Havelberg l Wenn nach einem Konzert die Ausführenden, also Chor und Instrumentalisten, sich glücklich anlächeln und die Zuhörer stehend und und mit strahlenden Gesichtern applaudieren, dann muss die Aufführung ja wohl gelungen gewesen sein. Und wenn es sich dabei um das charismatische Weihnachtsoratorium des großen Johann Sebastian Bach in der kleinen Stadt Havelberg handelt, dann darf man ja wohl auch stolz darauf sein.

Bekanntlich erklang vom umfangreichen Werk zu Zeiten des Thomaskantors stets nur eine der sechs Kantaten, jeweils an den wichtigsten Tagen des Weihnachtsfestkreises im Rahmen des Gottesdienstes. Heute wählt man, da das ganze Werk nicht nur die Sänger, sondern auch die Zuhörer überfordern würde, meist drei oder vier Kantaten aus und spielt sie in der Vorweihnachtszeit. Für einen kleinen Chor wie den Havelberger, der sich nur alle 14 Tage zum Proben trifft, ist das eine ganz ordentliche Aufgabe: die Chorsätze sind außerordentlich anspruchsvoll, mit schnellen Läufen und ausgefeilten Fugen, so dass nicht nur die Stimme, sondern auch Konzentration und Einfühlungsvermögen gefordert sind.

Premiere vor 275 Jahren

Gäbe es eine Liste der wichtigsten Kulturgüter Deutschlands, dann hätte das WO, wie es unter jungen Musikern etwas despektierlich genannt wird, seinen Platz ganz weit oben. Die Musik selbst komponierte Bach zunächst zu einem anderen, für ihn sehr wichtigen Anlass, nämlich als Huldigungsmusiken für das neue sächsische Herrscherpaar. Damit unterstrich der Leipziger Kantor seine Bewerbung als „Hofcompositeur“. So entstand Musik mit allerhöchstem Anspruch an musikalischem Können und Publikumswirkung, technisch und emotional ein Gipfel der Kompositionskunst.

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Mag sein, dass mancher Kritiker heute dazu die Nase rümpft. Tatsache ist aber, dass Bach selbst diese wunderbaren Kompositionen nicht in der feudalen Mottenkiste vergessen wollte und sich umgehend daran machte, ihnen passende Texte unterzuschieben für das Fest, das in den christlichen Familien das wichtigste des Jahres war - und bis heute ist.

1743, vor genau 275 Jahren, erklang diese Musik zum ersten Mal. Mit den Jungs und den jungen Männern der Thomasschule und mit den Leipziger Stadtpfeifern, jede Stimme vielleicht nur mit vier Sängern besetzt, auch die Solostimmen aus dem Chor - geschont hat Bach seine Leute wirklich nicht!

Spende für die Orgel

Das Havelberger Konzert begann mit einem großen Dank von Domkantor Bensch an alle Unterstützer des Orgelprojekts in der Stadtkirche. Dazu gab es eine Art Weihnachtsgabe von der Ostdeutschen Sparkassenstiftung und der Sparkasse Stendal, begleitet von einem engagierten Grußwort des Vorsitzenden Friedrich Wilhelm von Rauch, der nicht nur die Leistung des jungen Havelberger Kantors, sondern auch die Bedeutung der Stadtkirche für die Stadt selbst und aller solcher Zeugen der Vergangenheit hervorhob: „ Wir brauchen Denkmäler, die uns prägen!“

Dann also: Pauken, Trompeten. Das Orchester – eine Vereinigung des „Orchesters für Alte Musik Vorpommern“ und der „Akademie für alte Musik Stettin“ – war großartig mit seinen Barockinstrumenten, jenen heute so hervorragend nachgeschaffenen, warmen Klangkörpern, wie sie von Freunden alter Musik so geliebt werden. Prägnant die Bläser, wunderbar die Streicher unter ihrem Konzertmeister Mikolaj Zgólka, der auch die Sologeige spielte. Markant und klangstark besonders die Bassguppe mit zwei prächtigen Celli, einem virtuosen Fagott und einem imposanten Violone.

Intensive Proben

Kollegial und geduldig waren die Musiker auch. Schließlich war ja ein äußerst intensiver Probentag dem Konzert unmittelbar vorangegangen, wo jeder Ton inklusive der Begleitung der Rezitative erwogen worden war. Den Havelberger Chor unterstützte wie so oft das befreundete Vokalensemble Hamburger Mozarteum. Auch die sympathischen Solisten fügten wunderbar ein. Jede Arie, von „Bereite dich, Zion“ und „Großer Herr und starker König“ über das schwierige „Frohe Hirten, eilt“ bis zu „Nur ein Wink von seinen Händen“ in der sechsten Kantate, um nur einige zu nennen, war voll von anrührendem Ausdruck.

Für einen engagierten jungen Kirchenmusiker wie Matthias Bensch ist die erste Aufführung von Bachs Weihnachtoratorium natürlich etwas Besonderes. Der Domkantor hatte sich unglaublich akribisch vorbereitet. Beim Dirigieren vergisst er sich in der Musik. Die großen Chöre nahm er mit bemerkenswertem Tempo, die weltberühmten Choräle dagegen formte er in einem geradezu barocken Pathos. Zum Schlusschoral mit den wundervollen Trompetenfiguren erstrahlte in der Tat, wie Albert Schweitzer gesagt hatte, ein „Triumphlied von unnachahmlicher Größe“. Ein ­Triumphlied des Lebens.