Klötze l Am 4. November 1958 legte Alfred Wehmann aus Klötze seine Prüfung zum Uhrmachermeister ab, am Freitag bekam er in Magdeburg von der Handwerkskammer den diamantenen Meisterbrief verliehen. „Das war wunderbar“, schwärmt Wehmann von der Festveranstaltung im Haus des Handwerks. Dort wurden insgesamt 23 diamantene und 17 goldene Meisterbriefe an Menschen aus verschiedenen Berufsfeldern überreicht.

Seine Ausbildung machte Wehmann von 1949 bis 1952 bei der Firma Klöber in Klötze. „Da gab es verwandtschaftliche Beziehungen, das hat sich so ergeben“, erzählt der 84-Jährige im Gespräch mit der Volksstimme. An Arbeit mangelte es seinerzeit nicht. „Nach dem Krieg wurden viele alte Uhren zu uns gebracht, die wieder aufgearbeitet werden mussten.“

Uhrensammlung

Zehn Jahre blieb Wehmann in dem Betrieb. Am 1. August 1959 wechselte er dann in die PGH (Produktionsgenossenschaft des Handwerks) Elektro Klötze und baute dort eine spezielle Abteilung für Uhren-Reparaturen mit 14 Arbeitsplätzen auf. Fast aus der ganzen DDR, so zum Beispiel aus Berlin oder dem sächsischen Torgau, wurden Uhren zur Reparatur nach Klötze gebracht. Doch nach der Wende wurde die PGH aufgelöst und Wehmann wagte den Schritt in die Selbständigkeit. An der Salzwedeler Straße 58, das Gebäude wurde neu gebaut, eröffnete er am 1. Dezember 1991 ein Fachgeschäft für Uhren und Schmuck.

Auch mit 84 Jahren ist er dort noch fast jeden Tag für ein paar Stunden anzutreffen. Kein Wunder, denn Uhren sind die Leidenschaft von Alfred Wehmann. So war es zur Lehrzeit, und so ist es immer noch. Zuhause hat er eine Sammlung von historischen Uhren. „Das ist mein Hobby. Meine älteste Taschenuhr ist aus dem Jahr 1677.“ Einst waren Uhren die reinsten Wunderwerke, angefertigt aus den edelsten Materialien. „Ich habe einen riesigen Respekt vor den Kollegen, die Uhren damals in reinster Handarbeit hergestellt haben“, betont Wehmann. Er weiß allerdings, dass Uhren ehedem anders gingen. Im wahrsten Sinne des Wortes. „Wenn die Uhr nur 15 Minuten falsch ging, hatte man Glück.“ Die Regel waren aber mehrere Stunden.

Wehmann fasziniert, dass selbst einfache Uhren aus 50 bis 70 Teilen bestehen und hochwertige Fabrikate sogar aus mehreren 100. Die teuerste Armbanduhr der Welt, hergestellt in der Manufaktur Glashütte, hat seines Wissens nach einen Wert von 1,2 Millionen Euro. „Da ist an Mechanik alles drin, was jemals erfunden wurde“, berichtet Wehmann.

Um aufzuzeigen, wie wichtig Uhren sind, zieht er die Seefahrt heran. „Um genau navigieren zu können, braucht man den Längengrad. Und um den bestimmen zu können, braucht man präzise Zeitmessungen“, erklärt der erfahrene Uhrmachermeister, dem auch bekannt ist, dass Sonnenuhren nur zur Sommer- beziehungsweise Winterwende exakt und ansonsten um bis zu 14 Minuten falsch gehen.

Im Laufe seines Berufslebens hat Wehmann 21 Auszubildende zum Abschluss gebracht. 18 Jahre lang war er Mitglied für die Facharbeiterprüfungskommission für die dazumal acht Altmarkkreise. Ferner war Wehmann bei der Meisterprüfungskommission für den Bezirk Magdeburg, Mentor bei Meisterprüfungen, Mitglied des Technisch-Ökonomischen Rates im Bezirk Magdeburg und 20 Jahre lang arbeitete er für die Bezirkshandwerkskammer Magdeburg in der Kommission „Wissenschaft und Technik“.

Nachwuchsmangel

Mittlerweile sind Uhrmacher aber selten geworden. Grund: Der Nachwuchs fehlt. „In unserem Einzugsbereich gibt es aktuell keinen einzigen Lehrling“, informiert Wehmann, der seit Beginn seiner Selbständigkeit auch keinen Azubi mehr hatte. Das hat vor allem wirtschaftliche Gründe. „Die Vergütung kann sich kein Betrieb mehr leisten“, meint Wehmann. Und: „Anderswo sind Lehrlinge nach einer gewissen Zeit fast vollwertige Arbeitskräfte, aber unser Beruf ist ein reiner Übungsberuf. Man muss üben, üben und nochmals üben.“

Wehmann selbst geht das nicht anders. „Ich lerne jeden Tag dazu. Auch mit 84 Jahren.“

Sein Geschäft hat er bereits am 1. Februar 2001 an seinen Sohn Thomas übergeben, der ebenfalls ein Meister seines Faches ist. Ob die Branche eine Zukunft hat? Alfred Wehmann hofft es. Wenngleich ihm bewusst ist, „dass manche Leute gar keine Uhren mehr haben. Denen reicht die Uhr im Auto oder das Handy.“ Jedoch erkennt er auch ein Umdenken: „Gute mechanische Uhren sind wieder im Kommen.“