Hochzeit

Heiraten wird zur Zitterpartie

Die Corona-Pandemie mit ihren Beschränkungen haben Heiratswillige 2020 nicht daran gehindert, sich in Magdeburg das Jawort zu geben.

Von Karolin Aertel

Magdeburg l Das Datum ist auf den Ehering graviert, die Hochzeit lange geplant. Brautkleid, Lokalität, Torte und Menü – zumeist beginnen gut ein Jahr im Voraus die Hochzeitsvorbereitungen. Etwas, das selbst der erfahrenste Hochzeitsplaner nicht einkalkulieren kann: die Auswirkungen einer Pandemie.

Und so machte das Coronavirus im vergangenen Jahr den Heiratswilligen in Magdeburg das Leben schwer. Zweifelsohne, nervenaufreibend sind bevorstehende Eheschließungen ohnehin, doch was Brautpaaren im vergangenen Jahr abverlangt wurde, glich einer Zitterpartie. Auflagen und Einschränkungen bis hin zum kompletten Lockdown bestimmten das Bangen um den Hochzeitstermin.

Etwa ein Drittel der Kunden von Brautmodenausstatterin Janine Schultze-Frotscher haben die Hochzeit deshalb verschoben. Mit Auflagen wie einer Begrenzung der Gästeanzahl, Mundschutzpflicht und Gesangsverbot wollten sie ihren mitunter schönsten Tag im Leben nicht begehen – möchte man sein Glück doch teilen. „Manche haben ihren Termin nun sogar ein zweites Mal verlegt“, weiß die Chefin des „Magic Moment“-Brautateliers. Es sei ja irgendwie abzusehen, dass Hochzeiten, die im März/April geplant sind, gewiss noch nicht unter „normalen“ Bedingungen stattfinden werden können.

Dennoch haben auch viele Paare ihre Hochzeit im Pandemiejahr „durchgezogen“. „Sie hatten das Datum ja schon in ihre teuren Ringe graviert“, weiß die Brautausstatterin. Sie steht immer im engen Kontakt zu den Paaren, die sich von ihr beraten und ausstatten lassen. Manche treten mit für die Hochzeitsdoku „Zwischen Tüll und Tränen“ gar vor die Kamera. Janine Schultze-Frotscher weiß um die Unsicherheit, mit denen Hochzeitspaare in diesem Jahr zu Kämpfen hatten. „Jene, die trotz Auflagen geheiratet haben, haben sich standesamtlich trauen lassen und feiern, wenn es wieder erlaubt ist, mit einer freien Trauung nach.“

Und tatsächlich ist die Anzahl standesamtlicher Trauungen 2020 im Vergleich zum Vorjahr annähernd gleichgeblieben. So gaben sich 792 Paare das Jawort. Das sind lediglich 16 Paare weniger als 2019 (808 Trauungen). Die meisten Ehen wurden am 20.06.2020 geschlossen. Es war der längste Tag im Jahr mit der kürzesten Nacht, Sommersonnenwende genannt. 13 von ursprünglich 14 angemeldeten Paaren gaben sich an diesem Tag das Jawort.

Zehn Trauungen wurden am 20.02.2020 geschlossen – einem beliebten Datum, da besonders leicht zu merken.

Die meisten Eheschließungen innerhalb eines Monats gab es 2020 im Juli und August mit jeweils 99 Trauungen. Die wenigsten Hochzeiten pro Monat wurden im vergangenen Monat, im Dezember, mit 36 Eheschließungen gezählt.

Auch 36 gleichgeschlechtliche Paare ließen sich im vergangenen Jahr vom Coronavirus nicht die Heiratslust verderben. 22 dieser gleichgeschlechtlichen Paare waren Frauen, 14 Paare Männer. Zum Vergleich: 2019 „trauten“ sich 41 gleichgeschlechtliche Paare, davon ebenfalls 22 mit zwei Frauen, 14 mit zwei Männern.

