Magdeburg l Die Künstler Martin Müller und Paul Ghandi können es kaum glauben: Mehr als zwei Jahre hatten sie auf den Termin für eine Ausstellung in der Flurgalerie Eisenbart gewartet. Unter dem Motto „Struktur und Weiblichkeit“ wollten sie dort ausstellen. Doch vier Wochen vorher gab es eine Einschränkung: Die beiden Künstler, die Aktfotografien von Frauen mit Bleistift oder Farbe überzeichnet haben, dürfen diese Bilder nicht zeigen. Dabei hatten sie sich mit diesem Projekt 2013 in der Galerie beworben.

Unverständlich ist für die beiden Künstler, dass sie erst vier Wochen vor der Ausstellung die Einschränkung erhielten. Schließlich sei lange klar gewesen, dass die beiden ebenjene Bilder aus der „Fornamentik“-Reihe zeigen wollten. 25 Bilder und mehr hätten Platz gehabt. Die Organisatorin der Flurgalerie habe zwar zwischenzeitlich gewechselt. Aber auch die neue Ansprechpartnerin habe lange vor dem Termin die Infos bekommen. „Aber offenbar hat da niemand reingeguckt. Doch eigentlich müsste es intern auch eine Übergabe geben“, findet Müller.

Künstler wittern Zensur

Die beiden Künstler fühlen sich nun zensiert und können nicht nachvollziehen warum. Schließlich handelt es sich um das Haus der Heilberufe. Viele der dort tätigen Menschen hätten beruflich mit unbekleideten Menschen zu tun. In Krankenhäusern seien die Bilder bereits gezeigt worden, auch in der Magdeburger Uni-Mensa. „Seit 2009 hatten wir eigentlich immer irgendwo eine Ausstellung“, berichtet Martin Müller. „Dass wir gerade mit dem Haus der Heilberufe Probleme bekommen würden, hätten wir nie gedacht“, ergänzt Paul Ghandi. Die Freiheit der Kunst werde eingeschränkt, auch wenn natürlich jede Galerie das Recht habe, zu entscheiden, welche Bilder sie zeigen wolle.

Bilder

Die beiden waren verhandlungsbereit, hätten eine Reihe der überzeichneten Bilder mitgebracht, von denen die Veranstalter bestimmte Werke hätten ausschließen können. Dass dem Akt von vornherein eine Absage erteilt wird, können die beiden nicht nachvollziehen. Zumal in dem Regelwerk zur Flurgalerie und deren Nutzung Aktbilder nicht ausgeschlossen werden würden. Zudem sei der Akt wichtiger Teil der Kunst – und das schon vor der Antike. „Moore, Matisse, Dalì, Rubens, Rodin – sie alle haben sich auch dem Akt gewidmet“, sagt Paul Ghandi.

Wirtschaftlicher Schaden

Eine besondere politische Aussage verfolgten er und sein Kollege mit den Bildern nicht. Es gehe um Ästhetik und wie sie sich wandelt, wenn Struktur und natürliche Weiblichkeit kombiniert werden. Da Ghandi von seiner Kunst lebt, sieht er sich auch wirtschaftlich geschädigt. Denn kurz vor Weihnachten habe er gehofft, dass das ein oder andere Bild den Besitzer wechseln würde.

Warum die Aktbilder nicht zugelassen wurden, war gestern offiziell nicht in Erfahrung zu bringen. Denn die Pressestelle der Kassenärztlichen Vereinigung wollte keine öffentliche Stellungnahme abgeben und konnte auch keinen Kontakt vermitteln. Das Thema sei mit den beiden Künstlern geklärt worden, hieß es.

Religiöse und moralische Gründe

In E-Mails, die der Volksstimme in Auszügen vorliegen, teilte die Kassenärztliche Vereinigung allerdings zum Thema Akt mit: „Unsere Flurgalerie muss eine Grundausrichtung haben, nach welcher Aktdarstellungen leider nicht möglich sind.“ Die Gründe dafür lägen in den Merkmalen und Charakteristika des Hauses für Heilberufe. Zum einen befänden sich dort Hunderte Arbeitsplätze unterschiedlicher Arbeitgeber.

Die Flurgalerie müsse dabei aufgrund ihrer Lage im Eingangsbereich und im Bereich zu den Tagungsräumen wie auch zur Kantine nahezu ausnahmslos von allen täglich durchschritten werden. „Dies bedingt, dass in viel höherem Maße als in einer reinen Galerie, welche von den Besuchern freiwillig aufgesucht wird, auf religiöse, ethische, moralische und andere Aspekte der einzelnen Mitarbeiter Rücksicht genommen werden muss.“

Betreiber wollen "neutralen Eindruck"

Zum anderen würde das Haus der Heilberufe täglich von einer Vielzahl von Gremiumsmitgliedern, Antragstellern und Kunden, z. B. auch unterschiedlicher religiöser und ethnischer Herkunft, aufgesucht. Es diene auch der Anwerbung von Ärzten unterschiedlicher, vermehrt auch ausländischer Herkunft, und müsse daher einen für alle Besucher neutralen Eindruck hinterlassen. „Dies unterscheidet uns deutlich von anderen Galerien“, hieß es.

Die beiden Magdeburger Künstler wünschen sich eine offene Diskussion über das Thema Akt und Nacktheit in der Kunst. Einen kleinen Trost für sich und all jene, die die Ausstellung sehen wollten, gibt es. „Wir haben extra Bilder für die Ausstellung zurückgehalten, die noch nicht gezeigt wurden“, sagt Martin Müller. Sie werden voraussichtlich ab Januar in der Galerie „Querstyle“ von Anke Brämer gezeigt – dann unter dem Titel „Fornamentik: Das verlorene Kapitel“.

Für alle, die sich am Dienstag auf eine neue Ausstellung im Haus der Heilberufe gefreut hatten, gibt es ebenfalls Ersatz – hier wird um 18.30 Uhr eine Ausstellung mit Aquarell-Motiven aus Magdeburg und Umgebung von Wolfgang Lange eröffnet.