Magdeburg l Auch wenn ein paar milde Weihnachtstage in Magdeburg eher die Normalität als eine Klimakatastrophe sind – mit einem Klimawandel haben es die Magdeburger auf jeden Fall in den kommenden Jahren zu tun. Insbesondere die in einer Klimastudie bereits beschriebene Zunahme von Hitzetagen mit Temperaturen jenseits der 30 Grad Celsius an vielen Stellen in der Stadt und die Zunahme der Tropennächte, in denen die Lufttemperatur nicht unter 25 Grad Celsius sinkt, wird in Zukunft gerade älteren und kranken Menschen Probleme bereiten. Der Gesetzgeber hat daher den Kommunen aufgetragen, sich mit dem Thema zu befassen.

In Magdeburg wurden schon zu den Zeiten von Stadtbaurat Bruno Taut in den 1920er Jahren entsprechende Räume für die Frischluftzufuhr in die Stadt ausgemacht. Heute könnten diese wenngleich weniger zum Austausch von abgasbelasteter Luft mit Frischluft, so denn aber zum Zustrom kalter Luft aus dem Umland in überhitzte Wohnquartiere eine Rolle spielen.

In Magdeburg seit 90 Jahren Thema

Ob diese im Flächennutzungsplan Magdeburgs, der den Bauplanungen zugrunde liegt, noch den Anforderungen entsprechen, hat die Magdeburger Stadtverwaltung vom Geo-Net Umweltconsulting in Hannover untersuchen lassen. Die Ergebnisse sollen – so die Stadtverwaltung – vom Stadtrat als Regelung unter dem Titel „Stadtklimatische Baubeschränkungsbereiche“ beschlossen werden.

Die Wissenschaftler kommen zu dem Ergebnis, dass die Kaltluftschneisen weiter geschützt werden müssen. Besondere Bedeutung kommt daneben Gewässern, Kleingarten- und Parkanlagen zu, über denen die Luft in sommerlicher Hitze abkühlen kann.

Gebäude haben Einfluss aufs Klima

Mit einem Punktesystem soll es – so die Idee der Wissenschaftler – ermöglicht werden, den Einfluss von neuen Gebäuden im Bereich der fürs Stadtklima bedeutsamen Flächen bewertet werden. Für den Fall, dass einmal an der Schrote in Stadtfeld gebaut werden sollte, haben die Experten das Modell einmal durchgerechnet. Auch für andere Fälle, die jeweils einzeln betrachtet werden müssten, könnte durch Höhe, Anordnung, Abstand und Form der Gebäude ein wesentlicher Einfluss darauf genommen werden, ob die Frischluftzufuhr in die Stadtteile tatsächlich gestört werden würde, so das Ergebnis.

Diskutiert wurde der Vorschlag bislang im Finanzausschuss und – in einer ersten Lesung – im Bauausschuss. In Letzterem befürwortete der Bündnisgrünen-Stadtrat Timo Gedlich den Entwurf als wichtige Vorsorge für kommende Generationen. Die SPD-Stadträte Danny Hitzeroth und Falko Grube konnten der Idee auch etwas abgewinnen, sehen aber Diskussionsbedarf zu einzelnen Flächen. Die Rede ist beispielsweise vom Johannisberg und dem Bereich östlich des Universitätsplatzes, die die beiden eher für die Stadtentwicklung prädestiniert sehen.

Angst vor Bürokratie in Magdeburg

Daneben gibt es aber auch Kritiker. Stadtrat Reinhard Stern (CDU) verweist beispielsweise auf Dresden, wo die historischen Baugrenzen wieder aufgegriffen werden, um die Innenstadt zu verdichten. Dazu gibt es auch immer wieder Visionen wie die zur Gestaltung der nördlichen Altstadt aus dem Jahr 2017. Dort spielen Kaltluftschneisen im Stadtbild keine Rolle. „Es geht also auch ohne solche Ideen, und in Magdeburg wollen wir ja auch eine Verdichtung der Stadt“, so der Stadtrat. Dem hält der Umweltbeigeordnete Holger Platz entgegen: „Wir müssen uns jetzt mit dem Klimawandel der kommenden Jahre auseinandersetzen.“ Er sieht die Gesundheit der Menschen als wichtigstes Ziel.

Reinhard Sterns Fraktionskollege Thomas Brestrich sieht – vor dem Hintergrund, dass auch über den bestehenden Flächennutzungsplan entsprechende Flächen freigehalten werden können – weitere bürokratische Hürden für Investoren: „Die Stadt würde sich hier eine weitere Prüf­ebene schaffen – und das lehne ich ab“, sagt der Christdemokrat.

Idee schafft mehr Möglichkeiten

Eine Gefahr und zusätzliche Belastung für bestehende Bauvorhaben sieht die Stadtverwaltung aber nicht. Holger Platz: „In keinem der betroffenen Gebiete gibt es gültige Baugenehmigungen. Ganz im Gegenteil: Mit der Einzelbewertung hätten wir künftig die Flexibilität, jene stadtplanerisch interessanten Flächen zu prüfen, die ansonsten kategorisch von einer Bebauung ausgeschlossen wären.“

Als nächstes hat übrigens der Umweltausschuss das Thema auf seiner Januarsitzung auf der Tagesordnung. Und auch der Bauausschuss wollte sich mit der Vorlage aus der Verwaltung noch einmal befassen. Bei sechs Ja-Stimmen und drei Nein-Stimmen hat der Finanz- und Grundstücksausschuss den Vorschlag bereits abgesegnet. Das letzte Wort, ob die Überlegungen zu den Kaltluftschneisen in Magdeburg weiter verfolgt werden, hat der Stadtrat.