Volksstimme: Ist es die Regel oder eher die Ausnahme, dass sich für Praxen in ländlichen Regionen kein Nachfolger findet?

Dr. Burkhard John, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt (KVSA): Die Anzahl der vertragsärztlichen Versorgungsaufträge in Sachsen-Anhalt konnte innerhalb der letzten fünf Jahre relativ konstant gehalten werden. In den kreisfreien Städten ist ein leichter Rückgang um 1,5 Prozent zu verzeichnen, in den Landkreisen ein Zuwachs von 0,5 Prozent. Ein Versorgungsauftrag entspricht dabei einer Vollzeitstelle in der ambulanten Versorgung. Obwohl dies erst einmal nicht schlecht erscheint, ist es in ländlichen Regionen und auch generell außerhalb der Großstädte Halle, Magdeburg und Dessau-Roßlau jetzt schon schwierig, Nachfolger für ausscheidende Vertragsärzte zu finden. Ist eine Praxis besonders spezialisiert, wie es auch bei der Praxis von Herrn Dipl.-Med. Bernd Hesse der Fall war, ist eine Nachfolgersuche noch schwieriger, weil sich der mögliche Kreis potenzieller Interessenten noch weiter verkleinert.

Kann die KVSA einschätzen, warum das so ist?

Wir differenzieren dies für Haus- und Fachärzte. Hausärzte könnten sich derzeit in 26 von 32 Planungsbereichen frei niederlassen. In den anderen Planungsbereichen müssten sie auf die Möglichkeit einer Praxisübernahme warten. Dies ist ein Ergebnis der Bedarfsplanung, die auch eine gleichmäßige Verteilung von Ärzten zum Ziel hat. Dazu leistet diese Regelung auch einen wichtigen Beitrag. Gemessen an den Anfragen bei unseren Niederlassungsberatern dürfte ohne Regulierung der Andrang auf die Städte Halle und Magdeburg eindeutig zulasten der Versorgung in den Landkreisen von Sachsen-Anhalt gehen.

Nach einer Prognose fehlen bis zum Jahr 2032 über 260 Hausärzte, um den Arzt- und Versorgungsstand von 2017 zu halten. Dabei sind nachrückende Hausärzte anhand bisheriger Entwicklungen schon berücksichtigt worden. Je mehr Möglichkeiten nun für nachrückende Ärzte bestehen, desto bedeutender ist es, die Attraktivität eines Standortes herauszuarbeiten. Hier wirken wir mit unserem Maßnahmeplan entgegen, um durch Sicherstellungszuschläge die Attraktivität drohend unterversorgter Bereiche durch Förderungen zu erhöhen.

Im fachärztlichen Bereich ist erkennbar, dass es wenig Nachfolger in den Fachgebieten Dermatologie und Augenheilkunde gibt, dies gilt auch für Psychiater. Nur noch wenige Kliniken haben in diesen Fachgebieten Stationen. Damit entfällt auch die Facharztweiterbildung im stationärem Bereich. Dies wirkt sich natürlich auch auf die Menge und Verteilung der Facharztabschlüsse aus. Ein weiterer Aspekt ist, dass Fachärzte typischer Weise einen größeren Einzugsbereich haben als Hausärzte, sie benötigen zum Betreiben Ihrer Praxis deutlich mehr Einwohner im ihrem Einzugsgebiet. Damit siedeln sich Fachärzte eher in städtischen Bereichen an.

Gibt es Zahlen, wie viele Praxen in Sachsen-Anhalt in den vergangenen Jahren geschlossen wurden?

Wir halten es aus Sachgründen für sinnvoller, die Entwicklung der Anzahl der Versorgungsaufträge zu betrachten. Dies deshalb, weil im nicht gesperrten Planungsbereich sogar Ärzte durch Neuniederlassung hinzukommen können, obwohl gleichzeitig eine Praxis ersatzlos geschlossen wird. Weiterhin hätte auch ein Praxisnachfolger die Möglichkeit, bei der Übernahme einer Praxis den bisherigen Vertragsarztsitz unter bestimmten Gründen zu verlegen. Eine Auswertung von geschlossenen Praxissitzen würde deshalb nur bedingt aussagefähig sein. 2017 gab es 3209,5 Versorgungsaufträge, 2013 waren es 3201.

Wer könnte darauf Einfluss nehmen, dass sich (mehr) Ärzte in ländlichen Regionen ansiedeln und vor allem wie?

