Magdeburg l Die günstigste Flasche Bier kostet im Shop von Sebastian Rudloff 70 Cent. Es ist auch das Bier, was bei ihm am häufigsten über den Tresen geht. Vor 13 Jahren hat Rudloff den ersten Shop am Hassel eröffnet, wo man fast rund um die Uhr Getränke und Snacks kaufen kann. Seitdem ist sieben Tage die Woche bis zu 17 Stunden täglich geöffnet.

Auf die Idee zu so einem Spätshop kam der heute 37-Jährige, als er damals beim Ausgehen am Hasselbachplatz dutzende Besucher der Kneipenmeile beobachtete, wie sie zur nahe gelegenen Tankstelle liefen, um sich dort Getränke zu besorgen. Mit den im Vergleich zu den Kneipenpreisen günstigeren Flaschen machten sie es sich unter freiem Himmel auf dem Platz am Kreisverkehr gemütlich.

Scharf unter Beschuss

Die Einkaufsmöglichkeit bis in die frühen Morgenstunden wurde auf Magdeburgs Barmeile zur festen Instanz. Es habe ein gutes Nebeneinander von Kneipen und Spätshop gegeben, sagt Sebastian Rudloff. Doch heute stehen der 37-Jährige und die anderen Spätshop-Betreiber in der Innenstadt scharf unter Beschuss.

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In den vergangenen Jahren kam es vermehrt zu Ausschreitungen am Hasselbachplatz. Anwohner und Passanten haben sich immer wieder über Lärm, Dreck und respektloses Verhalten der Feiernden rund um die öffentlichen Bänke am Hasselbachplatz beschwert. Die Volksstimme berichtete wiederholt, dass die Stadt Magdeburg die Spätverkaufsstellen mitverantwortlich für die Probleme macht. Kritisiert wird der Verkauf von preisgünstigem Alkohol – fast rund um die Uhr.

Sebastian Rudloff ist mit seinem Laden mittlerweile von der Ecke zur Hallischen Straße in den Breiten Weg umgezogen. Neben ihm gibt es heute noch vier weitere Spätshop-Betreiber am Hasselbachplatz, zwischenzeitlich waren es mal sieben. Rudloffs größte Kritik: „Alle hacken auf mir rum, doch niemand redet mit mir.“ Erst kürzlich hatte der Oberbürgermeister Lutz Trümper sich mit rund 30 Gastronomen zusammengesetzt. Doch der Spätshop-Betreiber sei nicht eingeladen gewesen.

Angestammte Lokale schließen

Fakt ist: Auf der Kneipenmeile gibt es einen Wandel. Seit Jahrzehnten angesagte Hassel-Bars wie das Café Liebig, das Markant sowie die Urbar haben bereits geschlossen, das Jackelwood macht demnächst zu und das Coco steht zum Verkauf. Für Sebastian Rudloff steht fest: Die Spätshops sind nicht der Grund dafür. „Die Gastronomen müssen mehr mit dem Trend gehen und vielleicht auch an den Preisen drehen.“

Rudloffs Shop gilt als Mischbetrieb zwischen Gaststätte und Einzelhandelsgeschäft. Unterschied zu den Kneipen: Dort müssen sich die Gastronomen an feste Sperrzeiten halten und Toiletten für ihre Gäste zur Verfügung stellen. In dem Shop am Hassel gibt es zwar auch Toiletten, aber für die Nutzung ist ein Obolus fällig. Die Stadt sollte eine öffentliche Toilette im Bereich Liebigstraße aufstellen, lautet Rudloffs Lösungsvorschlag für das Problem mit dem öffentlichen Urinieren.

Ruf nach mehr Polizei

Was den Bereich vor seinem Laden betrifft, fordere er die Leute immer wieder auf, sich wegzubewegen. Damit niemand mehr auf den Fensterbänken vor seinem Shop Platz nehmen kann, stehen dort jetzt große Blumenkästen. Der Grund: Der Platz vor Rudloffs Laden wurde in der Vergangenheit immer wieder zum Brennpunkt. „Ich kann nichts dafür, das liegt an der Haltestelle hier direkt vor der Tür“, erklärt der Betreiber.

Die Polizei hat die Spätshops als „größten Anziehungs- und Konfliktpunkt“ ausgemacht. Die Volksstimme berichtete, dass es der Polizei zufolge besonders vor dem Shop im Breiten Weg immer wieder Probleme gebe. Zwischen Haltestelle und Ladeneingang postieren sich in den letzten Wochen regelmäßig Polizisten. Sebastian Rudloff findet das gut.

Einen Platz zum Feiern braucht die Stadt

Er würde sich sogar noch eine stärkere Präsenz der Polizei und auch ein härteres Eingreifen wünschen. Sein Vermieter hat sich wegen der Probleme vor dem Haus im Breiten Weg bereits an die Stadt gewandt. Der Volksstimme liegt ein Antwortschreiben des Oberbürgermeisters vor. Darin empfiehlt Lutz Trümper, das Geschäft an jemanden zu vermieten, der keinen Alkohol verkauft.

Sebastian Rudloff fühlt sich ungerecht behandelt. „Nur weil ein paar ausrasten, müssen doch nicht alle darunter leiden.“ Das Problem wäre damit auch nicht gelöst. „Viele kommen bereits betrunken hierher.“ Der Hassel sei eben der einzige Platz der Stadt, wo abends was los ist. „So einen Ort braucht die Stadt. Wer sich am Lärm stört, sollte weg- oder gar nicht erst dorthin ziehen.“

Geschäftsmann will notfalls klagen

Der 37-Jährige hat einen Zehnjahresvertrag mit dem Vermieter für sein Geschäft abgeschlossen – und will um sein Recht kämpfen. Das hat er auch schon 2010 getan, als die Stadt erstmals versuchte, ein Alkoholverbot auf dem Hasselbachplatz umzusetzen. Sebastian Rudloff hat dagegen geklagt und vor dem Oberverwaltungsgericht gegen die Stadt gewonnen.

„Die Menschen haben Rechte“, sagt Rudloff. Und für die werde er auch einstehen, wenn die Stadt wie angedacht versucht, Einfluss auf eine Änderung des Landesgaststättengesetzes zu nehmen, um die Spätshops unter Druck zu setzen. Rudloff: „Dann ziehe ich wieder vors Gericht.“