Magdeburg l Die Mitglieder des Kleingartenvereines Fort  I am Schanzenweg fühlen sich überrumpelt. Aus heiterem Himmel haben sie erfahren, dass die Stadt Teile ihrer Kleingartenanlage nutzen will, um dort eine neue Grundschule zu bauen. Bei einem Krisentreffen mit der Gartenpartei gestern Nachmittag schilderten sie ihre Eindrücke.

Von 72 Parzellen sind 69 belegt

Vorsitzender Rainer Mischlinski schwärmt von der Anlage. 72 Parzellen beinhaltet die Anlage. 69 sind belegt. Im vorigen Jahr hätten neun Kleingärtner ihre Parzellen aufgegeben. Alle seien schnell wieder belegt gewesen – von jungen Familien mit Kindern. Die Nachfrage sei da, sind die Mitglieder des Vereines überzeugt, auch in Zukunft. Umso überraschender kommt die Vorlage der Stadtverwaltung für den Stadtrat, wonach ein Teil für eine Schule genutzt werden soll. Für Schule und Ruhezone müssten 18 Gärten weichen.

6000  Quadratmeter will die Stadt selbst nutzen. Die ist Eigentümer des Geländes und hat das Gartenland verpachtet. Zu den betroffenen Gärtnern könnte auch Holger Uniewski gehören. Der hatte sich seine Parzelle nach und nach ausgebaut, um die Zeit nach dem Eintritt in den Ruhestand dort zu verbringen. „Wirtschaftlich gesehen mag das ja vielleicht die günstigste Variante sein“, sagt er. Für die Entwicklung des Stadtteiles jedoch ist die Entscheidung fraglich. „Da wird eine funktionierende Anlage kaputt gemacht, und direkt nebenan liegen Tausende Quadratmeter brach“, sagt er. Gemeint seien Freiflächen an der Sandbreite. Die hatte die Stadt auch als Standortmöglichkeit untersucht, aber ausgeschlossen.

Insgesamt standen 14 Standorte zur Wahl. Die Fläche der Kleingartenanlage ist nun die bevorzugte. Uniewski fürchtet, dass damit auch die Gemeinschaft zerstört wird, die sich in der Anlage inzwischen gebildet hat – Angestellte, Selbstständige, Ärzte seien darunter. Außerdem machen sie sich Sorgen, dass, wenn erst einmal eine Schule dort steht, der übrige Teil über kurz oder lang als Bauland genutzt wird. Er hätte es schön gefunden, wenn die Gartenbesitzer schon vorher informiert gewesen wären, oder zumindest mit einem Vorlauf geplant werden würde. „Dann könnte man sich langsam darauf einrichten“, sagt Uniewski.

Pächterin zog nach Hochwasser um

Eine 68-jährige Parzellenpächterin könnte es besonders hart treffen. Sie hatte nach dem Hochwasser 2013 einen Garten in Elbnähe aufgegeben und sich nun in der Anlage Fort I ab 2014 ein neues Grundstück hergerichtet.

Was es heißt, seinen Garten abgeben zu müssen, weiß Nicole Angerstein von der Gartenpartei aus eigener Erfahrung. Ihre Parzelle wurde dem Straßenbahnneubau geopfert. Zwar seien sie entschädigt worden, aber längst nicht in dem Maß, in dem es notwendig gewesen wäre. „Für eine Rose bekommt man 79 Cent, für einen Meter Weg 7  Euro“, erzählt sie. Von Gartenlauben werde lediglich die Außenhaut geschätzt. „Die ist aber nach 30 Jahren abgeschrieben“ und damit auch nichts mehr wert. Und das Inventar werden nicht einmal berücksichtigt, schimpft sie, vom ideellen Wert mal ganz abgesehen. Auch sie war gestern vor Ort und will sich gemeinsam mit ihren Fraktionskollegen Roland Zander und Marcel Guderjahn für die Kleingartenfreunde stark machen.

Die Kleingärtner um Vorsitzenden Mischlinski wollen sich nun zur Wehr setzen und sich mit einem offenen Brief an die Fraktionen des Stadtrates wenden. Weitere Aktionen sind geplant. Allerdings gibt es noch nicht viel Konkretes. „Das ist jetzt erst zwei Tage her“, sagen sie. Sie wollen auch Kontakt zu den Mitgliedern der Kleingartenanlage in Brückfeld aufnehmen, um gegebenenfalls gemeinsame Aktionen zu planen. Auch dort will die Stadt eine Schule bauen. Auch dort soll das Gebäude auf Gartenland errichtet werden.

Termin beim Liegenschaftsamt

Informiert wurden sie von Ute Simon, der Vorsitzenden des Verbandes der Kleingärtner. Die hatte am Dienstag durch die Volksstimme von dem Vorhaben der Stadtverwaltung erfahren und sich ebenfalls überrascht gezeigt. Am nächsten Tag war Mischlinski zum Gespräch eingeladen. Anders als er erwartet hatte, habe sie ihm jedoch lediglich gezeigt, welche Flächen infrage kämen. Offiziell sei diese Skizze jedoch nicht. Am 12.  Dezember werde es einen Termin beim Liegenschaftsamt der Stadt geben. Dann soll den Gärtnern gezeigt werden, welche Flächen infrage kommen.

Die Lage der neuen Grundschule halten die Gärtner aber nicht nur aus eigenem Interesse für ungünstig. Als sie gestern versuchten, den Schanzenweg zu überqueren, zeigte sich, wie schwierig das ist. Die ohnehin vielbefahrene Straße, die auch als Verbindungsstrecke zwischen Buckau und der Leipziger Straße genutzt wird, werde zunehmend belastet, wenn dort morgens die Elterntaxis halten würden, wenn Mütter und Väter ihre Kinder zur Schule brächten. Für Vorsitzenden Mischlinski ist klar: „Ich werde unseren Pächtern keine Kündigungen aussprechen. Dann trete ich zurück.“

Die Stadt hat insgesamt 14 Flächen in Erwägung gezogen hat und die Ausschlusskriterien untersucht.