Wassermusik-Reihe

Toccata von Bach erklingt in Vehlgast

Seit drei Jahren gibt es im Haveldorf Vehlgast die Wassermusik-Konzertreihe. Von den Erlösen wird die Kirche nach und nach saniert.

Von Ingo Freihorst 15.08.2016, 01:01

Vehlgast l Gänsehaut pur gab es am Sonnabend bei der „Wassermusik“-Reihe in der Vehlgaster Dorfkirche: Mit der berühmten und immer wieder beeindruckenden Toccata und Fuge d-Moll von Johann Sebastian Bach eröffnete Domkantor Matthias Bensch aus Havelberg sein Orgelkonzert. Weiterhin sind unter anderem die Fuge g-Moll des Altmeisters zu hören sowie Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy und John Stanley.

Dass beim Konzert diesmal ausgerechnet die „Königin der Instrumente“ zum Klingen gebracht wurde, hatte seinen tieferen Grund – die Orgel wird in diesem Jahr runde 110 Jahre alt. Pfarrer Henning Utpatel aus Breddin – die Kirchgemeinden Vehlgast und Breddin waren 2003 fusioniert – nutzte die Gelegenheit denn auch, die Orgel den über 50 Gästen näher vorzustellen.

Dazu hat er tief im Archiv gegraben und wurde fündig: 1863 war die Kirche mitsamt der Orgel ein Raub der Flammen geworden. Das Gotteshaus erstand vier Jahre später wieder neu, für die Orgel kam 1870 Ersatz aus Wittenberge in Form eines gebrauchten Instruments. 200 Reichstaler waren dafür zu berappen gewesen. Doch gab es damit immer wieder Ärger, weshalb sogar der Berliner Orgelbaumeister Carl-August Buchholz um Hilfe gebeten worden war.

Nach der Jahrhundertwende wurden mehrere Angebote für ein neues Instrument eingeholt. Den Zuschlag der Kirchgemeinde erhielt am 10. Februar 1906 der Hoforgelbaumeister Barnim Grüneberg in Stettin. Drei Wochen zuvor war dessen Angebot eingetroffen, eine einmanualige Orgel mit sieben Registern wollte er liefern. Alle Teile wurden ausführlich beschrieben – allerdings konnte der Pfarrer noch nicht alles entziffern. Über Hilfe würde er sich freuen.

Jedes einzelne Register der Orgel wurde vom Domkantor mit einem kurzen Musikstück vorgestellt, die Register wurden unter anderem als „Lieblich Gedackt“, „Traditional“ oder „Piccolo“ beschrieben. Das Pedalregister besitzt 27 Fußpedale – hier waren recht tiefe Bässe zu hören.

Zum Angebot hinzu kamen ferner die Nebenkosten in Form von Verpackung, Verladung und Lieferung bis zum nächsten Bahnhof – dies waren nochmals 28 Reichsmark. Wie produktiv die Orgelwerkstatt war, sah man an den Lieferzeiten: Im Februar wurde bestellt, im September geliefert. Der königliche Seminarlehrer Gundlach informierte, dass alle Anforderungen des Vertrages eingehalten wurden, die Abnahme also erfolgen könne.

Die Grünebergs sind eine alte Orgelbauerfamilie: Der erste seiner Zunft, Philipp Wilhelm Grüneberg, wurde 1710 in Magdeburg geboren. Barnim Grüneberg, der Erbauer der Vehlgaster Orgel, wurde 1828 in Stettin geboren und starb ein Jahr nach Auslieferung des Vehlgaster Instruments. Seine Initialien sind noch über dem Spieltisch zu finden.

Im Alter von neun Jahren hatte er seinen Vater August Wilhelm Grüneberg verloren, weshalb die Herstellung von Orgeln in Stettin vorerst ruhen musste. Barnim Grüneberg begab sich beim Berliner Orgelbauer Carl-August Buchholz in die Lehre – es war ein entfernter Verwandter. In zwei weiteren Werkstätten war er als Geselle tätig und besuchte zudem Paris und London.

1854 eröffnete er die väterliche Werkstatt wieder und wurde einer der produktivsten und bekanntesten Orgelbauer. So schuf er die größte manuell bespielbare Orgel der Welt, sie steht in der Dreifaltigkeitskirche im lettischen Libau und besitzt immerhin 131 Register auf vier Manualen und Pedal. Seine 450. Orgel lieferte er 1902 in den Dom nach Ratzeburg. 1896 wurde er von Großherzog Friedrich Wilhelm II. von Mecklenburg-Strelitz zum Hof-orgelbauer gekürt.

Insgesamt hat die Familie Grüneberg fast 1000 Orgeln gebaut, informierte Pfarrer Henning Utpatel. Er begrüßte mit Barnim Eggers aus Hamburg einen Urenkel des Orgelerbauers, welcher ein Foto seines Urahnen mitgebracht hatte.

Die Konzerte der seit 2013 stattfindenden „Wassermusiken“ dienen der weiteren Sanierung des Gotteshauses. In einem ersten Abschnitt wurde bereits die Gebäudehülle gesichert. Jetzt sollen Fenster, Türen und der Innenraum folgen.

Zur Ausmalung des Kirchenschiffes wurde eine Spendenaktion initiiert: Wie früher sollen hier wieder ingesamt 700 Quader die Wände zieren. Hinter der Orgel sind die Originale noch zu erkennen. Mit zehn Euro kann man einen Quader spenden, 456 wurden schon bezahlt. Auch der Erlös vom leckeren Kuchenbasar, welcher immer im Anschluss stattfindet, ist für die Kirche.

Spenden an: Sparkasse Ostprignitz-Ruppin, IBAN DE16 1605 0202 1521 0003 24, Verwendungszweck: Patenschaft Kirche Vehlgast.