Magdeburg l Als Hans Fritsche am Donnerstag den Lokalteil der Volksstimme Magdeburg aufschlug, waren sie plötzlich wieder da: Diese Erinnerungen, die immerhin schon mehr als 71 Jahre zurückliegen. Der 83-Jährige hatte den Bericht über den Sprengstoff-Fund an der Anna-Ebert-Brücke regelrecht verschlungen. Schließlich gehört er zu den ganz wenigen Zeitzeugen, die von den letzten Kriegstagen und den Geschehnissen rund um die Anna-Ebert-Brücke noch berichten können.

„Ich bin 1933 auf dem Werder geboren und nie weggezogen“, sprudelt es aus dem Werderaner heraus. Und an die Tage, in der mit großer Wahrscheinlichkeit der Sprengstoff in der Brücke angebracht wurde, kann er sich noch genau erinnern. Selbst gesehen hat er das zwar nicht, aber der Bericht in der Volksstimme ließ für ihn die damalige Zeit vor seinem geistigen Auge regelrecht lebendig werden. „Wir waren ja Kinder. Der Werder und die Brücke gehörten zu unserem Spielgelände“, weiß der Modelltischler zu berichten.

Tour durch Keller und Hohlräume

Er sei damals unmittelbar nach Kriegsende aus einem Jugendlager in der Börde wieder zurück auf den Werder gekommen. „Weil es nichts zu essen gab, sind wir durch Keller, Verschläge und Hohlräume gekrochen, um irgendetwas Brauchbares zu finden.“ Dabei stießen Hans Fritsche und seine Freunde, von denen heute noch zwei leben, auch auf Sprengstoff an und in der Brücke.

„Die Erde war aufgewühlt von zwei Bombentrichtern unmittelbar neben der Brücke. Gefunden haben wir auch Dynamit-Stangen – wie wir damals gesagt haben. Sie waren ungefähr 20 Zentimeter lang und in Fettpapier eingewickelt. Auch Behälter ähnlich der von Zigarettenkisten haben wir gefunden mit Sprengstoff. Daneben lagen Zündschnüre und Zündkapseln, auch in der Brücke. Es gab dort Hohlräume in der Brücke, in denen man sogar stehen konnte.“

Hans Fritsche und seine Jugendfreunde nutzten den Sprengstoff und bastelten ihn zu kleinen Ladungen um. „Damit haben wir gespielt und brachten sie zur Explosion, sogar im Wasser. So haben wir Fische gefangen. Dabei mussten wir höllisch aufpassen, um nicht von den Russen erwischt zu werden“, erinnert er sich und kann dabei ein verschmitztes Lächeln nicht unterdrücken. Letztlich ging immer alles gut aus. Verletzt wurde niemand – gefangen auch nicht. Die neuen Berichte in der Volksstimme haben ihn deshalb besonders interessiert.

Heute wohnt er noch immer auf seinem geliebten Werder und hat es auch nicht weit zur Brücke. Einmal aus der Haustür raus und um die Ecke - und schon steht er da, wo er vor 71 Jahren spielte und heute die Munitionssucher unterwegs sind, um die explosive Mischung aus TNT-Sprengstoff zu bergen.

Bericht weckt alte Erinnerungen

Für Hans Fritsche ist das alles eine spannende Story - und noch mehr für seine Frau Regine (69). In 36 Ehejahren haben sie schon oft über die Zeit von damals gesprochen. Der Artikel in der Volksstimme hatte bei ihrem Mann noch einmal zusätzlich Vergessenes wachgerüttelt. „So habe ich auch noch einiges erfahren, was ich rund um die Brücke und die Zeit von damals noch nicht wusste“, freut sich Regine Fritsche mit.