1905 in Stettin geboren wurde, gab‘s noch einen Kaiser. Als er zehn Jahre alt war, tobte der Erste Weltkrieg. Mit knapp 20 Jahren hatte er gerade sein Maschinenpatent erworben und heuerte auf einem 14.000-Tonnen-Tanker an, um zur See zu fahren. Er war 25, als er in der Silvesternacht 1930 seine spätere Frau Charlotte kennenlernte. Ihr Vater war der Havelberger Schiffer Friedrich Grubert. Mit Mitte dreißig arbeitete er als Flugzeug- und Bordmechaniker und musste im Zweiten Weltkrieg seinen Militärdienst leisten.

Er war fast 43 Jahre alt, als er nach zweieinhalbjähriger Kriegsgefangenschaft in Russland, wo er im Ural Torf und Holz für ein Kraftwerk abbauen musste, seine Frau und die drei Söhne in Havelberg wieder fand. Dort fand zur 1000-Jahr-Feier im September gerade der erste Große Markt (heute Pferdemarkt) nach Ende des Krieges statt. Er fand Arbeit im Gaswerk. Gustav Gerneth zählte 67 Jahre, als es 1972 geschlossen wurde und er in den Ruhestand ging.

Doch das hieß nicht, dass sich Gustav Gerneth tatsächlich zur Ruhe setzte. „Immer in Bewegung bleiben“, ist seine Devise, die er schon zu seinem 99. Geburtstag verriet. Und zu seinem 100. ergänzte er: „Auf den Hintern soll man sich nicht setzen, da wird man steif“. Nach diesem Motto hat er immer gelebt. In seiner Wohnung zeugen noch heute Lampen, Vasen und Kerzenständer aus Holz, Kupfer und Messing von seinen kreativen Tätigkeiten. Noch zu seinem 110. Geburtstag erzählte er, dass er ab und an sogar noch selbst zum Staubsauger gegriffen und sich an Wochenenden Lieblingsgerichte wie Fisch oder Rouladen selbst zubereitet hat. Heute kochen an den Wochenenden seine Enkel Christine und Michael für ihn.

Sonnabends isst er am liebsten Suppe, sonntags gern deftige Braten. Da zeigt er dann auch guten Appetit. Weil es mit dem Gehen nicht mehr so gut funktioniert, verbringt Gustav Gerneth heute viel Zeit im Bett. Von dort aus schaut er gern Sportsendungen. Fußball ist seine Leidenschaft. Zum Mittag steht er aber auf. Und während er isst, liest ihm Christine Rattay aus der Volksstimme vor. Zur Bundesgartenschau 2015 hatte er das Geschehen im Dombereich, den er von seinem Fenster aus gut im Blick hat, beobachtet.

Geistig fit

Havelbergs Bürgermeister Bernd Poloski bescheinigte dem 113-Jährigen an seinem Ehrentag im Oktober 2018, dass er geistig noch sehr rege ist. Er freut sich auf das beim Lieblingskuchen des Jubilars – Frankfurter Kranz, gebacken von Urenkelin Tini – vereinbarte Gespräch über alte Zeiten in der Domstadt. Sein Wissen darüber war auch für die heimatgeschichtlichen Buchreihen „Havelschiffahrt unter Dampf“ von Herbert Stertz und „Historisches Havelberger Allerlei“ von Wolfgang Masur sehr gefragt.

Wer die Geschichte über den Maschinisten Gustav Gerneth zur Havelschifffahrt liest, kommt ins Schmunzeln, wenn er zum Beispiel über sein Wettrennen auf der Havel in den 1920er Jahren berichtet.

„Es war sportlicher Ehrgeiz, der mich beinahe zu Fall gebracht hätte. Wir lagen bei Havelort, wo neben unserem Schleppzug ein zweiter zusammengestellt wurde. Es war ein starker Schlepper, der zügig mit seinem Anhang auf Fahrt ging. Da ritt mich der Teufel und ich ließ tüchtig auflegen, um den anderen zu überholen. Schmunzelnd zogen wir an der ,Hildegard‘ vorüber und erreichten Havelberg noch vor ihm.“ Gustav Gerneth hatte die Rechnung jedoch ohne den Schiffer der „Hildegard“ gemacht.

Da dieser die Leistungsfähigkeit beider Maschinen abschätzen konnte, konnte er der Polizei nachweisen, dass das andere Schiff mit unzulässigem Überdruck gefahren sein musste. Der Strommeister forderte die Entlassung des Maschinisten. Doch Gustav Gerneth hatte Glück, er wurde von der Reederei nur auf ein anderes Schiff versetzt.

Über die Arbeit im Gaswerk berichtete der Senior, dass er bis in die 1950er Jahre noch Gaslaternen in Teilen Havelbergs gewartet hat. Erst später, als es keine Teile mehr für diese Laternen gab, wurden diese durch moderne Leuchten ersetzt.

Geburtstag mit Ansage

„Mein Kraftwerk funktioniert noch ganz gut“, sagte Gustav Gerneth zu seinem 110. Geburtstag. Ein Geburstag mit Ansage. Im Jahr zuvor hatte er gesagt, dass er diesen unbedingt noch feiern will. „Das ist dann eine runde Sache.“ Nun steuert er auf die 115 zu. Wieder eine runde Sache. Die Wahrscheinlichkeit, hundert Jahre und älter zu werden, wird in Deutschland immer größer.

Von heute hundert neugeborenen Mädchen könnte das bei einem weiteren stetigen Anstieg der Verbesserung der medizinischen Versorgung jedes vierte schaffen, sagte Sebastian Klüsener vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung Rostock im April 2018 der Volksstimme, nachdem der nun verstorbene Japaner Masazo Nonaka als ältester Mann ins Guiness-Buch der Rekorde kam.

Keine gesicherten Datenbanken

Hundertprozentig sind die Ranglisten der ältesten Menschen weltweit nicht, da die Wissenschaftler auf keine gesicherten Datenbanken zurückgreifen können. Als wichtige Grundlage für die Statistiken gelten die Forschungsdatenbank IDL und die Human Mortality Database (Datenbank der Sterbetafeln) mit Daten aus 39 Ländern. „Aber auch die Informationen aus dem Bundespräsidialamt sind eine wichtige Quelle“, erklärte Heiner Maier vom Max-Planck-Institut.

Der Bundespräsident gratuliert allen Hundertjährigen zum Geburtstag und ab dem 105. Geburtstag zu jedem Geburtstag. 4077 Glückwunschkarten wurden im Jahr 2017 verschickt, davon gingen 3347 an Hundertjährige, drei an 112-Jährige.

Hundert Jahre und älter zu werden und dabei auch relativ fit zu sein, ist dennoch außergewöhnlich, sagte Sebastian Küsener. Da spielen neben den Lebensumständen genetische Vorteile eine Rolle, meist haben auch die Eltern ein hohes Alter erreicht. Den Altersrekord hält die Französin Jeanne Calment, die 1997 mit 122 Jahren starb.

Keine Diät

„Ich habe immer gut gelebt und gegessen. Keine Diät. Immer Butter, keine Margarine. Ich habe mein Leben lang keine Zigarette angerührt und Alkohol nur zu Feiern getrunken“, verriet Gustav Gerneth vor ein paar Jahren. Die gute irische Butter muss ihm seine Enkelin auch heute noch schön dick aufs Brötchen schmieren. Mittags isst er gern Kompott, am liebsten Himbeeren oder Mandarinen aus dem Glas mit Vanillesoße und sehr gern ein Stück Frankfurter Kranz oder Himbeertorte frisch vom Bäcker.