Glinde l „Meine Kollegen sind schon in der Lichtmess-Küche. Aber da gehen wir nicht hin. Wir machen jetzt unsere Runde“, sagt Christoph Randel zu mir. Das Vorstandsmitglied will heute die Bautrupps inspizieren, um für seine „Kommentierung“ im Bilde zu sein. Randel ist einer von zwei Sprechern, die am Lichtmesstag die einzelnen Festwagen erklären. Was mich still erheitert, ist der Begriff „Lichtmess-Küche“. In Glinde werden also schon Wohnräume nach dem Fest aller Feste benannt. In diesem Fall trifft sich einer der Bautrupps in diesem Raum. Gibt es eigentlich auch Wohn-, Bade- oder Schlafzimmer mit diesem Vorsatz …?

Bei der Auftaktveranstaltung am 28. Dezember hatten die Glinder „Mannslide“, wie der selige Nestor Wilhelm Trittel früher so gerne plattdeutschte, ihr erstes Kreativ-Treffen im „Goldenen Anker“. In diesem Wirtshaus schmieden die Mannsleute alle Jahre wieder Nägel mit Köpfen für den Umzug. Auch der Nachwuchs trifft sich dort. Allerdings nicht im Saal, wo die „Großen“ Bier trinken und zur vorgerückten Stunde Herrenwitze erzählen, sondern im „Himmelreich“. So wird ein kleiner Raum abseits des Tresens genannt. (Was auch schon wieder ein Umstand ist, über den man blumige Zeitungsartikel schreiben könnte …)

Lautstark Rabatz machen

Zum Auftakt Ende Dezember geht es zunehmend aber auch ums Marketing. Denn wer heute nicht mehr oder weniger lautstark Rabatz macht, hat schon verloren. Aktuell ist die Glinder Werbung nicht laut, dafür aber unübersehbar. So tut in Magdeburg-Salbke eine unglaublich lichtstarke Werbetafel die Lichtmess am „2.2.2020“ täglich 300-mal kund.

Bilder

Christoph und ich stiefeln los. In der Dorfstraße kommt Slim Puder angeradelt. Er hat einen Klaufix am Fahrrad, in dem sich Werkzeug stapelt. Auffällig ist eine umfunktionierte Ledertasche, wie sie die Erstklässler zwischen 1949 und 1989 auf dem Rücken trugen. Slim ist Tischlermeister und seit Kindesbeinen Lichtmess-Aktiver. „So einen Job wie du möchte ich auch mal machen“, grinst er Christoph an. Diese Frotzelei bezieht sich auf dessen Moderation. Randel muss nicht bauen, sondern „nur“ sprechen.

Als erstes besuchen wir Gerlinde Starke. Sie ist ein Paradebeispiel dafür, welche Rolle Frauen im Hintergrund spielen. Für Uneingeweihte: Die Lichtmess ist ein ultra-reines Männerfest. Die aktive Teilnahme von Damen wäre etwa so, als würde Saudi-Arabien Preisboxerinnen beschäftigen.

Schneiderkurs für die Damen

Gerlinde ist Schneiderin. Sie näht Fracks und andere Kostüme für die Herren. Im vergangenen Jahr traf sie und ihren Mann Karl-Heinz - er ist im Umzug Einzeldarsteller - ein Schicksalsschlag. Es brannte im Keller, wo ein Teil des Lichtmess-Fundus verkohlte. Doch Gerlinde Starke hat sich wieder hoch gerappelt und näht. Sogar einen Schneiderkurs für die Damen des Dorfes bietet sie an.

Wir ziehen weiter. Auf dem Hof „Glinde Nummer 35“ begrüßt uns ein ähnlicher Klaufix wie der von Slim Puder, den wir vor zehn Minuten auf der Straße gesehen haben. Doch der Karren hat einen anderen Inhalt: Farbe, einen Akkuschrauber und eine Kiste Bier.

