Elbe-Havel-Land l Erst die schwer verletzte Hündin Ira, die vom Wolf angegriffen wurde, dann ein zweiter, zum Glück nur leicht verletzter Schutzhund und eine ausgebrochene Herde, am Mittwoch ein gerissenes 90-Kilo-Schaf und am Wochenende zwei halb aufgefressene Lämmer – „jetzt reicht es! Das kann ich einfach nicht mehr ertragen und auch nicht verantworten. Ich rücke ab. Der Wolf würde ja doch immer wieder kommen und sich bedienen. Und was ist, wenn die Herde ausbricht und hier nicht weit weg von der B 107 auf die Straße und in ein Auto läuft? Das will ich nicht riskieren.“

Gestern Morgen rollte am Polderdeich bei Sandau ein Viehtransporter der Erzeugergemeinschaft Dähre an. Torsten Kruse und sein Sohn Christian hatten die 150 Schafe der Rasse „Suffolk“ schon zusammengetrieben. „Zum Glück konnte das Unternehmen so schnell helfen, dafür bin ich dankbar. Ich will die Herde keine Nacht länger auf dem Polder lassen. Dabei wächst gerade jetzt nach dem Regen gutes Futter heran.“

Zügig waren die Schafe verladen und es ging auf die einstündige Fahrt nach Uthmöden bei Haldensleben. Hier ist Schäfer Kruse beheimatet. Eigentlich kommen die Schafe erst im Oktober von den Deichen zurück und bleiben auf den heimischen Wiesen, bis es im Januar in den Stall geht. „Ich hoffe, das Futter reicht. Denn die Schafe fressen ja nun schon das, was eigentlich bis Oktober stehen würde.“

Einschränkungen auf Deichen

Am liebsten würde Torsten Kruse auch die andere große Herde vom Elbdeich nach Hause holen. Mit den inzwischen drei Monate alten Lämmern hat er das auch vor wenigen Tagen getan. Aber die 500 Mutterschafe müssen auf dem Abschnitt zwischen Fischbeck und Sandau bleiben – nicht nur, weil der mit dem LHW zur Schafhutung auf dem Deich geschlossene Vertrag zu erfüllen ist, sondern auch wegen des Futters. Obwohl auch das nicht wie gewünscht wächst. „Gerade auf den neuen Deichen an der Elbe wächst kaum noch Gras, das meiste ist irgendwelches Unkraut, das die Schafe nicht wollen.“ Dazu kommt, dass wegen der Baustellen und der Radwege weniger Platz und die Mühe, die Schafe täglich ein Stück weiter umzupferchen, noch größer ist.

Einschränkungen wegen der Baustellen und Radwege, wenig Futter, Angst vor Wolfsangriffen – „Spaß macht das alles nicht mehr!“ sagt Torsten Kruse, der trotz allem nicht resignieren will. Schäfer zu sein ist sein Traum. „Aber es wird immer schwieriger, vor allem wegen der Wölfe. Wir tun alles, um unsere Herden irgendwie zu sichern: haben höhere Netze angeschafft, stärkere Weidezaungeräte und 2016 auch noch Herdenschutzhunde. Und was tut die Politik? Gar nichts! Da wird nur geredet und an das Wohl des Wolfes gedacht. Um den finanziellen Aufgleich nach Wolfsangriffen müssen wir auch noch kämpfen. Die zwölf Herdenschutzhunde, die ich anschaffen musste, wollen ordentlich fressen – das kostet! Futtergeld aber gibt es bislang nicht.

Existenz ist gefährdet

Seit 2009 lässt Torsten Kruse seine Schafe östlich der Elbe auf dem Deich grasen, seit 2016 sind je Herde zwei bis drei Schutzhunde dabei. Die können aber auch nicht immer verhindern, dass die Wölfe Beute machen. Entweder werden sie selbst Opfer oder sie müssen hilflos zusehen. „Die Wölfe kommen ja meist nicht allein. Sie bringen die Herde so in Aufruhr, dass sie ein Teil der Herde über den Zaun aus dem Pferch rausdrücken. Die Hunde aber sind so trainiert, dass sie nicht über den Zaun gehen.“ Torsten Kruse sorgt sich vor dem, was da noch kommt. „Die Wölfe nehmen immer mehr zu, sie haben ja keine Feinde. Und sie wissen, wo sie fetten Beute machen können. Seit ich hier im Elbe-Havel-Land bin, wurden schon über 30 Schafe gerissen.“

Nun ist Torsten Kruse erst einmal froh, einen Teil seiner Schafe in Sicherheit zu haben. Er fordert von der Politik, dass mit entsprechenden Gesetzen das weitere Ausbreiten der Wölfe hindert wird, „ansonsten kostet uns Schäfer das die Existenz“.