Hier muss sicherlich unterschieden werden zwischen den speziellen und allgemeinen Maßnahmen. Insbesondere um die hausärztliche Versorgung in drohend unterversorgten ländlichen Gebieten zu sichern, hat die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt bereits 2002 einen umfangreichen Maßnahmeplan aufgestellt, der über die Jahre immer wieder erweitert wurde. Für eine hausärztliche Niederlassung im ländlichem Gebiet sind Förderungen bis zu 60.000 Euro möglich, die gemeinsam mit den Krankenkassen aufgebracht werden. Das Maßnahmenpaket umfasst dabei nicht nur die Förderung der Niederlassung von Ärzten, sondern setzt auf unterschiedlichen Ebenen an. Es bestehen zahlreiche Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten bei der Absolvierung von Praktika und Weiterbildungen. Auch Stipendien für Medizinstudierende, die im Gegenzug in Sachsen-Anhalt tätig werden wollen, können vergeben werden. Das Angebot einer Praxis- und Kooperationsbörse ermöglicht die Vermittlung von abgebenden und suchenden Ärzten. Hier zeigt sich, dass die frühzeitige Registrierung eines Praxisabgabewunsches entscheidend ist, um mögliche Nachfolger zu gewinnen.

An allgemeinen Maßnahmen muss sicherlich auf die Angebote vor Ort eingegangen werden. Neben Erleichterungen bei der Umsetzung einer Niederlassung hilft es sicherlich, Angebote an Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten zur Verfügung zu haben.

Bezüglich der angesprochenen Praxis hat die Kassenärztliche Vereinigung diese als sogenannte Sicherstellungspraxis, verbunden mit der Möglichkeit der Zusage einer Mindestumsatzgarantie, bundesweit im Deutschen Ärzteblatt ausgeschrieben. Bislang leider ohne Erfolg.

Für die Zukunft würden wir es als sehr wichtig erachten, dass zumindest die sogenannte Landarztquote aus dem von der vorherigen Bundesregierung beschlossenen „Masterplan Medizinstudium 2020“ in Sachsen-Anhalt umgesetzt wird. Hierbei sollen Interessenten am Medizinstudium bevorzugt dazu zugelassen werden, wenn sie sich verpflichten, zumindest eine bestimmte Zeit auf dem Land zu arbeiten.

Wenn Herr Hesse seine Praxis am 31. März schließt, wie viele Praxen gibt es dann noch in Klötze?

Neun Praxen mit 11,0 Versorgungsaufträgen, darunter zwei von der KVSA selbst betriebene Eigeneinrichtungen mit drei Versorgungsaufträgen. Davon wird eine Praxis ab April zukünftig in gleicher personeller Besetzung von dem bisher angestellten Arzt nun selbst in eigener Niederlassung fortgeführt, wozu ich hier herzlich gratuliere. Zwei weitere Praxen sind psychotherapeutisch im Umfang von 1,25 Versorgungsaufträgen tätig.

Welche Arztgruppen werden nach der Praxis-Schließung von Herrn Hesse noch in Klötze vertreten sein?

Augenheilkunde, Innere Medizin (fachärztlich), Frauenheilkunde, Hausärzte (Allgemeinmedizin sowie Innere Medizin), Kinderheilkunde, Psychotherapeuten.

Ihrer Einschätzung nach: Wie gut oder schlecht ist die Einheitsgemeinde Stadt Klötze (10.339 Einwohner zum 31. Dezember 2017) in Bezug auf die medizinische Versorgung aufgestellt, auch im Vergleich zu anderen Städten dieser Größe?

In der näheren Vergangenheit drohte sich die vertragsärztliche Versorgung in Klötze durch die nachfolgerlose Schließung von Praxen zu verschlechtern. Daraufhin wurden zwei Praxisstandorte durch die Kassenärztliche Vereinigung selbst übernommen. In diesen Eigeneinrichtungen sind derzeit zwei Hausärzte vollumfänglich tätig. Zwei Fachinternisten praktizieren abwechselnd. Dadurch konnte ein Rückgang der Versorgungsaufträge zunächst abgemildert werden.

Wer wird die Nachfolge von Herrn Hesse als Kreisstellensprecher antreten?

Leider hat sich bislang noch kein Nachfolger für das Amt des Kreisstellensprechers gefunden.