Geheiratet wurde größtenteils im Standesamt in der Humboldstraße, lediglich acht Trauungen fanden in der Lukasklause und acht im Hundertwasserhaus statt. Zudem gaben sich vier Paare in der Africambo-Lounge das Jawort. „Außergewöhnliche Wünsche gab es nicht, viele Paare hatten sich auf die eingeschränkten Feiermöglichkeiten eingestellt“, erklärt Stadtsprecher Michael Reif. „Die durch die jeweiligen Eindämmungsverordnungen aufgetretenen Veränderungen, wie Desinfektion, Anwesenheitslisten, Begrenzung der Anzahl der Gäste, Maskenpflicht und so weiter, wurden von den meisten Brautpaaren ohne Bedenken angenommen.“

So manches Brautpaar könnte vielleicht auch ins Ausland „geflüchtet“ sein, wo die Auflagen weniger streng waren. Insgesamt 28 Ehefähigkeitszeugnisse fürs Ausland wurden ausgestellt. „In vielen Ländern, wie zum Beispiel in Dänemark oder den USA, benötigt man aber diese nicht zwingend, um zu heiraten“, erklärt Michael Reif. Insgesamt zwölf im Ausland geschlossene Ehen wurden vom Standesamt Magdeburg nachbeurkundet (2019: 26). Diese können bei Ehen, die im Ausland geschlossen wurden, deren Paare sich aber einen deutschen Heiratsregistereintrag wünschen, vorgenommen werden. „Wie viele Magdeburger im Jahr 2020 aber tatsächlich im Ausland geheiratet haben, ist nicht ermittelbar“, erklärt der Stadtsprecher.

Um das Hochzeitsgeschehen war es im vergangenen Jahr folglich gar nicht so schlecht gestellt, wie die Pandemielage es zunächst annehmen lässt. Und auch für dieses Jahr liegen die ersten Anmeldungen vor, wenngleich die Magdeburger beim Planen noch etwas verhalten scheinen.

Bis zum 30. Juni dieses Jahres haben sich bislang 240 Paare für eine Eheschließung angemeldet, darunter drei in der Lukasklause sowie zwei in der Africambo-Lounge, teilt Stadtsprecher Michael Reif mit. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr lagen Mitte Januar bereits 309 Hochzeitsanmeldungen vor.

Brautausstatterin Janine Schultze-Frotscher blickt dennoch zuversichtlich in die Zukunft. Ihre Auftragsbücher seien voll, Magdeburg will heiraten. Inständig hoffe sie nun, ab 15. Februar wieder öffnen zu dürfen. Sie habe eine Braut, die wartet, ein Kleid auszusuchen und wenige Tage später, am 20. Februar heiraten zu können. Es müsse bis dahin aber noch abgesteckt und angepasst werden - eine Zitterpartie für alle Beteiligten. Denn im Zuge des Lockdowns muss derzeit nicht nur das Brautatelier die Türen geschlossen lassen, auch ihre Änderungsschneider dürfen nicht arbeiten.

Etwas, das Janine Schultze-Frotscher nur schwer verstehen kann. Nicht nur, dass ihr Geschäft so groß ist, dass Meter zwischen ihr und der Kundin oder dem Kunden liegen können, auch Einzelberatungen auf Abstand sind möglich. Auch verstehe sie nicht, dass sie nicht einmal die Änderungsarbeiten anbieten darf - auch nicht mit Mundschutz und nur zwei handelnde Personen. Änderungsschneidereien hingegen dürfen während des Lockdowns öffnen. Ein Anruf bei der Industrie- und Handelskammer führte zu keiner Lösung, erzählt sie. „Änderungsschneidereien gelten als nicht körpernahe Dienstleistung, ihre Änderungsschneiderei für Brautmoden gelte jedoch als diese.“ Und so warten nun unzählige Brautkleider darauf, auf den Leib geschneidert zu werden.

Bleibt also zu hoffen, dass Verliebte 2021 auf die Frage: „Willst Du mich heiraten?“, nicht antworten müssen: „Ja, aber später.“