Magdeburg l Zuletzt drehte noch das Riesenrad der Gebrüder Boos seine Runden im Stadtpark Magdeburg. Doch seit das „Wheel of Hope“, das Rad der Hoffnung, abgebaut ist, dreht sich gar nichts mehr für das Familienunternehmen in fünfter Generation. Die Fahrgeschäfte und Buden drängen sich in drei großen Lagerhallen. Eine Situation, die Hendrik Boos so auch noch nicht erlebt hat. Seit mehr als 20 Jahren ist er gemeinsam mit seinem Bruder Stefan im Schaustellergeschäft, hat nach eigenen Angaben den größten Schaustellerbetrieb in den neuen Bundesländern aufgebaut.

Flauten gab es in all den Jahren immer wieder mal. Doch danach ging es stets weiter. In Corona-Zeiten aber ist das ungewiss. Das Schaustellergeschäft ist 2020 fast komplett zum Erliegen gekommen. Bis auf ein paar kleine und selbst gestemmte Engagements wie ein Freizeitpark im Sommer in Stettin oder das Riesenrad in Magdeburg gab es kein Geschäft für die Gebrüder Boos. Alle Veranstaltungen fielen Corona zum Opfer.

Saisonkräfte jetzt ohne Job

Das Weihnachtsgeschäft wäre für viele Schausteller noch ein letzter Strohhalm gewesen. Doch auch das bricht nun weg. Zahlreiche Weihnachtsmärkte sind aufgrund der verschärften Corona-Regeln ganz abgesagt oder finden nur in kleinem Rahmen statt. „Magdeburg, Halle, Stettin, Breslau, Berlin – wir waren gut gebucht“, sagt Hendrik Boos. Doch auch diese gerade jetzt so wichtigen Einnahmen bleiben nun aus. Zum Weihnachtsmarktgeschäft beschäftigen die Gebrüder Boos sonst rund 150 Mitarbeiter. Der Großteil der Saisonkräfte sitzt nun ohne Anstellung zu Hause.

Das Riesenrad sollte eigentlich zum Weihnachtsmarkt nach Halle umziehen. Das wird es nun nicht geben, der Weihnachtsmarkt wird, wenn er nicht noch kurzfristig ganz abgesagt wird, klein ausfallen, auf große Attraktionen wird verzichtet. Somit bleibt das Rad der Hoffnung zerlegt in Einzelteile auf einer Wiese am Magdeburger Flugplatz.

Viel Hoffnung hat Hendrik Boos derzeit auch nicht mehr. Zu lange schon können er und seine Mitarbeiter nicht arbeiten. Die harten Corona-Maßnahmen, die quasi einem Berufsverbot gleichkämen, hätten die gesamte Veranstaltungsbranche komplett ausgebremst. „Im Gegensatz zur Gastronomie hatten wir noch gar nicht wieder auf. Wir sind quasi immer noch im ersten Lockdown.“

Corona-Soforthilfe reicht kaum aus

Wie vielen anderen Schaustellerbetrieben auch geht ihnen nach so langer Zeit ohne nennenswerte Einnahmen das Geld aus, Rücklagen sind aufgebraucht. Auch die Corona-Soforthilfen der Bundesregierung seien oftmals nur ein Tropfen auf den heißen Stein bei den laufenden Finanzierungen, die jeder Schausteller zu stemmen hat.

Auch der Deutsche Schaustellerbund, die Berufsorganisation für das Schaustellergewerbe, schlägt Alarm. Tausende von Familienbetrieben seien in ihrer Existenz bedroht – und damit auch die 1200-jährige Volksfestkultur Deutschlands. Wichtig sei, dass den Betrieben schnell und unbürokratisch geholfen werde. Der Finanzbedarf sei erheblich.

„Von großer Bedeutung ist auch, dass Volksfeste in der aktuell angespannten Lage nicht in vorauseilendem Gehorsam schon für die Zeiträume Mai, Juni, Juli oder gar später abgesagt werden. Wir müssen unbedingt die Gelegenheit haben, unverzüglich nach der Normalisierung der Verhältnisse wieder die Feste beschicken zu können – wir müssen Geld verdienen“, schreibt der Schaustellerbund in einem Forderungspapier an die Politik.

Erste Absagen für 2021

Erste Absagen für 2021 hagelt es aber schon. So wären die Gebrüder Boos auch wieder beim Hamburger Hafenfest im Mai dabei gewesen. Doch auch das ist nun schon abgesagt. Die Ungewissheit, ob, wann und wie es weitergehen kann – das ist, was Hendrik Boos umtreibt. „Nicht arbeiten und Geld verdienen zu dürfen, ohne eine Perspektive, das ist schwer belastend. Was wir Schausteller brauchen, sind finanzielle Hilfe, die auch greift, und eine klare Perspektive“, sagt er. Ansonsten wisse er nicht, ob sein Betrieb weiter überleben kann.

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) hatte erst zu Monatsbeginn gesagt, dass Überbrückungshilfen weiterentwickelt werden sollen. Man wolle auch bestimmten Branchen besser helfen, als das bisher der Fall sei. Er nannte die Veranstaltungs- und Schausteller-Branche als Beispiele. Auf diese Worte werden die Schausteller wie Hendrik Boos genau schauen. Denn wenn die angekündigten Hilfen nicht kommen, wird auch kein Riesenrad der Hoffnung mehr helfen.