Magdeburg | Seit schätzungsweise über 30.000 Jahre begleitet er uns, hütet den Hof oder das Haus und passt auf unseren Nachwuchs auf: der Hund. Auf rund 800 verschiedene Rassen bringt es der Vierbeiner heute, mindestens genauso unterschiedlich zeigt sich der Charakter und das Aussehen - was alle eint, ist eine innige Liebe zum Menschen, als sei diese fest in ihren Genen verankert.

In Sachsen-Anhalt erfreut sich der Hund immer größer werdende Beliebtheit. Wurden 2013 gerade einmal weniger als 55.000 Hunde registriert, stieg die Anzahl bis zum Jahr 2019 auf über 131.000 an. Knapp 12 Millionen Hunde gibt es deutschlandweit, die Zahlen hier bleiben jedoch stabil und explodieren nicht so, wie in Sachsen-Anhalt.

Kurzes Fell, lange Schnauze; zehn Kilo oder über einen Zentner Gewicht - so unterschiedlich die Tiere sind, so variabel scheint die Gesellschaft diese wahrzunehmen. Alle Hunde sind gleich? Eher nicht. Denn: manch eine Rasse scheint “gleicher” zu sein, als andere. Das zeigt unter anderem die 2016 in Sachsen-Anhalt in Kraft getretene Regelung, die besagt, dass bestimmte Rassen nicht mehr gezüchtet, bzw. verkauft werden dürfen.

Vorurteil ist Nachteil

Es ist kein Geheimnis, dass es nunmal Menschen gibt, die Vorurteile gegenüber Hunde hegen. Sei es aus Angst vor Bissen, der Aufnahme gestreuter Halb- oder Unwahrheiten aus den vergangenen Jahrzehnten, oder vor allem der medialen Aufarbeitung. Wir reden über “sogenannte Kampfhunde” (Soka), dessen Begrifflichkeit “Kampfhund” so irreführend, wie oftmals schlicht und einfach falsch ist. In der oben genannten Anpassung des Hundegesetzes in Sachsen-Anhalt wurde festgehalten, dass vier dieser Soka-Rassen nicht mehr gezüchtet, vermehrt oder mit ihnen Handel getrieben werden. Darunter sind Pitbull-Terrier, Staffordshire-Bullterrier, American Staffordshire-Terrier und Bullterrier.

Frage: Haben Sie bei den genannten Hunderassen ein Bild im Kopf? Die ehrliche Antwort dürfte wohl bei vielen von uns sein: Ja, absolut! Und das ist meist kein für die jeweilige Rasse zuträgliches Bild. Viel mehr sieht man muskelbepackte und kläffende Ungetüme, die hart in die Leine gehen und den Besitzer einiges an Kraft kosten - ein oft verwendetes Stilmittel in Rap- oder Hip Hop-Videos, die seit einigen Jahrzehnten in der breiten Öffentlichkeit stattfinden. Ebenso gerne genutzt, ist das Bild des menschenfressenden Monsters in Form eines dieser “Kampfhunde” in Film und Fernsehen. Die Wahrnehmung über Hunderassen wurde uns diktiert, wir nahmen diese auf und denken, dass dies die Realität sei.

Die klare Antwort darauf sollte jedoch immer ein klares “Falsch” sein. Realität und Wahrnehmung gehen hier getrennte Wege. Wenn in Tierdokus Haie gezeigt werden, sieht man in erster Linie das aufgerissene Maul eines aus dem Wasser schießenden Raubfisches. Logisch, dass der Rezipient nach und nach ein realitätsverzerrendes Bild der eigentlich sehr zurückgezogenen Meerestiere in seinem Gedächtnis abspeichert.

