Klötze l Wenn Martin Müller (Name von der Redaktion geändert) das Haus verlässt, dann macht er sich innerlich auf einen Spießrutenlauf gefasst. Er trägt nämlich keine Maske. Nicht weil er die Mund-Nasen-Bedeckung aus Prinzip ablehnt, sondern weil er aus gesundheitlichen Gründen von der Maskenpflicht befreit ist.

Martin Müller ist Ende 50, wohnt im Gebiet der Stadt Klötze und hatte vor mehr als 30 Jahren einen schweren Unfall. Dabei erlitt er multiple Frakturen im Schädel, im Gesicht und im Kiefer, dazu einen Hörschaden. Auch sein Brustkorb war geöffnet. Darin befinden sich lebenswichtige Organe wie Herz, Lungen, Luft- und Speiseröhre. Müller lag im Koma. Damals, im Krankenhaus, trug er eine Maske. Eine Beatmungsmaske. Letztmals. So hofft er.

Seither ist Müller schwerbehindert. Rein äußerlich sieht man ihm das nicht an. Erst auf den zweiten Blick. Und vielleicht liegt hier das Problem: Woher sollen andere wissen, dass er keine Maske tragen muss?

Müller hat gelernt, mit seinen Einschränkungen, auf die er nicht näher eingehen möchte, zu leben. Er kommt damit klar. Doch ganz aktuell, in Zeiten von Corona, wird ihm seine Behinderung wieder bewusst (gemacht). Mehr als sonst. Weil er keine Maske trägt.

In der Würde verletzt

„Ich werde schief angeguckt, manchmal sogar beschimpft“, berichtet Müller – und versteht die Welt nicht mehr.

Er findet es gut, dass sich der Großteil der Bevölkerung an die Maskenpflicht hält, will aber nicht hinnehmen, dass er von wildfremden Menschen darauf hingewiesen wird. „Ohne jede Befugnis.“ Müller fühlt sich zu Unrecht an den Pranger gestellt, diskriminiert, diffamiert und in seiner Würde verletzt.

Um möglichen Anfeindungen aus dem Wege zu gehen, kauft er möglichst nur noch dort ein, wo man ihn kennt. Vorzugsweise am frühen Morgen oder am späten Abend, wenn die Läden leer sind.

Andererseits will er sich seine Freiheit bewahren und nicht vorschreiben lassen, wie er zu leben hat. Schon gar nicht von Mitbürgern, „die dazu kein Recht haben“. Dass manche Politiker und Städte dazu aufgerufen haben, Corona-Verstöße zu melden, macht es ihm schwer, Denunzianten aber leicht.

Eingriff in die Privatsphäre

Müller hat ein Attest und zeigt es auch vor, aber nur jenen, die dazu berechtigt sind, Polizisten und anderen Ordnungskräften etwa, oder dem Personal in Supermärkten. „Ansonsten geht es keinen was an, was mit mir ist. Das wäre ein Eingriff in meine Privatsphäre“, stellt Müller klar.

In gewisser Hinsicht betrachtet er auch Fragebögen als Eingriff in seine Privatsphäre. Bisweilen soll angekreuzt werden, ob der Geruchs- oder Geschmackssinn beeinträchtigt ist. Wenn Müller dies wahrheitsgemäß mit „Ja“ beantwortet, „bricht gleich Panik aus“. Es dauert lange, ehe Müller aufklären und die Gemüter beruhigen kann.

Weil er sich für die Belange von Behinderten einsetzt, kennt sich der Altmärker aus. Er liest viel, macht sich schlau und weiß: „Es gibt keine allgemeine Maskenpflicht.“ Jeder, der meint, dass dem so sei, sollte sich die Verordnungen genau durchlesen, rät er. „Dann würde man auch auf die Ausnahmen stoßen.“ Demnach sind bestimmte Personengruppen von der Maskenpflicht befreit, Kleinkinder zum Beispiel, Gehörlose oder Behinderte und Kranke, denen die Maske nicht zuzumuten ist und die das auch belegen können.

Ein ungewolltes Etikett

Müller gehört zu diesen Ausnahmen. Er ist behindert, hat ein Attest und die Maske ist ihm nicht zuzumuten. Würde er eine tragen, hätte er einseitig ein ständiges Pfeifen im Ohr, „dazu fühlt es sich an, als würde mich jemand mit tausend Nadeln stechen“.

Obwohl Müller von der Maskenpflicht befreit ist, wird er doch ständig damit konfrontiert. „Ich bin es leid.“ Darum hat er sich jetzt ein T-Shirt angefertigt. Darauf steht: „von Maskenpflicht befreit!“ Darunter prangt sein Attest.

Es widerstrebt ihm zutiefst, sich auf diese Weise selbst ein Etikett umzuhängen, doch Müller will seine Ruhe haben. Allerdings: Jeden Tag wird er dieses T-Shirt nicht anziehen können. Es muss auch mal in die Wäsche. Und draußen ist es kalt, der Winter steht vor der Tür. Manche schreiben schon ihre Wunschzettel.

Der Wunsch von Müller ist es, dass die Menschen im Sinne der Abstands- und Hygieneregeln aufeinander Rücksicht nehmen, ohne sich gegenseitig anzuschwärzen.