Diskussion

Corona und Diskriminierung in Magdeburg

Corona hat Magdeburg immer mehr im Griff. Täglich lassen sich Hunderte testen. Und auch die Angst vor Diskriminierung steigt.

Von Karolin Aertel

Magdeburg l Hunderte Tests von Magdeburgern sollen dieser Tage Klarheit bringen: Wer ist mit dem Coronavirus infiziert, muss in Quarantäne oder gar behandelt werden? Mitte Juni 2020 war neben Laboren, die im Auftrag zum Beispiel von Krankenhäusern tätig sind, vor allem die Kassenärztliche Vereinigung (KV) gefragt. Sie betreibt die Fieberambulanz in der Brandenburger Straße. Dort gab es auch am 19. Juni wieder lange Warteschlangen. Die KV ist zudem mobil im Einsatz.

Am Freitag vor einer Woche gab es 139 Tests, am Sonnabend vor einer Woche 161, am Sonntag 78, am Montag 303, am Dienstag 270, am Mittwoch 202 und am Donnerstag 211. Zusätzlich sind insgesamt 87 Menschen im Zusammenhang mit der Schließung der Makarenko-Schule am Mittwoch und Donnerstag abgestrichen worden.

Am 19. Juni 2020 waren die mobilen Teams auch im Bereich der Umfassungsstraße im Stadtteil Neue Neustadt im Einsatz. Dort wurde in den vergangenen Jahren immer wieder das Zusammenleben zwischen Alteingesessenen sowie Sinti- und Romafamilien, die über einen rumänischen Pass verfügen, diskutiert. Auf diese zugezogenen Magdeburger hatte die Stadtverwaltung in den Tagen zuvor mehrfach ausdrücklich hingewiesen. Dies war auch in den Medien transportiert worden.

Dagegen wehrt sich jetzt der Integrationsbeirat der Stadt Magdeburg. „Das Virus kennt keine Nationalität“, erklärt Krzysztof Blau. Er ist Vorsitzender des Beirats für Integration und Migration. Man frage sich, ob es relevant ist, welcher Nationalität die Infizierten und die Menschen in Quarantäne angehören. „Unserer Ansicht nach ist in erster Linie wichtig, welche Maßnahmen sofort getroffen werden und wie der Zugang der Stadtverwaltung zu nicht deutschsprachigen Communitys verbessert wird“, so Krzysztof Blau.

Er berichtet von zunehmender Ausgrenzung: „In den letzten Tagen erreichen mich immer häufiger Signale aus den Reihen der Magdeburger Migrantenorganisationen über eine wachsende Distanz gegenüber Personen, denen vom Erscheinungsbild eine andere Nationalität unterstellt wird. Ich verurteile diese Tendenzen der Ausgrenzung und Stigmatisierung“, so Krzysztof Blau.

Nutzer sozialer Medien im Internet fragen beispielsweise immer wieder, warum die Stadt die Infizierten als Rumänen und nicht als Sinti und Roma benennt. Doch auf diese Diskussion möchte sich die Stadt nicht einlassen: Erfasst wird die Staatsbürgerschaft, die im Ausweis steht, heißt es aus dem Rathaus. Eine Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe wird nicht abgefragt oder gar aufgrund von Vermutungen zugeordnet.

Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper hält die Nennung einer Staatsbürgerschaft dennoch für wichtig. Er sagte der Volksstimme: „Das ist eine Diskussion, die mich täglich mindestens einmal erreicht. Was soll ich sonst sagen? Wenn von 80 Fällen 71 Rumänen sind, kann ich nicht sagen, es betreffe die ganze Stadt.“ Die Menschen wollten wissen, wo die Infektions­herde in Magdeburg liegen. „Ich muss Transparenz walten lassen. Es ist absurd, das zu verschweigen. Ich kann nicht sagen, die Infektionen sind irgendwo in der Stadt.“

Die klare Forderung des Magdeburger Oberbürgermeisters: Oberste Aufgabe sei jetzt zu ermitteln, wer mit den infizierten Personen Kontakt hatte.

Der Magdeburger Integrationsbeirat kritisiert zudem die Zusammenarbeit mit der Stadt: Diese müsse besser funktionieren, heißt es beispielsweise von der Auslandsgesellschaft Sachsen-Anhalt. Sie betreibt in Magdeburg das Einewelthaus und wirkt im Beirat mit. Die Stadtverwaltung habe sich zwar schon bei den ersten Schulschließungen an sie gewandt – allerdings sei die angefragte Hilfe nur spärlich in Anspruch genommen worden, so der Vorwurf.