Klietz l Wie ich darauf gekommen, bin ein Austauschjahr zu machen? Hm… Ich war lange krank, mir war langweilig und daraus entstand schnell eine verrückte Idee: „Geh doch ein Jahr ins Ausland, da ist dir bestimmt nicht langweilig!“ Und bevor der Ernst des Lebens los geht (die 11. Klasse) kann ja ein kleines Abenteuer kaum schaden!

Und so kam es, dass ich mich für mein Austauschjahr in England bewarb. Da wollte ich unbedingt hin. Ich war schon als Kind sehr von der Landschaft und von der Sprache (der britische Akzent spielt natürlich auch eine große Rolle) fasziniert. Nach diversen Vorbereitungscamps bekam ich endlich die Nachricht: Gastfamilie gefunden! Eine wirklich sehr nett aussehende Familie mit drei Kindern und zwei Katzen. Ich war überglücklich. Und inzwischen weiß ich: Ich hätte keine bessere Familie bekommen können!

Am 30. August ging es dann von Berlin nach London. Ich glaube, ich hatte noch nie in meinem Leben so viel Angst. Am liebsten wäre ich nicht in das Flugzeug eingestiegen, doch war mein Mut doch größer als meine Angst. Bevor es zu den Gastfamilien ging, wurden alle Austauschschüler in ein weiteres Vorbereitungscamp gebracht. Eigentlich hatte ich überhaupt keine Lust darauf, weil ich einfach nur zu meiner Gastfamilie wollte. Aber am Ende war es doch lustig und ich habe viele großartige Leute getroffen, mit denen ich immer noch Kontakt habe. Schön ist auch, dass man Leute aus verschiedenen Ländern wie Australien, Italien, Finnland und den USA kennenlernt und so viel von anderen Kulturen aufschnappt.

Dann endlich ging es nach Lancaster ganz im Norden von England. Dort wurde ich von meinem Gastvater Thomas und meiner Gastschwester herzlich begrüßt. Der 4. September war mein erster Schultag. Ich war so aufgeregt! Aber die Lehrer und meine Mitschüler nahmen mich herzlich auf und machten es mir etwas einfacher.

Die ersten Wochen waren etwas schwierig, weil ich mich an alles gewöhnen musste. Meine Gastfamilie half mir sehr. Meine Gastmutter Anne interessiert sich für die deutsche Kultur und lernt sogar Deutsch. Deshalb gibt es auch oft deutsches Essen wie Schnitzel, Zwiebelkuchen und Königsberger Klopse. Anfangs war geplant, dass ich nur bis Weihnachten bei meiner Familie bleiben kann und dann noch einmal wechseln muss. Aber nach zwei Monaten fragte mich meine Gastfamilie, ob ich das ganze Jahr bleiben möchte. Natürlich sagte ich ja! Mir fiel ein Riesenstein vom Herzen. Danach konnte ich wirklich anfangen, mein Jahr zu genießen.

Wir fahren auch oft gemeinsam weg. In den Herbstferien ging es mit meinen Gasteltern und meinen Geschwistern Tamsin und Craig nach Schottland. Die Landschaft ganz im Norden war einfach einzigartig. Wir waren auch ein Wochenende in Leeds. Dort lernte ich die älteste Gastschwester, Meg, kennen, die bereits studiert. Jetzt zur Weihnachtszeit waren wir in Manchester. Weihnachten war schon komisch ohne meine Familie zu Hause in Klietz. Am 24. Dezember ging hier fast die ganze Familie wandern. Wir sind auf den höchsten Berg der Gegend gestiegen. Es war anstrengend, aber als wir oben standen, hat es sich wirklich gelohnt. Am nächsten Tag gab es nach dem Frühstück die Geschenke – ich habe sehr schöne Dinge auch von zu Hause bekommen. Zum Mittagessen gab es Truthahn und zum Nachtisch typisch englischen Früchtekuchen.

Ich verstehe mich besonders gut mit meiner Gastschwester Tamsin. Hier in England darf man schon mit 17 Jahren Auto fahren und deswegen nimmt sie mich jeden Morgen mit zur Schule. Das erinnert mich an Deutschland – mit meiner älteren Schwester Marie bin ich auch oft zusammen zur Schule nach Tangermünde gefahren! Tamsin hat mich auch mit zu den Pfadfindern genommen. Das ist hier in England ziemlich beliebt. Am Anfang bin ich nur zum Spaß mitgegangen, doch mittlerweile bin ich offiziell Pfadfinder. Man bekommt eine Uniform, an der man seine erworbenen Abzeichen aufnähen kann. Montags gehe ich auch mit zu den kleinen Pfadfindern, um etwas zu helfen. Besonders gefällt mir der Zusammenhalt und die Bereitschaft, anderen zu helfen.

Die Schule ist hier ganz anders. In England gehe ich in die 12. Klasse (insgesamt gibt es 13 Klassen). Das ist die Oberstufe, wo man eigentlich keine Uniformen mehr trägt. Doch meine Schule, die Queen Elizabeth School, legt großen Wert auf Traditionen und deswegen tragen auch wir Uniform. Das ist ganz gut, denn so spart man am Morgen viel Zeit! Der Unterricht beginnt erst um 9 Uhr. Hier wählt man seine Fächer, drei sind Pflicht. Ich habe mich für Product Design, Business Studies und Textiles entschieden. Product Design und Textiles sind sehr praxisnah: man lernt, wie man an einer Nähmaschine näht und wie man Produkte designt. Mir gefällt der Unterricht sehr, weil man sich schon früh auf das spezialisiert, was man später studieren will.

Ich bereue es auf gar keinen Fall, diese Entscheidung getroffen zu haben. Klar ist nicht immer alles gut, es ist wie eine Achterbahnfahrt – es geht auf und ab. Aber: Gib niemals auf, auch wenn du am Boden sitzt und weinst! Auch wenn am Anfang manches doof erscheint, muss man aus den positiven Sachen neue Kraft tanken. Diese Erfahrung kann mir niemand nehmen!