Hier werkeln Slim Puder, Steffen Kutschbach, Jens Siegesmund und Stephan Kodel. „Was wir hier bauen, willst du wissen? Sagen wir nicht“, stellt Steffen klar.

Es brennt noch Licht im keller

Soweit kommt es noch, dass die Volksstimme schon vorher ausposaunt, was Sache ist. „Nur soviel“, ergänzt Slim, „das hat etwas mit einem prähistorischen Zeitmesser zu tun.“

Aha. Genau so gut hätte er sagen können, beim Mann im Mond brennt noch Licht im Keller.

Auch auf dem Gelände von Frank Fabian ist nicht klar, was gebaut wird. Es scheint, in Glinde herrscht zur Lichtmess ein ähnlich großer Verschwiegenheitskodex wie bei den Freimaurern. Bei Vollbart Frank, dem erfrischenden Ortschafts- und Stadtrat, wird doppelt gewerkelt. Im Hintergrund pinseln drei kleine Jungen ein „Etwas“. Sie werden von ihren Muttis betreut, die wie eine Schar Hühner beiseite springen, als stürze der Habicht auf sie los. Der Grund: Ich möchte sie zusammen mit ihren Sprösslingen fotografieren. Frauen und Lichtmess? Und dann noch abgelichtet! Das geht gaaaar nicht. Siehe oben.

Kinder mit Kasten Cola

Die Jungen sind allesamt fünf Jahre alt und gehören zu einem der vier Kinderbautrupps. Neben ihnen steht ein Kasten Cola. Einige Meter weiter zieht Frank Fabian - er ist der Papa von einem der Nachwuchs-Knaben - auch gerade eine Flasche aus der Kiste. Es ist - wie sich der geneigte Leser denken kann - allerdings Bier. Zusammen mit Michael Wendt und Arno Broermann baut er …, ja, was? „Wir bedienen ein medizinisches Thema“, grinst Fabian. Erst nach hartnäckiger Nachfrage rückt er mit einem Detail raus. „Es geht um den Krankenschein.“

Soso. Wer mal googelt, wird um dessen Jubiläum wissen.

Die nächste Station, die wir inspizieren, befindet sich in der Pömmelter Dorfstraße. Jawohl, in Pömmelte! Hier ist der Hof von Daniel Hardtke, der jede Menge Platz bietet. Vor einigen Jahrzehnten wäre die Teilnahme „eines Pömmelters“ im Glinder Umzug noch „höchst problematisch“ gewesen. Denn beide Dörfer pflegten früher eine mehr oder weniger freundschaftliche Konkurrenz zueinander. Heute - in Zeiten der Globalisierung - nur noch ein bisschen.

Das Urvieh aus Russland

Bei Daniel klappt mir der Unterkiefer herunter. Vier Männer schrauben an einem Monstrum, das aus der Phase des weltweiten Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus übrig geblieben ist. Der Lkw Marke „Kraz“ wirkt mit seinem rotweißen „CA-Emblem“ wie aus der Zeit gefallen. Wenn der am 2. Februar durch die Straßen Glindes bullert, sollten die nachfolgenden Trupps Abstand halten. Denn die Kriegsmaschine dieselt so einige Abgaswölkchen heraus. Der Fahrer muss zudem Muskeln haben, denn die Sowjetmaschine hat keine Lenkhilfe. Das Urvieh dürfte jedenfalls ein sensationelles Bild abgeben. Der gemischte Pömmelte/Glinde-Bautrupp hat sich einen originellen Kontext einfallen lassen. Auf dem Lkw stehen drei Beton-L-Segmente, das Stück 900 Kilogramm schwer, die verdammt an den antifaschistischen Schutzwall erinnern … Man darf also gespannt sein, was da in einer Woche alles so durch die friedlichen Straßen von Glinde rollen wird.

Lichtmessumzug, Sonntag, 2. Februar, ab 14 Uhr