Tangelns Genossenschaftschef Günter Willer nach 35 Jahren in den Ruhestand verabschiedet

Motor des Bioenergiedorfes geht

Von Walter Mogk

Großer Bahnhof gestern Vormittag für Günter Willer: Nach 35 Jahren an der Spitze der Tangelner Genossenschaft verabschiedete sich der engagierte Vorstandschef in den Ruhestand. Sein Nachfolger Christian Raapke würdigte das Wirken des Rohrbergers.

Tangeln l Der Feldtag, zu dem das Landwirtschaftliche Unternehmen Tangeln gestern eingeladen hatte, war für viele der erschienenen Gäste fast schon Nebensache. Schließlich galt es, mit Günter Willer jemanden in den Ruhestand zu verabschieden, der 35 Jahre lang dem Betrieb seinen Stempel aufgedrückt und ihn zu dem gemacht hat, was er heute ist. Freunde, Kollegen, Weggefährten, viele Landwirte und Verpächter sowie zahlreiche Ehrengäste folgten der Einladung auf das Unternehmensgelände.

Die ersten, die Günter Willer mit einem Abschiedsständchen beglückten, waren die Mädchen und Jungen der Tangelner Kindertagesstätte. Anschließend wuchs der Berg an Geschenken am Eingang zum Festzelt, zu denen auch ein Stuhl für den Ruhestand gehörte. Auf den freut sich der Rohrberger bei allem Wehmut, schließlich hat er jetzt mehr Zeit für Heim und Familie. "Unsere Urlaubsplanung musste immer den betrieblichen Interessen untergeordnet werden - das wird sich jetzt ändern", versprach Günter Willer seiner Frau Gudrun in seiner Abschiedsrede.

Mit 29 Jahren jüngster LPG-Vorsitzender im Kreis

Christian Raapke, der Willer an der Spitze der Genossenschaft folgt, ließ das Wirken des scheidenden Vorstandschefs noch einmal Revue passieren. Dieser sei am 17. Juni 1980 nach Stationen in den Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) Beetzendorf und Ahlum sowie einem Fachschulstudium in Leipzig nach Tangeln gekommen. "Mit 29 Jahren wurde er jüngster LPG-Vorsitzender im Kreis Klötze", so Raapke.

Die Bedingungen in Tangeln waren ein Schock für Willer. Die LPG mit ihren 73 Mitgliedern galt als "Betrieb mit niedrigem Produktionsniveau" (NPN), es gab keine Werkstatt und nur einen Trecker. Die Kühe und Schweine waren fast alle auf privaten Höfen untergebracht. "Wenn ich gewusst hätte, was mich in Tangeln erwartet, wäre ich nicht gekommen", sagt der 64-Jährige in der Rückschau.

Doch Günter Willer krempelte die Ärmel hoch und legte los. 1985 wurde die Milchviehanlage für 1,3 Millionen DDR-Mark gebaut, 1986 folgte eine Werkstatt für die Technik. Die Wende brachte einen erneuten Umbruch. Aus der LPG wurde das Landwirtschaftliche Unternehmen Tangeln, das am 1. Juli 1991 mit 19 Genossenschaftsmitgliedern gegründet wurde. Jetzt war Günter Willer plötzlich Vorstandsvorsitzender. Die reine Tierproduktion wurde durch die Pflanzenkomponente erweitert. Zugute kam dabei, dass nach der Auflösung der Agrargenossenschaft Ristedt plötzlich 450 Hektar Landwirtschaftsfläche zur Bewirtschaftung zur Verfügung standen.

Die Genossenschaft konzentrierte sich in der Folgezeit auf den Ausbau ihres Kerngeländes. Die Werkstatt am Boxerberg wurde an die Gemeinde verkauft, hier fand die Feuerwehr Unterschlupf. Auch von den privaten Höfen zog sich der Betrieb zurück.

Erneuerbare Energien als zweites Standbein

Ein Problem waren die Altschulden, die sich auf 1,4 Millionen D-Mark summierten. Erst 2004 konnte die Entschuldung abgeschlossen werden, die dem Betrieb neue Luft verschaffte. "Milchproduktion und Lohnarbeit in anderen Betrieben waren unsere Haupteinnahmequelle. Von nun an kamen die erneuerbaren Energien hinzu", berichtete Christian Raapke. Auch hier war Günter Willer der Motor und Ideengeber. Die erste Biogasanlage wurde errichtet und 2009 um ein weiteres Blockheizkraftwerk erweitert. Es folgten ein neuer Melkstand, Photo- voltaikanlagen auf den Dächern und die Erneuerung zahlreicher Gebäude.

Bürgernahwärmenetz für den Ort geschaffen

Willers Vision, das Bioenergiedorf Tangeln, wurde Wirklichkeit. Er rief die Bürgerwärmegenossenschaft Tangeln ins Leben, an der sich zahlreiche Einwohner beteiligten. Über ein Leitungsnetz wurden die angeschlossenen Haushalte mit preiswerter Wärme aus der Biogasanlage des Ortes versorgt.

"Bei all dem hat Günter Willer immer mit unglaublichen Engagement angepackt und auch keine Scheu vor moderner Technik gehabt", lobte Christian Raapke, der seinem Vorgänger genauso viel Kreativität und Gestaltungswille auch für den nun bevorstehenden Ruhestand wünschte.