Nominiert für den Magdeburger des Jahres 2011: Ute Mühler, erforscht mit Leidenschaft Magdeburgs Stadthistorie

Geschichtsunterricht, der berührt: Lehrerin und ihre Schüler geben Holocaust-Opfern Namen zurück

Von Peter Ließmann

Zehn Kandidaten sind für den Magdeburger des Jahres 2011 nominiert. Die Volksstimme stellt alle Kandidaten vor. Heute: Ute Mühler, die ein beeindruckendes Geschichtsprojekt mit ihren Schülern umgesetzt hat.

Magdeburg l Sie sei "Lokalpatriotin", sagt Ute Mühler lachend. "Dazu stehe ich auch." Ihr Herz schlage für Magdeburg und das "schon immer". Aber mit ebenso großer Leidenschaft ist Ute Mühler Geschichtslehrerin. Kinder und Jugendliche für Geschichte zu begeistern, liegt ihr am Herzen. Dabei sollen ihre Schüler aber nicht nur Geschichte "hören" oder "lesen", sondern möglichst selbst erforschen. Ihre Geschichtsprojekte am Hegel-Gymnasium, in dem sie seit seiner Gründung 1991 an der Tafel steht, sind schwer, aber sehr beliebt. Rausgehen, in Archiven nach Fakten suchen, an Originalschauplätze den Genius Loci spüren, so stellt sich Ute Mühler Geschichtsunterricht vor. "Wenn immer es möglich ist, versuchen wir das unseren Schülern zu bieten", sagt Ute Mühler.

Ihren persönlichen Forscherinnendrang lenkt sie auf die Stadtgeschichte von Magdeburg. Im Kulturhistorischen Museum ist sie ebenso bekannt und "Stammgast" wie im Stadtarchiv, sie gestaltet Exkursionen zusammen mit Magdeburgs wohl bekanntester Stadtführerin Nadja Gröschner, und die Geschichte des Hegelgymnasiums und von dessen Vorgängern Bismarckschule und Viktoriaschule kennen nur wenige so gut wie sie. Darum hat das Hegelgymnasium auch ein eigenes und sehr interessantes Schulmuseum. "Das ist mein Reich", schmunzelt Ute Mühler.

Und dann machte im November 2009 der "Zug der Erinnerung" Station auf dem Magdeburger Hauptbahnhof. Damit beginnt eines der intensivsten und für alle Teilnehmer wohl auch aufwühlendsten Geschichtsprojekte am Hegel-Gymnasium.

In dem historischen Zug erinnert eine Wanderausstellung an die Deportation Tausender von jüdischen Kindern und Jugendlichen in das Vernichtungslager Auschwitz - auf den Schienen der Deutschen Reichsbahn. In ihren Forschungen blendet Ute Mühler dieses dunkle Kapitel deutscher Geschichte nicht aus und besucht mit ihren Geschichtsklassen den "Zug der Erinnerung". "In der Ausstellung haben wir dann dieses Foto von den jüdischen Schulkindern entdeckt. Alles Kinder aus Magdeburg", erinnert sich Ute Mühler. "Das war schon beeindruckend." Von Stadtarchivarin Dr. Maren Ballerstedt erfuhr Ute Mühler dann, dass dieses Foto ein Ausstellungsbesucher in Köln gesehen hat, ein ehemaliger Magdeburger. Der Mann meldete sich im Magdeburger Stadtarchiv und sagte: "Ich weiß von jedem dieser Kinder den Namen!"

Zu der Zeit wird Ute Mühler auch auf die Stolperstein-Aktion des Künstlers Gunter Demnig aufmerksam. Demnig erinnert in vielen deutschen Städten mit "Stolpersteinen" an die Opfer des Nazi-Terrors und den Holocaust.

Ute Mühler führt das alles zu einem besonderen Geschichtsprojekt am Hegel-Gymnasium zusammen. Die Schüler wählen zwei Namen von Kindern auf dem Ausstellungsfoto, das sie im "Zug der Erinnerung" gesehen haben aus und beginnen, deren Spuren in Magdeburg zu suchen. "Die Schüler waren dazu im Stadtarchiv und im Archiv der Magdeburger Synagogen-Gemeinde und haben versucht, alles zu den Familien Rosenthal und Warzecha herauszubekommen", erzählt Ute Mühler. Sie haben den Jüdischen Friedhof besucht und versucht, Nachfahren ausfindig zu machen. Auch Künstler Gunter Demnig wurde zu einem Besuch im Hegel-Gymnasium eingeladen. "Das war schon toll, zu sehen, wie aufmerksam und begeistert die Schüler dem Künstler bei seinen Vorträgen zugehört haben." Viele gute Tipps für ihre Recherche konnten sich die Hegel-Schüler von Waltraut Zachhuber holen, die die Magdeburger Stolperstein-Aktion mitinitiiert hat.

Als alle Fakten und möglichen Informationen über die beiden jüdischen Familien zusammengetragen waren, war auch schnell klar, dass für sie Stolpersteine in Magdeburg verlegt werden müssen. "Die Schüler haben dafür dann Spenden in der Schule gesammelt und viel mehr zusammenbekommen, als notwendig war." Für die Stolperstein-Verlegung selbst haben viele Schüler des Hegel-Gymnasiums noch ein sehr feierliches Rahmenprogramm zusammengestellt. "Ich bekomme heute noch eine Gänsehaut, wenn ich daran denke."

Insgesamt hat dieses Geschichtsprojekt dazu geführt, dass für die jüdischen Familien Rosenthal und Warzecha 14 Stolpersteine in Magdeburg verlegt werden konnten. Damit haben 14 bis dahin anonyme Opfer des Holocaust einen Namen, ihren Namen zurückbekommen. "Wir versuchen immer, den Unterricht für unsere Schüler nicht nur interessant, sondern auch nachhaltig zu gestalten, dass sie davon etwas für ihr ganzes Leben mitnehmen können. Das ist mit diesem Projekt wohl gelungen."

Das Stolperstein-Projekt am Hegel-Gymnasium war mit der Verlegung der Gedenksteine abgeschlossen, hatte für Ute Mühler aber noch einen ergreifenden Nachklang: "Mich hat ein 91-jähriger Herr angerufen, der in der Volksstimme von meiner Nominierung zur Kandidatin ,Magdeburger des Jahres\' gelesen hat. Er hat mir erzählt, dass er einen jüdischen Schulkameraden namens Weinzweig hatte. Irgendwann in den 1940er Jahren sei plötzlich eine Frau in die Schulklasse gekommen und habe seinen Klassenkameraden sehr brutal aus der Klasse gezerrt. Er habe von da an nie wieder etwas von diesem Jungen gehört und ob ich ihm nicht helfen könnte, etwas über den Jungen herauszubekommen."