40 Jahre Neu-Olvenstedt

Die Stadt, die in Magdeburg auf dem Acker wuchs

Mit dem Bau von Wohnhäusern läuft 1981 der erste Bauabschnitt vom Wohnkomplex (WK) Olvenstedt in Magdeburg an. Und mit ihm die neue Wohnungsbauserie (WBS) 70.

Von Marco Papritz
Der Wohnkomplex (WK) Olvenstedt ist in den 1980er Jahren im Westen von Magdeburg auf einer landwirtschaftlichen Fläche entstanden.
Der Wohnkomplex (WK) Olvenstedt ist in den 1980er Jahren im Westen von Magdeburg auf einer landwirtschaftlichen Fläche entstanden. Archivfoto: Harri Schäfer

Magdeburg - Die Devise, die neue Wohnungsbauserie (WBS) 70 schneller, höher und dabei kostengünstiger zu bauen als deren Vorgängertypen wie P1 und P2 verlangte eine tägliche hochwertige Arbeit von den Architekten und Ingenieuren. Das Wohnungsbaukombinat (WBK) Magdeburg war seinerzeit an den größten Berliner Wohnungsbauprojekten in Marzahn, Hellersdorf, auf dem Bersarinplatz sowie in der Leipziger Straße umfangreich beteiligt, so Wolfgang Redlich. Der Oberbauingenieur war Produktionsdirektor im WBK und auch für den Bau vom Wohnkomplex (WK) Olvenstedt für den Betrieb verantwortlich. „Diese Ost-Berliner Stadtteile sind die größten Plattenbausiedlungen in Europa“, so Redlich.

Industrieller Wohnungsbau schreitet zügig voran

Wenn er vom „Plattenbau“ spricht, meint der Fachmann dies nicht abwertend. Vielmehr verweist er auf die Montagebauweise, die mit vorgefertigten Betonelementen ein zügiges Bauen ermöglichte und dies heute noch tut. „Bei diesem enormen Tempo konnte eine Wohnung in nur 18 Stunden entstehen – schneller war dies nicht möglich“, so Wolfgang Redlich. Auf der anderen Seite musste das WBK nach einer gewissen Anlaufphase nach dem Baustart zu Beginn 1981 pro Monat 300 Wohnungen bezugsfertig übergeben. Denn zu damaliger Zeit herrschte eine große Wohnungsnot in der Stadt. Unter anderem, weil die Großbetriebe wie das Schwermaschinenbaukombinat „Ernst Thälmann“ (Sket) stetig wuchsen und mehr Arbeiter beschäftigten, auf der anderen Seite der Wohnungsbestand in der Stadt dem Bedarf hinterherhinkte. Abhilfe sollte ein Wohnungsbauprogramm schaffen, das von der DDR-Regierung beschlossen und auch in Magdeburg, genauer gesagt auf einer Ackerfläche zwischen Nordwest und dem eigens für den Wohnungsbau eingemeindeten Dorf Alt-Olvenstedt, umgesetzt wurde.

Die finanziellen Parameter im Neubaugebiet im Westen der Stadt stimmten, die Mieten waren niedrig. „Für eine Drei-Raum-Wohnung mit einer Fläche von 61 Quadratmetern zahlte ein Arbeiter etwa zehn Prozent seines monatlichen Durchschnittslohnes“, so Wolfgang Redlich. Die Plattenbauweise sei für die Miete einschließlich der Nebenkosten substituiert worden.

Kurze Wege für Bewohner

Die großen Baukomplexe, zu denen Olvenstedt zählte, wurden aufgrund ihrer Größe und angepeilten Bewohnerzahl bewusst in den Randgebieten der Städte errichtet. 28 dieser Siedlungen in der DDR zählten jeweils 25?000 oder mehr Einwohner. Wolfgang Redlich: „So könnte beispielsweise der Wohnkomplex Olvenstedt nicht nur als Wohnviertel, sondern als selbstständige Stadt bis zu einem gewissen Grad existieren.“ Die Großsiedlung war ursprünglich für 40?000 Bewohner geplant. Alle Einrichtungen, von der Wohnung über den Kindergarten bis zur Stadtklinik, sind im Stil der WBS 70 gebaut worden, verweist Wolfgang Redlich: „Selbst die Sero-Annahme-Stellen und Dienstleistungseinrichtungen wie zum Beispiel das Dienstleistungskombinat (DLK).“

Mit dem Wohnungsbautyp 70 sind erhebliche Verbesserungen der Lebensumstände und für die Wohnkultur erreicht worden. Die Fernwärmeversorgung ersetzte das Kohlenschleppen und Vorheizen von Warmwassersystemen, wie es in Altbauwohnungen zur täglichen Routine gehörte. Zudem steigerte ein Balkon die Attraktivität.

Gleiches galt für das integrierte Bad, über das jede der Neubauwohnungen verfügt. „Die WBS 70 bietet die Vollkomfortwohnung, die entsprechend begehrt war“, verweist Wolfgang Redlich auf lange Wartelisten, in denen die Interessenten von den Wohnungsunternehmen wie den Arbeiterwohnungsbaugenossenschaften (AWG) geführt wurden. Der Wohnkomplex war so entwickelt worden, dass alle Einrichtungen wie Schulen, Kaufhallen und Dienstleister fußläufig erreicht werden konnten. Dabei kam den Grünflächen, die nach und nach im Neubaugebiet auf dem Bördeboden entstanden, eine Aufgabe zu, die über das Abgrenzen von Territorien und die Schmuckfunktionen hinausging. „Ganz wichtig war und ist die Erhaltung und Pflege sowie die ständige Erneuerung dieser Grünflächen, denn sie sind die grüne Lunge des Wohngebiets sowie Ruhe- und Freizeitzonen für Jung und Alt“, sagt Wolfgang Redlich. Das Begrünen und die Pflege habe mit Mitmach-Programmen für die Bewohner gut funktioniert, denn sie sind aktiv mit einbezogen worden.

Die Verwirklichung des Siedlungsprojektes WBS 70 in Olvenstedt sowie der Siedlungen wie in Burg, Schönebeck, Halberstadt, Haldensleben und Wernigerode „war eine radikale Neugestaltung der Umwelt. Es mussten dafür aber keine Wälder gerodet werden.“

Erinnerungen gesucht

Welche Erinnerungen haben Sie an die Entstehung des Wohngebietes im Westen der Stadt, zum Beispiel an Ihren Einzug? Oder waren Sie am Aufbau von Neu-Olvenstedt als Planer oder Bauarbeiter beim Wohnungs- oder Straßenbau beteiligt oder haben in einer der Kindereinrichtungen gearbeitet? Schreiben Sie unter Stichwort „Neu-Olvenstedt“ Ihre persönliche Geschichte oder Erinnerung an Ihre Zeit in Neu-Olvenstedt an die Volksstimme Lokalredaktion, Bahnhofstraße 17, 39104 Magdeburg. Sie können sich auch telefonisch unter 0391/599 95 50 sowie per E-Mail an marco.papritz@volksstimme.de mit Ihrem Namen und Ihrer Telefonnummer melden, um Ihre Erinnerungen sowie Fotoimpressionen zu teilen.