Magdeburg l Es ist 18 Uhr an diesem Montagabend und das Team des Puppentheaters trifft letzte Vorbereitungen für einen Abend im Austauschexpress. Glühwein, Kekse und Lebkuchen, lustige Spiele, eine Reihe von Dingen für Gemütlichkeit stellt das lustig verkleidete Team in den Bulli, dessen hinterer Bereich mit rotem Stoff verkleidet und mit Lametta geschmückt ist und richtig einladend wirkt. Darin wollen Dramaturgin Anna-Maria Polke, Puppenspieler und Regisseur Leonhard Schubert, Atelierleiter Ronald Erdmann und Theaterpädagogin Marlen Geisler an diesem Abend die Magdeburger nach Hause bringen – zufällig ausgewählt und völlig kostenfrei. Für jeweils zwei Fahrgäste ist Platz. Doch die in den Bus zu bekommen, ist gar nicht so einfach.

Teils irritiert und verunsichert, teils gut gelaunt reagieren die Passanten auf das Angebot der Puppentheater-Crew. Aber mitfahren möchte zunächst keiner. „Das ist jetzt die Zeit, wo die Leute Feierabend haben. Manche haben dann einfach keine Lust zum Quatschen“, sagt Anna-Maria Polke. Genau darum geht es aber beim Austauschexpress. Wie der Name schon sagt, versucht die Crew möglichst jeweils zwei Leute in den Bus zu bekommen, die sich nicht kennen, und sie miteinander ins Gespräch zu bringen. „Es gibt Leute, die wollen am liebsten den ganzen Abend mit uns herumfahren“, erzählt Leonhard Schubert, der schon beeindruckende Geschichten im Austauschexpress erlebt hat, „es ist erstaunlich, wie schnell sich die Leute öffnen, wenn sie erst mal im Bus sitzen“. Gerade auf längeren Strecken bekommt die muntere Gesellschaft dann auch einen Einblick in das Leben ihrer Fahrgäste.

Ringo wäre gern Hauswart

Auch der erste Fahrgast des Abends, er heißt Ringo, wäre wohl gern noch ein bisschen länger mitgefahren. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde entwickelt sich der Plausch vom Couchsurfen über Audiovisuelles DJing hin zu seiner Lebensgeschichte. Metallbauer hat er gelernt, später Soziale Arbeit studiert, inzwischen arbeitet er im Glaswerk in Gardelegen. Zeitarbeit. Nur zehn Monate im Jahr. Er möchte, dass ihm Freiräume bleiben. Daneben schreibt er noch ein digitales Buch. Am liebsten wäre er Hauswart, erzählt er, weil er sowohl die handwerklichen als auch die sozialen Kompetenzen mitbringe, findet er.

Bilder

Kurze Zeit später steigt Patricia ein. Die junge Frau war wie Ringo kurz zuvor im City Carré einkaufen. Von der Innenstadt geht es jetzt nach Buckau. Marlen Geisler holt ein Tütchen mit Zetteln hervor, auf denen Fragen und Aufgaben stehen. Jeder der beiden soll eine Frage ziehen und dann sollen sie sich die Fragen gegenseitig stellen. Patricia fängt an: Stell dir vor, du müsstest sterben und es gebe keinen Menschen, mit dem du noch ein paar Worte wechseln könntest; was würdest du bereuen, nicht gesagt zu haben im Leben und warum hast du es nicht gesagt. Ringo überlegt kurz. „Ich liebe dich“, lautet seine Antwort. Und warum hat er es nicht gesagt? „Weil heute keiner sterben wird und heute auch nicht mein letzter Tag ist“, antwortet er und schmunzelt. Nun ist Ringo mit seinem Zettel an der Reihe: Denkt euch drei wahre Wir-Aussagen aus, zum Beispiel „Wir fühlen uns, ...“, lautet die Aufgabe. Und dann vervollständigen die beiden den Satz: „Gut unterhalten, wir wurden überrascht, wir sind spontan.“ Dann endet die Fahrt in Buckau, wo Patricia samt ihren Einkäufen abgesetzt wird. Noch ein Foto mit der Polaroid-Kamera fürs Gästebuch und dann geht es für Ringo zurück in die Innenstadt.

An der Haltestelle am Allee-Center sucht die Austausch-Express-Crew neue Fahrgäste. Gar nicht so einfach, Leute zu überzeugen. Endlich erklärt sich ein Pärchen bereit. Denise und Erik haben sich in der Baracke kennengelernt. Und nein, ein Weihnachtsgeschenk ist das nicht, das sie da in ihrer Tasche bei sich tragen. Die Kaffeemaschine haben sie sich zusammen für ihre Wohnung gekauft. Und dann dürfen auch diese beiden Fragen ziehen. Erik soll beantworten, was er aus seinem brennenden Haus retten würde, wenn bereits alle Angehörigen und Tiere gerettet sind und er noch ein letztes Mal hinein dürfte, um etwas zu holen. „Den Ordner mit meinen Papieren“, sagt er. Ob er wisse, wo der liegt? „Ja“, lautet die kurze Antwort.

Magdeburger sind tendenziell offen

Wäre dieser Ordner schon in Sicherheit, würde er seine Playstation mitnehmen. Auf Eriks Zettel steht eine Aufgabe: Singt zusammen ein Lied! Bei „O Tannenbaum“ erreicht der Austauschexpress das Zuhause auf dem Werder.

Vom Werder geht es dann in Richtung Herrenkrug. Ob wohl am Nemo jemand gerade nach Hause möchte? Nein, leider nicht. Doch an der Haltestelle steht eine junge Frau. Und die freut sich riesig, dass sie nicht die 15 Minuten auf die nächste Bahn in Richtung Sudenburg warten muss, sondern samt Glühweinchen und Keksen im gemütlichen Austauschexpress nach Hause gefahren wird. Michelle heißt sie, Überstunden hat sie gemacht und auf der Arbeit auch schon zu Abend gegessen. Kurz erklären die Puppentheaterleute das Konzept des Busses. Michelle erzählt, dass sie viel Straßenbahn fährt und dort oft mit Leuten ins Gespräch kommt. Überhaupt seien die Magdeburger tendenziell offen, erzählt die Harzerin, die auch schon in Osnabrück gelebt hat. Magdeburg sei noch relativ klein: „Wenn man regelmäßig irgendwo hinkommt, kennen einen die Leute irgendwann“, sagt sie. Und das gefällt ihr. Die Fragen aus dem Tütchen inspirieren dann zu Gesprächen über das Thema Freundschaft. Und ein paar Komplimente werden auch noch ausgetauscht.

Von Sudenburg geht es zum Zwischenstopp ins Puppentheater. Dort endet gegen 21  Uhr die Fahrt für die Volksstimme. Das Puppentheater-Team aber zieht noch bis in die späten Abendstunden weiter. Fazit der Fahrt: Es ist überraschend, wie schnell man mit Leuten ins Gespräch kommen kann, die man gar nicht kennt, und das sogar über sehr persönliche Dinge.

Ziel erreicht für das Puppentheater-Team, das voraussichtlich im Februar wieder mit dem Austauschexpress durch Magdeburg touren will.