Kusey l Heute Mittag ist es so weit. Dann wird sich eine Gruppe von enthusiastischen Fans auf den Weg zum Eurovision Song Contest (ESC) nach Israel machen. Von Berlin aus geht es mit dem Flugzeug nach Tel Aviv. Gegen 18 Uhr werden Petra Schütte und Co. dort ankommen. Der Zeitunterschied beträgt eine Stunde.

Seit 2013 lassen sich die Kuseyer keinen ESC entgehen. Und normalerweise ist die Vorfreude riesengroß. Doch dieses Mal wird die Stimmung getrübt. Denn vom 3. bis zum 6. Mai flogen Raketen und Mörser aus dem Gaza-Streifen auf Israel. Für das Grenzgebiet besteht weiterhin eine Reisewarnung des Auswärtigen Amtes. „Wir haben ernsthaft überlegt, die ganze Sache abzublasen“, gesteht Schütte. Sie rief sogar bei der Versicherung an und fragte, ob die Reisekosten erstattet würden. Antwort: „Die Gefahr eines Krieges reicht dafür nicht aus.“ Doch letztlich überwog bei ihr und allen anderen die Zuversicht, dass nichts passieren werde. „Ich habe mit einer Freundin aus Leipzig gesprochen, die schon da ist. Sie hat gesagt, dass in Tel Aviv alles seinen gewohnten Gang geht.“ Außerdem vertraut sie darauf, dass die Organisatoren den ESC absagen würden, wenn für Teilnehmer und Besucher ein Risiko bestünde.

„Der ESC ist etwas Besonderes. Schade, dass er durch diesen Konflikt beeinträchtigt wird.“

Kurzum: Die Kuseyer werden sich das Ereignis nicht entgehen lassen, wenngleich auf der Veranstaltung ein Schatten liegt. „Der ESC ist etwas ganz Besonderes. Es ist einfach schade, dass er durch diesen politischen und religiösen Konflikt beeinträchtigt wird“, findet Schütte.

Ähnlich verhält es sich mit dem Verhältnis zwischen Deutschen und Juden, das durch den Holocaust belastet ist. „Darum lassen wir auch die schwarz-rot-goldenen Fahnen zuhause“, berichtet die 48-Jährige, die nicht provozieren möchte.

Nach Tel Aviv wird sie von Verwandten und Freunden begleitet, darunter ihre 19-jährige Tochter Hanna, die aus Leipzig anreist, sowie Dana und René Eggert aus Kusey. In Tel Aviv werden sie „wie in einer WG“ eine Ferienwohnung beziehen. Aus praktischen Erwägungen. „Die ESC-Nächte sind lang und müssen noch ausgewertet werden. Das Frühstück im Hotel würden wir sowieso verpassen. So sind wir unabhängiger“, erklärt Schütte, die sich bereits ausgiebig über die örtlichen Gegebenheiten erkundigt hat. Demnach ist es um den Öffentlichen Personennahverkehr in Tel Aviv nicht so gut bestellt, eine U-Bahn gibt es nicht. Daher könnte das Fahrrad eine Alternative sein. Vom Ferienhaus bis zum ESC-Gelände sind es zwölf Kilometer. Es soll aber auch einen Shuttle-Service geben, hat Schütte erfahren.

Bis zum 19. Mai wird sie mit ihrer Clique in Israel bleiben. Fest eingeplant ist ein Ausflug nach Jerusalem. Im Vordergrund steht aber natürlich der ESC. Schütte und ihre Mitstreiter haben Karten für ein Halbfinale und den Jury-Entscheid, nicht aber für das große Finale am Sonnabend. „Das ist zu teuer. Da gehen wir lieber zum Public Viewing.“ Ohnehin ist es ziemlich kompliziert, an die begehrten Tickets zu gelangen. „Sobald der Austragungsort für den nächsten ESC feststeht, muss man buchen. Sonst kostet es das Dreifache“, weiß Schütte aus Erfahrung. Wert hat sie darauf gelegt, mit ihrer Tochter an der Autogrammstunde im Euro-Club teilnehmen zu können. „Da kann man die Künstler aus nächster Nähe erleben.“

Gespannt ist sie vor allem auf die Kandidaten aus Island. „Wie Rammstein im Sado-Maso-Stil.“ Ihr Favorit ist aber Sergey Lazarev, der von Russland nach 2016 zum zweiten Mal ins Rennen geschickt wird. Den Schweizer Luca Hänni, der 2012 die neunte Staffel der Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“ gewann, findet sie „ganz niedlich“. Außerdem schwärmt sie für die Italiener. „Das sind meistens schöne Männer.“ Hingegen rechnet Schütte dem deutschen Beitrag, „S!sters“, keine Siegchancen aus. „Wir drücken Carlotta und Laurita natürlich die Daumen. Die haben wirklich tolle Stimmen, aber das Lied ist schlecht.“

„Wenn du den ESC einmal erlebt hast, hörst du nicht mehr auf. Das ist wie eine positive Sucht.“

Die Mutter von Carlotta hat Schütte sogar zufällig beim Vorentscheid in Berlin kennengelernt und ihr angeboten, während des ESC in der Ferienwohnung unterzukommen. Die lehnte zwar dankend ab, doch es sind genau diese persönlichen Begegnungen, die Schütte am Eurovision Song Contest so faszinierend findet. Beispielsweise traf sie auch schon Peter Urban, den legendären Kommentator mit der markanten Stimme. „Das sind alles Erlebnisse, die man nicht missen möchte“, betont Schütte, die sich gerne an 2018 und den Auftritt von Michael Schulte erinnert. „Gänsehaut pur.“

Ihre Leidenschaft für den ESC entwickelte Schütte übrigens 1979. Seinerzeit erreichte „Dshingis Khan“ beim Grand Prix mit dem gleichnamigen Titel den vierten Platz. Lange hatte Schütte davon geträumt, doch dauerte es bis 2013, ehe sie erstmals live dabei war. „Damals fand der ESC in Malmö statt. Wir haben oft Urlaub in Skandinavien gemacht. Da hatte ich dann keine Ausreden mehr. Und wenn du dieses Spektakel einmal erlebt hast, hörst du nicht mehr auf. Das ist wie eine positive Sucht“, erzählt Schütte.

Da die 48-Jährige ein bisschen an Flugangst leidet, ging es anfangs immer mit dem Auto zum ESC: 2014 nach Kopenhagen, 2015 nach Wien – „Conchita Wurst war so rührend“ – 2016 nach Stockholm, 2017 sogar nach Kiew – „wir waren zwei Tage unterwegs, zwischendurch erkannte das Navi die Straßen nicht mehr, ein Abenteuer“ – und 2018 dann erstmals mit dem Flieger nach Lissabon.

Das Schönste am ESC ist für Petra Schütte das ganze Drumherum, „diese einmalige Atmosphäre mit verrückten Fans aus aller Welt“. Und, wer es noch nicht wusste: „Der ESC ist DIE Veranstaltung für Schwule. Den haben die sich zu eigen gemacht.“ Für Frauen hat das laut Schütte einen entscheidenden Vorteil: „Es gibt keine langen Schlangen vor der Toilette.“