Magdeburg l Es ist Heiligabend. Um die Mittagszeit. Hannelore  F. (Name geändert) steht vor dem Eingang zum Neuen Sudenburger Friedhof. In einem Körbchen hat sie ein Grabgesteck verstaut. Auch eine dicke Decke hat sie mitgebracht, um unbeschadet über das Tor zu gelangen. „Ich werde meinen Vater besuchen“, sagt sie entschlossen, „ich komme seit Jahren hierher, immer Heiligabend. Daran wird sich in diesem Jahr nichts ändern.“ Doch erstmals in 33  Jahren kann die Magdeburgerin den Friedhof nicht durch das Tor betreten.

Der evangelische Friedhof ist über die Weihnachtszeit geschlossen. Ein Unding, findet die Magdeburgerin. Gerade während dieser Zeit wollten viele Menschen ihre verstorbenen Angehörigen besuchen, ist sie überzeugt. Kerzen und Blumen, die auf einem Mauersims neben dem Friedhofstor abgelegt sind, zeugen davon.

Schlupfloch im Zaun

Hannelore F. bahnt sich den Weg zum Grab ihres Vaters – nicht über das Tor, sondern durch ein Loch im Zaun klettert sie. „Ein bisschen gefährlich ist es auch, denn unter dem Laub liegen Äste“, sagt die Mitfünfzigerin. Dann hat sie es geschafft, steht auf der anderen Seite des Friedhofstores und geht über den Hauptweg zum Grab ihres Vaters. Angst hat sie trotzdem: „Wer weiß, wer noch so auf dem Friedhof ist.“ Andere Besucher jedenfalls nicht. Und auch ihre Tochter hat Hannelore F. dieses Mal nicht mitgenommen. Sie will nicht, dass sie eine Anzeige wegen Hausfriedensbruches erhält, sollten die beiden ertappt werden.

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Wie Hannelore F. haben auch andere das Schlupfloch gefunden und sich vom verschlossenen Friedhofstor nicht abhalten lassen. Denn fünf Tage nach Heiligabend ist ein richtiger kleiner Trampelpfad entstanden.

Friedhof wieder geöffnet

Annett Ullrich von der Friedhofsverwaltung begründet die vorübergehende Schließung der letzten Ruhestätte gegenüber der Volksstimme mit der Friedhofssatzung. Danach können Friedhöfe geschlossen werden, um Gefahren für die öffentliche Sicherheit und Ordnung abzuwenden. Genau dieser Fall sei eingetreten. Denn der Mitarbeiter, der den Friedhof betreut, sei kurzfristig schwer erkrankt. Ersatz gebe es nicht. Die Entscheidung, den Friedhof ganz zu schließen, hätten sich die Verantwortlichen nicht leicht gemacht. Doch ein „Betreten-auf-eigene-Gefahr“-Schild würde versicherungstechnisch nicht ausreichen, sollte dort jemand zu Schaden kommen.

Hannelore F. kann darüber nur müde lächeln. Denn an anderen Tagen und an den Wochenenden sei auch nicht ständig jemand vor Ort.

Am gestrigen Abend dann die überraschende Wende. Pfarrer Konstantin Rost ruft die Volksstimme an und teilt mit, dass ein Mitarbeiter aus dem Urlaub geholt worden sei: „Der Friedhof ist von Mittwoch an bis Silvesternachmittag und ab Neujahr (Mittag) wieder durchgängig geöffnet.“