Magdeburg l Die Bilder lassen die beiden Frauen noch lange nicht los: „Immer, wenn wir an die Bahnschranke kommen, müssen wir daran denken, dann läuft alles von damals wie ein Film wieder ab“, sagt Brunhild Iser.

Es ist der 6. März 2019, Aschermittwoch. Gegen 22 Uhr fahren Lisa Marie Iser und ihre Mutter Brunhild an die Bahnschranke in der Beimsstraße am Sudenburger Bahnhof in Magdeburg. Sie wollen nach Hause in die Beimssiedlung. Die Bahnstrecke dort gehört mit zu den am meisten befahrenen in Magdeburg, die Schranken sind, wie so oft, geschlossen. Plötzlich nähert sich eine junge Frau. Sie scheint ungeduldig zu sein. Dann schultert sie ihr Fahrrad und kriecht unter der Schranke durch.

Erst lautes Zischen, dann Stille

„Ich sage noch, ,was macht die denn da‘, dann höre ich nur noch ein lautes Zischen“, erinnert sich Brunhild Iser. Ein schneller IC hat den Bahnübergang passiert. Stille. „Die Frau und das Fahrrad waren weg, und ich wusste sofort: Jetzt ist es passiert“, erzählt Lisa Marie Iser.

Die beiden Frauen steigen blitzschnell aus ihrem Auto, um nachzusehen. Sie befürchten das Schlimmste, denn von einem tonnenschweren und schnellen IC erfasst zu werden, bedeutet nicht selten für einen Menschen den sicheren Tod. Aus Richtung Bahnhof hört sie dann plötzlich einen Hilferuf. „Ich kann mich nicht mehr bewegen“, ruft die Radfahrerin.

Helferin ist gelernte Krankenschwester

Jetzt handeln Mutter und Tochter Iser - und die junge Frau hat Glück, dass sie auf zwei Helferinnen trifft, die genau wissen, was zu tun ist. Brunhild Iser ist gelernte Krankenschwester und hat bis zu ihrem Ruhestand in der Landesfrauenklinik gearbeitet. An diesem Abend ist sie selbst zwar etwas lädiert, „aber man ist ja plötzlich so voller Adrenalin, dass einem nichts mehr wehtut“, sagt Brunhild Iser.

Sie lässt ihre Gehhilfen fallen und läuft so schnell sie kann durch den Fußgängertunnel zum Bahnsteig und sucht die Gleise ab. „Zwischendurch habe ich gedacht: Oh je, was kommt da jetzt auf mich zu?“ Schnell hat sie die junge Frau am Gleis entdeckt. „Ihre Schulter sah ziemlich übel aus, aber sie war ansprechbar. Ich hab sie nur kurz berührt, da hat sie schon vor Schmerz geschrien.“

Bei Bewusstsein halten

Brunhild Iser schaut, ob sie möglicherweise eine Blutung stoppen muss, das ist augenscheinlich nicht der Fall. „Deshalb ging es nur noch darum, zu verhindern, dass sie das Bewusstsein verliert und ihr Kreislauf zusammenbricht. Ich hab ihre Hand gehalten und mit ihr ununterbrochen geredet, Fragen gestellt. Nach einer Weile wusste ich schon nicht mehr, was ich fragen sollte.“ Aber egal, die junge Frau bleibt bei Bewusstsein.

Zur selben Zeit ruft Lisa Marie Iser Hilfe. Da sie sich sehr für das Bahnwesen interessiert, kann sie ziemlich konkrete Angaben unter dem Notruf 112 machen: Ort, Zeit, Schwere des Unfalls. Sie erkennt auch, dass die Strecke und der Bahnübergang bereits gesperrt ist und informiert die Passanten. Und muss dabei feststellen, dass niemand seine Hilfe anbietet. „Einen Mann, der Handyfotos gemacht hat, bin ich sogar angegangen und habe ihn verscheucht.“

Lokführer über lebende Frau informiert

Und Lisa Marie Iser hat noch eine Sorge: der Lokführer. „Für die ist so ein Unfall ein schwerer Schlag, denn sie müssen davon ausgehen, dass sie, wenn auch völlig schuldlos, einen Menschen getötet haben“, sagt Lisa Marie Iser. Einen anderen Lokführer, der gerade Feierabend hat, bittet sie, zum IC-Lokführer zu gehen und ihm zu sagen, dass die junge Frau lebt. „Das ist für den Lokführer eine sehr wichtige Information.“

Den eintreffenden Sanitätern, Notärzten und Beamten der Bundespolizei kann Lisa Marie Iser noch die Lage erläutern, dann übernehmen diese die weitere Betreuung der Verletzten. „Ich war heilfroh, dass ich dem Notarzt noch sagen konnte, dass die junge Frau lebt und ansprechbar ist“, sagt Brunhild Iser.

Ersthelfer wünschen sich Seelsorge

Langsam fangen dann bei den beiden Frauen etwas „die Nerven an zu flattern“ und sie machen sich auf den Heimweg. „Wir konnten die ganze Nacht nicht schlafen und haben uns stundenlang über den Unfall unterhalten“, sagt Lisa Marie Iser. Und sie regt an, dass in so einem Fall auch für Ersthelfer an eine Notfallseelsorge gedacht werden sollte.

Die junge Frau haben sie nicht mehr wiedergesehen. „Wir hätten sie gern noch persönlich gefragt, wie es ihr geht“, so Lisa Marie Iser. „Sie wollte übrigens unbedingt ihren Regionalzug bekommen, darum ist sie unter der Schranke durchgelaufen, das hat sie mir damals noch erzählt“, sagt Brunhild Iser - und dabei legt sich ihre Stirn in Falten: „Wir haben, man glaubt es kaum, nach dem Unfall noch sehr oft Menschen beobachtet, die am Sudenburger Bahnhof unter der Schranke durchgekrabbelt sind, nur, um nicht warten zu müssen.“

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