Magdeburg l "Die Corona-Maßnahmen gehen zu weit", sagte Eckart Spindler. Der 55-Jährige aus Halle ist einer von etwa 260 "Querdenkern", die am 15. August 2020 in Magdeburg auf dem Alten Markt demonstriert haben. Auf diese Höhe schätzt die Polizei die Zahl der Teilnehmer. Bei dem anschließenden Aufzug zum Hasselbachplatz und zurück seien es noch etwa 130 Teilnehmer gewesen. Versammlungsleiter Manuel Zieber ging auf Volksstimme-Nachfrage von insgesamt etwa 600 bis 650 Teilnehmer aus.

So wie Eckart Spindler äußerten sich mehrere "Querdenker"-Demonstranten gegenüber der Volksstimme. Von rechtem Gedankengut, das der Bewegung immer wieder vorgeworfen wird, distanziere man sich jedoch ausdrücklich. Das erklärte auch Dietlind Herzog. Die Krankenschwester aus Bernburg forderte beispielsweise Massentests einzustellen und nur noch die Erkrankten zu behandeln. An ihrer Jacke trug sie einen Anstecker. "Oma gegen Rechts" stand da drauf. Warum sie das tue? "Weil ich nicht in die rechte Ecke gestellt werden möchte von den Medien", sagte sie.

Demonstranten distanzieren sich von Rechts

Dass Veranstaltungsleiter Zieber mit der Neonazi-Szene in Verbindung gebracht wird, habe sie allerdings nicht gewusst. Und auch Spindler und seine Begleiterin Katrin Zipro - ebenfalls aus Halle - erklärten vehement: "Wir kennen ihn nicht und distanzieren uns von Nazis." Man setze eher auf einen offenen Dialog. Deshalb die Teilnahme an dieser Demonstration.

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Unterdessen warnte das Bündnis Solidarisches Magdeburg vor einer Unterwanderung der "Querdenker"-Bewegung durch die rechte Szene. Bei einer Gegen-Kundgebung auf dem Ulrichplatz protestierten Franka Kretschmer und ihre Mitstreiter vom Bündnis gegen die "Querdenker". Laut Polizei gab es hier etwa 15 Teilnehmer. Kretschmer berichtete, sie seien mit etwa 75 Passanten ins Gespräch gekommen.

Franka Kretschmer warnte: "Es besteht die Gefahr, dass diese Bewegung die Unsicherheit der Menschen ausnutzt, um bei ihnen ihre rechten Ideologien zu platzieren." Auch sie würde durchaus Kritik an den Corona-Maßnahmen üben. So hätte beispielsweise die Maskenpflicht von Anfang an gelten sollen, so Kretschmer. Doch durch die Aktionen der "Querdenker" werde die Demokratie destabilisiert. "Und das ist gefährlich."

Reichsflaggen bei den "Querdenkern"

In der Tat traten bei der Kundgebung der "Querdenker" nicht nur Gegner der Corona-Maßnahmen ans Mikrofon. Erneut wurden beispielsweise Stimmen laut, die die BRD nicht als Rechtsstaat anerkennen. Am Rande trugen drei Demonstranten jeweils eine schwarz-weiß-rote Fahne - die Flagge des Kaisserreichs. "Nicht verboten", so das Urteil der Polizei.

Auch schallten Rufe "Lügenpresse" über den Alten Markt. Zudem wurden einige Gespräche der Volksstimme mit Demonstranten von einzelnen anderen Demonstranten mit Zwischenrufen gestört. Man solle sich nicht mit der Presse unterhalten, hieß es. Zu größeren Zwischenfällen kam es laut Polizei aber nicht.

Europa-Hymne statt "Gedanken sind frei"

Für Überraschung sorgte derweil das Glockenspiel am Alten Rathaus. Normalerweise erklingt hier sonnabends pünktlich 17 Uhr "Die Gedanken sind frei". Die "Querdenker" hatten sich schon darauf gefreut, wollten gerade zum Mitsingen anstimmen, als plötzlich die Europa-Hymne "Ode an die Freude" erklang.