Magdeburg l Rund 400 leere Koffer und ein eigens aufgebautes kleines Reisebüro mit „Storno“-Aufklebern übersät symbolisierte am Mittwoch die Situation der regionalen Reiseunternehmen. Ein Korso aus 15 leeren Reisebussen, der hupend den Domplatz Magdeburg umrundete, komplettierte das Bild der Misere, in der die Unternehmen der Reisebranche stecken. Ihnen steht wirtschaftlich „das Wasser bis zum Hals“.

Wie sich die Corona-Krise auf Reisebüros auswirkt, machte Christian Engelhardt deutlich. Der Magdeburger Unternehmer betreibt drei Reisebüros in der Landeshauptstadt. „Für unsere Branche ist es eine Katastrophe. Reisen, die schon Mitte vergangenen Jahres gebucht worden sind, werden jetzt storniert. Das bedeutet für Reisebüros, dass es keine Provision für die bereits erbrachte Leistung wie Beratung, Buchung, Abwicklung etc. gibt. Denn Provisionen werden zumeist durch die Reiseveranstalter erst bei Abreise bezahlt. Das fällt jetzt weg beziehungsweise muss in manchen Fällen rückabgewickelt werden“, erklärt der Unternehmer.

Vermittlungsleistungen nicht bezahlt

Reisebüros haben also nicht nur damit zu kämpfen, dass sie kein Neugeschäft abschließen können, sondern auch noch rückwirkend „mit erheblichen Einbußen rechnen“, so Christian Engelhardt. Für sein Unternehmen rechnet er mit einem Defizit von rund 300.000 Euro.

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Doch nicht nur, dass die Reisebüros zwar die Vermittlungsleistung für Reiseveranstalter bereits erbracht haben, nun aber nicht bezahlt bekommen – an den Reisebüros bleibt auch noch die ganze Arbeit der Rückabwicklung hängen, so der Magdeburger. „Bei uns rufen jeden Tag zig Kunden an, die wissen wollen, was mit ihrer gebuchten Reise nun ist“, berichtet Christian Engelhardt. Einen Großteil seiner 14 festangestellten Mitarbeiter musste er in Kurzarbeit schicken, dennoch braucht er einen Teil der Mitarbeiter, um die Kundenanfragen und Rückabwicklungen zu managen. Ob und wie er dafür eine Bezahlung bekommt, ist unklar. „Wir haben schon viele Krisen erlebt. Aber dieser Fall ist einzigartig, dafür gibt es keine vertraglichen Regelungen mit den Reiseveranstaltern“, erklärt der Magdeburger.

Touristikbranche braucht finanzielle Hilfe

In der gleichen prekären Situation steckt auch Kristin Vetter. Die Geschäftsführerin von Vetter-Touristik, die unter anderem in Magdeburg zwei Reisebüros unterhält, verlas bei der Demo auf dem Domplatz einen offenen Brief des bundesweiten Aktionsbündnisses „Wir zeigen Gesicht! Rettet die Reisebüros - rettet die Touristik!“, dem sich die Unternehmen der Region angeschlossen haben. Darin machten sie deutlich, dass sie sowohl schnelle finanzielle Hilfe brauchen, als auch eine Erhöhung des Kurzarbeitergeldes sowie eine klare Perspektive, wie es weitergeht in der Touristikbranche.

„90 Prozent unserer 120 Mitarbeiter mussten wir in Kurzarbeit schicken. Alle unsere Reisebüros sind geschlossen, die Kundenanfragen bearbeiten wir telefonisch oder per Mail. Das ist zielführender“, berichtet die Unternehmerin. 18 Reisebusse gehören auch noch zum Unternehmen. Sie müssen im Depot stehen bleiben. „Für Busreisen gibt es im Moment überhaupt keine Regelungen. Hier muss die Politik Klarheit schaffen, damit wir uns vorbereiten können“, sagt Kristin Vetter.

Mindestabstände in Bussen

Beispielsweise, ob Busreisen ab einem bestimmten Zeitpunkt wieder stattfinden dürfen, ob dann vielleicht nur die Hälfte der Sitzplätze belegt sein darf, um Mindestabstände einzuhalten, oder andere Vorgaben gemacht werden.

Am Mittwoch hatte die Bundesregierung die weltweite Reisewarnung bis mindestens 14. Juni 2020 verlängert. Die Entscheidung darüber, ob und wie Sommerurlaube in diesem Jahr stattfinden können, soll aber erst später fallen. „Die Politik hat sich sechs Wochen Zeit verschafft. In der Zeit müssen klare Regelungen geschaffen werden“, fordert Kristin Vetter.

Ihr Unternehmen hat die Corona-Krise bereits stark getroffen. „Wir haben im vergangenen Jahr unseren Sommerkatalog 2020 erstellt – jetzt hoffen wir, dass wir vielleicht 20 Prozent der Reisen realisieren können“, sagt sie.

Vom sonst üblichen Jahresumsatz ihres Unternehmens von rund 20 Millionen Euro wird voraussichtlich in diesem Jahr nur ein Viertel erreicht werden, prognostiziert sie und schiebt nach: „Wenn’s gut läuft...“.