Böckwitz l Ein Mann im schicken dunklen Anzug. Neben ihm eine Frau im weißen Brautkleid. Vor ihnen befindet sich ein Stacheldraht. Und dahinter die Verwandtschaft. Man winkt sich zu. So nah – und doch so fern. Genau das ereignete sich vor 60 Jahren. Am 16. Oktober 1959. Direkt an der Grenze zwischen der BRD und der DDR. Das Brautpaar stand auf westdeutscher Seite in Zicherie. Die Verwandtschaft auf ostdeutscher Seite in Böckwitz. Es ist ein Sinnbild für die deutsche Teilung. Und ein Bild, das um die Welt ging.

Das Bild zeigt Gertrud und Hugo Dreher. Am Sonnabend kehrte das Paar zurück an den Ort, den es nie vergessen hat. Gertrud Dreher ist heute 81 Jahre alt, ihr Mann zählt 80 Lenze.

Gertrud Dreher, geborene Kuhn, wurde in Polen geboren. 1945 kam sie nach Böckwitz. Doch es gab keine Arbeit. Eine Schwester nach der anderen verabschiedete sich in den Westen. 1954 folgte auch Gertrud. Sie begann, als Hausgehilfin in Vorsfelde zu arbeiten und zog nach Barnstorf.

Hugo Dreher stammt aus Mecklenburg-Vorpommern, flüchtete und landete ebenfalls in der Umgebung von Wolfsburg. Zunächst in Ehmen, dann in Sülfeld. Am 1. Mai 1959 lernte er seine Gertrud beim Maitanz in Weyhausen kennen. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, betonen beide. Ihre Augen funkeln.

Verabredung per Telegramm

Damals hat das junge Glück nicht lange gefackelt. Nur wenige Monate später stand es vor dem Traualtar. Geheiratet wurde in Barnstorf. Ohne die Verwandtschaft aus Mecklenburg-Vorpommern. Und ohne die Verwandtschaft aus der Altmark.

„Am Morgen der Hochzeit“, so erzählt Hugo Dreher, „haben wir ein Telegramm nach Böckwitz geschickt und uns für 15 Uhr verabredet.“ Pünktlich traf er mit seiner Frau vor dem Stacheldraht ein – und sah seine Schwiegermutter Wilhelmine zum ersten Mal. Dazu die Schwägerinnen Olga und Emma. „Ein Grenzsoldat hat sie immerhin bis an den Zehn-Meter-Streifen gelassen“, entsinnt sich Gertrud Dreher. „Später haben wir vom Hörensagen mitbekommen, dass er versetzt wurde.“

Ein frisch vermähltes Brautpaar hüben. Die engste Verwandtschaft drüben. Es war ein bewegender Moment. „Klar, das ging einem schon an die Nieren“, bekennt Hugo Dreher. Seiner Frau war natürlich ähnlich zumute, aber: „Es war nun mal so. Ich bin gegangen und wusste, was das bedeutet.“ Es bedeutete, dass mehr als dieser Blickkontakt nicht möglich war.

Ein Blickkontakt, der mit einem Foto für die Ewigkeit festgehalten wurde. „Das Foto hat mein Cousin gemacht“, berichtet Hugo Dreher. „Unauffällig. Von hinten. Wir wollten keine Aufmerksamkeit erregen.“

Gertrud und Hugo Dreher ließen diesen Moment hinter sich und bauten sich ein gemeinsames Leben auf. Beide arbeiteten im VW-Werk. Hugo Dreher bis zur Rente, seine Frau hörte 1962 auf, dem Nachwuchs zuliebe. Die Eheleute schufen sich in Barnstorf ein Heim, in dem sie bis dato wohnen, bekamen drei Kinder (Torsten, Heike, Birgit) und vier Enkel (Lisa, Sina, Leonie, Anna).

Vergangene Woche haben Gertrud und Hugo Dreher in Barnstorf ihre diamantene Hochzeit gefeiert. Die Gaststätte wird von einer Österreicherin betrieben. „Die hat uns erzählt, dass das Foto in Österreich jedes Kind aus den Geschichtsbüchern kennt.“

Dankbar für den Mauerfall

Wie es dazu kommen konnte, dass ihr Foto eine solche Berühmtheit erlangte, wissen Gertrud und Hugo Dreher nicht. Es ist ihnen auch nicht wichtig. Wichtig war es ihnen aber, noch einmal nach Zicherie-Böckwitz zurückzukehren. Mit der gesamten Familie. „Auf den Spuren der Vergangenheit“, sagt Hugo Dreher und deutet auf seine Enkel. „Für die ist es unvorstellbar, dass Deutschland mal geteilt war. Da können die sich keinen Reim drauf machen.“

Sentimental werden er und seine Frau an diesem Nachmittag nicht. Allenfalls nachdenklich. Den 9. November 1989 verfolgten sie vor dem Fernseher. Auch die Grenzöffnung zwischen Zicherie und Böckwitz am 18. November 1989 bekamen sie mit, blieben aber zu Hause. „Das war uns zu viel Trubel.“ Verwandtschaft in Böckwitz gab es zu der Zeit ohnehin nicht mehr. Die Mutter und Schwestern von Gertrud Dreher hatte es längst nach Ost-Berlin verschlagen.

Für die Wende ist das Ehepaar dankbar. „Das war ein Segen“, betont Hugo Dreher. „Den Menschen geht es besser. Und selbst wenn heute einige schimpfen, Freiheit ist durch nichts zu ersetzen.“

Eine Freiheit, die 1959 nicht bestand. Sehr wohl aber am Sonnabend. Zusammen mit ihrer Familie überqueren Gertrud und Hugo Dreher die Landesgrenze zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Kein Stracheldraht versperrt ihnen den Weg. Die Familie schlendert durch Böckwitz und dann zum Museum. Gertrud Dreher hofft, dort auf Willi Schütte zu treffen. „Er war ein Mitschüler von mir.“

Im Museum ist ein Foto ausgestellt. Es zeigt einen Mann im schicken dunklen Anzug. Neben ihm eine Frau im weißen Brautkleid. Vor ihnen befindet sich ein Stacheldraht ...