Die Wahrheit ist, dass allein schon der Begriff “Kampfhund” falsch genutzt wird. Denn anders als früher werden Hunde, die im Zusammenhang mit Beißvorfällen stehen, generell als Kampfhunde bezeichnet. Sie sind keine eigene Rasse. Das geht sogar so weit, dass jedes einzelne Bundesland entscheidet, was ein Kampfhund ist und was nicht[sic]. Diese werden anschließend auf Rasselisten festgehalten, einer Auflistung diverser Hunderassen, denen eine “Gefährlichkeit” nachgesagt wird.

Der Babysitter unter den Hunden

Einer der Hunderassen, die sich auf so ziemlich jeder dieser Rassen-Liste wiederfindet, ist der Staffordshire Bullterrier. Die kompakten, muskulösen Tiere werden weniger als einen halben Meter hoch und erreichen bis zu 17 Kilogramm. Sie sind gefühlt der Inbegriff eines Kampfhundes, wurden Sie doch im 18. Jahrhundert aus Gründen des Kampfes aus verschiedenen Terriern gezüchtet. Ebenso wahr ist, dass der “Staff” in Großbritannien ein beliebter Familienhund ist. Wegen seiner großen Kinderfreundlichkeit wird er gemeinhin auch “Babysitter Dog” oder “Nanny Dog” genannt.

Wie passt das zusammen? Auf der einen Seite ist das Tier, das in Deutschland auf diversen Listen gesetzt und gezüchtet wurde, um andere Hunde im Kampf zu besiegen. Auf der anderen Seite die weiche Seele des "Staff", der Hund, der gut mit Kindern kann, quasi das britische Äquivalent des in Deutschland beliebten Familienhundes, dem Labrador. Wie so oft ist der Mensch der Schuldige an dieser für die Soka verheerende Lage. Viele der Rassehunde sind “einfachen” Gemüts, oft dominant, fast immer loyal bis in den Tod. Der Mensch macht sich diese Eigenschaften zunutze, richtet die Tiere ab und nutzt die Loyalität zum Herrchen oder Frauchen schamlos aus: Sie ziehen sie zu unbändigenden Kampfmaschinen heran.

Ein Soka in Magdeburg

Elli lebt in einem kleinen Dorf in der Börde. Sie kommt regelmäßig Magdeburg besuchen, auch gerne mit ihrer Mischlingshündin Lisa. Auf den ersten Blick wirkt Lisa wegen ihrer bulligen Statur, dem massiven Kopf, den spitzen Ohren und der auffälligen Stromung wie ein Soka. Nach einem Gentest jedoch stellte sich schnell heraus, dass keine dieser Rassen in Lisas Erbe zu finden sind.

“Ich fühle mich in Magdeburg tatsächlich wohler, als in anderen Städten, da die Population von Soka in Magdeburg deutlich höher ist, als in anderen Städten die ich regelmäßig besuche”, erzählt die 33-jährige. “Trotz Rasseliste ist das Verständnis für solche Rassen gefühlt sehr hoch, wodurch kaum Leute merkbar die Straßenseite wechseln. Im Gegenteil, Lisa wird sogar oft ‘angehimmelt’ oder ich werde positiv auf sie angesprochen.”

Einen Unterschied zwischen Stadt und Land erkenne Sie dabei nicht. “Auf dem Dorf empfinde ich das gleiche Verständnis. Es kommt immer mal wieder vor, dass Leute abschätzig gucken oder einen Bogen um uns machen, aber die meisten packen Lisa nicht in die „Kampfhund-Schublade“ und verhalten sich neutral oder positiv.” Anders ihr Gefühl, wenn sie mit ihrer Hündin ins Nachbarland fährt, in welches sie oft mit Hund reist: “In Niedersachsen, wo es keine Rasseliste gibt, hab ich oft ein anderes Gefühl gehabt. Die Population ist gefühlt viel kleiner und das Verständnis ist nicht sonderlich groß.”

