Magdeburg l Von „modernem Sklavenhandel“ spricht eine Mitarbeiterin des Callcenter-Unternehmens Arvato. Sie hatte einst im Fernmeldeamt in Magdeburg gearbeitet. Seit der Wende hat sie zahlreiche Betriebsübergänge mitgemacht und die Frustration, dass das Unternehmen nun wieder verkauft werden könnte, ist groß.

Das Unternehmen Capita Europe hat Interesse an der Arvato-Niederlassung in Magdeburg angemeldet. Die Verhandlungen laufen. Das Bangen um 265 Jobs geht damit weiter. Eigentlich sollte die Magdeburger Niederlassung nächstes Jahr geschlossen werden.

Wettbewerbsbehörde muss zustimmen

Doch selbst wenn sich die beiden Unternehmen über einen Verkauf einig werden, müsste noch die Wettbewerbsbehörde zustimmen, ehe der Verkauf abgeschlossen werden kann. Beide Unternehmen bestätigen, „dass Capita Europe und Arvato CRM Solutions Gespräche über einen möglichen Verkauf von drei Arvato Customer Management Centern in Deutschland führen“, teilen am 9. Oktober 2018 die Unternehmenssprecher Katja Bode (Capita Europe) und Gernot Wolf (Arvato CRM Solutions) in einer gemeinsamen Erklärung mit. „Diese Transaktion würde, sollte sie zustande kommen, unter einem Vorbehalt der Genehmigung durch die deutsche Wettbewerbsbehörde stehen“, hieß es weiter.

Der Mensch würde bei diesem Verkauf überhaupt nichts zählen, sagt die langjährige Mitarbeiterin, die sichtlich um Fassung ringt. Die Sorge ist groß, dass es am Standort Magdeburg trotzdem nicht weitergeht und die Mitarbeiter Einschnitte hinnehmen müssen.

Magdeburger gehörten zur Telekom

Betriebsrätin Birgit Pitsch schildert die Übergänge. Ursprünglich gehörten die Mitarbeiter einmal zur Telekom. Bis heute werden von den Mitarbeitern ausschließlich Telekom-Projekte umgesetzt. Allerdings hat der Arbeitgeber in der Zwischenzeit dreimal gewechselt. Zunächst wurde der Firmenteil an die Firma VCS verkauft, dann an Walter-Telemedien, danach folgte Arvato CRM Solutions.

Das Unternehmen hatte im Mai angekündigt, die Niederlassung in Magdeburg schließen zu wollen. Genau darauf war auch der Betriebsrat eingestellt, hatte bereits angefangen, Sozialplanverhandlungen zu führen. Diese waren jedoch gescheitert, da Unternehmensführung und Betriebsrat unterschiedliche Vorstellungen gehabt hätten.

Arbeitsgericht befasst sich mit Sozialplan

In der nächsten Woche wird sich nun das Arbeitsgericht mit dem Sozialplan befassen, im Rahmen eines sogenannten Einigungsstellentermins. Solange nichts anderes beschlossen sei, werde der Betriebsrat davon ausgehen, dass es bei der Schließung der Niederlassung bleibt.

Gerade für die älteren Kollegen sei der Schritt, noch einmal etwas völlig Neues anzufangen, nicht einfach. Auf jeden Fall drängt die Zeit, wie Birgit Pitsch erklärt, denn sollte es wie geplant zur Betriebsschließung am 30. Juni 2019 kommen, müssten aufgrund der langen Betriebszugehörigkeit bereits im November 2018 die ersten Kündigungen ausgesprochen werden.

Einige Mitarbeiter bereits gegangen

Die Zahl der Mitarbeiter habe sich von etwa 300 bereits auf 265 reduziert. Von denen, die seit Anfang Mai 2018, als die Schließung angekündigt worden war, gegangen waren, seien sicher auch einige dabei gewesen, die diese Entscheidung aufgrund der unsicheren Zukunft getroffen hätten, vermutet Pitsch.

Jüngere Mitarbeiter stehen dem möglichen Verkauf teils gelassener gegenüber. „Ich bin froh, wenn es hier weitergehen sollte“, sagt ein junger Mann. Von anderen habe er aber gehört, dass sie auf eine Abfindung spekuliert hätten, die im Falle eines Verkaufs hinfällig wäre. Wieder andere hätten bereits vermutet, dass sich „kurz vor knapp“ noch ein Käufer finden würde. „Und es ist ja alles da“, sagt eine weitere Frau. Es müsse nur ein Schild mit dem neuen Firmennamen aufgestellt werden.

Arvato zahlt Mindestlohn

Einschnitte könne es nicht mehr geben, sagen die meisten. Denn Arvato zahle Mindestlohn. Viele blieben nicht des Geldes wegen, sondern weil sie über Jahre mit Kollegen zu festen Teams zusammengewachsen seien und die Kollegen schätzen würden.

Landesbezirksfachbereichssekretärin Kerstin Chagoubi von der Gewerkschaft Verdi berichtet auf Nachfrage, dass sie bislang nichts Bestätigtes gehört habe. Sie wolle sich nicht an Spekulationen beteiligen, hält den Verkauf aber durchaus für denkbar. Inwiefern sich die Lage für die Mitarbeiter am Standort Magdeburg ändern würde, dazu kann sie nichts sagen. Allerdings: „Viel schlechter geht es nicht mehr. Wir haben Mindestlohn“, erklärt sie, und es gebe nur wenige Unternehmen, die ihre Mitarbeiter mit mehr als dem Mindestlohn bezahlen würden.

Deutsches Arbeitsrecht für Magdeburg

Bei einem Verkauf an Capita Europe, die Tochter des britischen Mutterkonzerns Capita, gelte für die Magdeburger Mitarbeiter trotzdem deutsches Arbeitsrecht. Aktuell erhielten einige Arvato-Mitarbeiter, die in Projekten der Telekom arbeiten würden, einen Zuschuss von der Telekom, sagt sie. Diese Regelung laufe Ende 2018 aus. Für die Gewerkschaft werde es darum gehen, sich unterstützend dafür einzubringen, dass diese Regelung erhalten bleibt, sofern es einen Betriebsübergang gibt.

In Magdeburg gab es in der Vergangenheit Aktionstage rund um Call- und Service-Center. 2015 beschäftigten 65 Call- und Service-Center in Magdeburg rund 6000 Mitarbeiter.