Magdeburg l Es ist noch früh an diesem Morgen. Die Restauratoren haben ihr Tagewerk noch nicht aufgenommen. Und das ist auch gut so. Denn hätten sie schon begonnen, die alten Sandsteine zu reinigen, würden sie in einer dichten Staubwolke stehen. Kein Wunder also, dass der Lettner des Magdeburger Domes in Folie verpackt war. Wäre er nicht abgetrennt worden, hätte sich der Staub ungehindert im Kirchenschiff verteilt.

Die Ausmaße dieses Staubes versteht man allerdings erst so richtig, wenn man selbst in einen der weißen Schutzanzüge steigt und sich hinter die Folie begibt. Der trockene Geruch ist dort gleich wahrzunehmen. Eine dichte Staubschicht hat sich auf den Gerüst- und Lettnerteilen abgelagert. Seit dem vorherigen Abend sind viele Stunden vergangen, und so hat sich der Staub gelegt, in dem sich nun die Schuhabdrücke auch von Restaurator Kai Fronk abzeichnen.

Das Arbeitswerkzeug ist dieser Tage eine Art Kompressor, an dem ein Schlauch angeschlossen ist. An dessen Ende befindet sich eine Düse mit 0,5 Millimeter Durchmesser. Durch diese Düse pustet das Gerät feinstes Silikatpulver mit Druck heraus. Mikrostrahlverfahren nennt sich das. „Es beschädigt nicht den Stein, sondern entfernt lediglich die Staub- und Schmutzschichten, die sich über die Jahrhunderte auf den Steinen abgelagert haben“, erzählt der erfahrene Restaurator, der seit mehr als 20 Jahren freiberuflich tätig ist. Seinen Beruf hat er studiert und vorangehend ein zweijähriges Praktikum absolviert. An zahlreichen Bauwerken haben er und seine Kollegen schon mitgewirkt: dem Halberstädter Dom, der Kaiserpfalz in Goslar, der Marienkirche in Salzwedel, der Grabeskirche in Jerusalem, um nur einige Beispiele zu nennen. Und auch im Magdeburger Dom sind sie immer wieder aktiv, wenn es darum geht, alte Bauteile zu ersetzen oder zu restaurieren. Sie kommen viel herum und finden immer wieder neue Herausforderungen.

Bilder

Denn das Restaurieren von alter Bausubstanz birgt immer Überraschungen und erfordert auch viel Kreativität. „Es kann zum Beispiel sein, dass Steine über die Jahrhunderte ausgetauscht wurden“, sagt Kai Fronk. Ergebnis ist, dass die gereinigten Steine keine einheitliche Farbe mehr tragen, sich also kein Gesamtbild ergibt. „Hier muss man immer überlegen, mit welchen Techniken man ein einheitliches Bild erzielen kann“, sagt er.

Doch im Moment ist diese Kreativität gerade nicht gefragt. Stattdessen bedarf es vor allem Ausdauer. Denn aus der Düse kommt ein ein bis zwei Zentimeter breiter Strahl, mit dem das meterhohe Bauwerk im Dom, das Kirchenschiff und Hohen Chor voneinander trennt, Zentimeter für Zentimeter gereinigt wird.

Immer wieder treffen Fronk und seine Kollegen dabei auch auf Überraschungen. Er zeigt auf ein Symbol im Stein. „Das sind Steinmetzzeichen“, erklären die Restauratoren. Wer annimmt, die Steinmetze hätten sich damit im Dom verewigt, liegt allerdings falsch. Ein ganz profanes Abrechnungssystem liege in diesen unterschiedlichen Symbolen begründet, die am Lettner zu entdecken sind. „Damit konnte man nachvollziehen, wer was gemacht hat“, erklären die Restauratoren. Und natürlich war so auch nachvollziehbar, wer vielleicht einen Fehler gemacht hat.

Doch nicht nur auf alte Symbole treffen die Restauratoren. Auch das Material birgt Überraschungen. Kai Fronk zeigt auf eine Fiale, ein kleines Türmchen. Dort hat jemand abgefallene Schmuckteilchen mit Gips ersetzt. Zunächst war das nicht zu sehen, weil Staub und Schmutz alles in einheitliches Grau gefärbt hatten. Doch die Arbeit der Restauratoren hat es zutage gebracht.

Der Unterschied ist erstaunlich – und lässt erahnen, wie hell die Kirchenbauten bei ihrer Errichtung gewesen sein müssen. Thront der Dom heute mit düsterer Fassade inmitten des Stadtzentrums, trug er vor Jahrhunderten wahrscheinlich noch die unverwitterte Farbe des Sandsteines – ähnlich dem Kloster Unser Lieben Frauen.

Im nächsten Schritt wird der Lettner nun vom Staub befreit. Dann können sich die Restauratoren daranmachen, einzelne Teile zu ergänzen oder zu erneuern.