Tatsächlich gibt es keine Rasselisten in Niedersachsen. 2002 wurde eine aufgesetzt, nicht einmal ein Jahr später wurde diese wieder gekippt. Der Grund: “neue wissenschaftliche Erkenntnisse”. Seit 2011 gilt derweil ein anderes Gesetz im Nachbarland, das für Ordnung und öffentliche Sicherheit mit Bezug zu Hunden sorgen soll. Eine der Kernpunkte dieses Gesetzes wird als "Sachkunde" betitelt; der künftige Halter muss zwingend eine theoretische und praktische Prüfung vorweisen können, bevor er den Hund erwerben bzw. halten darf. Darunter: Gehorsamsübungen oder Bewegen im verkehrsöffentlichen Raum.

Doch auch in Niedersachsen gibt es tragische Ausnahmen, wie es der Fall des Staffordshire-Terriers Chico zeigt, der 2018 zwei Menschen totgebissen hatte. "Oft übersehen Tierhalter wichtige Warnsignale, die dann zu Beißattacken führen können", erklärte die Tierärztin Kathrin Roiner dem Weser Kurier. So passieren laut Roiner die meisten Unfälle mit Hund nicht auf offener Straße, wie im Falle Chico, sondern in den eigenen vier Wänden.

Signalwirkung

In Sachsen-Anhalt dürfen nun also manche Rassen nicht mehr verkauft bzw. gezüchtet werden. Das Signal: Diese Hunde sind potenziell gefährlich. Die Wirkung: noch mehr Menschen speichern falsche Assoziationen ab, die Rassen sterben bei uns quasi aus. Letztes wird das baldige und unausweichliche Ergebnis sein, nachdem bereits 2001 die bundesweite Einfuhr dieser vier Soka-Rassen verboten wurden.

Es seien genau diese Rassen, wie sie oben aufgezählt sind, die im Hundegesetz des Landes Sachsen-Anhalt als “Vermutungshunde” bezeichnet werden, erklärt Gabriele Städter vom Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt. Dieses Wortungetüm erklärt sich laut Städter so, dass aufgrund “genetischen Potenzials und der körperlichen Merkmale” dieser Art Hunde, vermutet werde, dass sie eine Gefahr für die Gesundheit oder das Leben eines Menschen ergeben könne.

Darauf stellt sie klar, dass es zwar keine gesicherte Erkenntnis gebe, dass die Hunde in ihren Genen hohe Aggressivität in sich trügen. Allerdings sei “unzweifelhaft”, dass “die Rassezugehörigkeit, die zugrunde liegende Zucht und nicht zuletzt die körperliche Konstitution schon für sich nicht unbeträchtliche Gefahrenpotentiale enthalten können.”

Zusammengefasst: Der Gesetzgeber kann nicht nachweisen, dass die sogenannten “Vermutungshunde” gefährlich sind. Doch im Zweifel werden sie aus Sachsen-Anhalt getilgt, weil sie zu eben genau diesen Rassen gehören und überdurchschnittlich kräftig gebaut sind. Da kann sich jeder selbst ein Bild von seltsamer Argumentation und zynischen Betitelungen von Hunderassen machen, die unter Generalverdacht gestellt werden.

In der Neuregelung wird zudem oft auch von “gefährlichen Hunden” gesprochen. Auf Nachfrage erklärt Gabriele Städter, dass der Gesetzgeber in zwei verschiedene Gruppen unterscheide. “Vermutungshunde”, unsere vier Soka-Rassen, und “Vorfallshunde”. Letzte sind Hunde, die bereits durch Beißattacken oder ähnlichem unangebrachten oder gefährlichen Verhalten aufgefallen sind - ob Schäferhund, Dackel oder Mops.

Auch in Niedersachsen gibt es laut Gesetz den “gefährlichen Hund”. Allerdings - und das ist der große, gar nicht mal so feine Unterschied zu unserem Land - werden Hunde dort nicht unter Generalverdacht gestellt.

Zahlen lügen nicht

Den offiziellen Zahlen zu entnehmen, sind es nicht die Soka, die mit Beißattacken in den vergangenen Jahren in Sachsen-Anhalt auffielen. 2019 lebten in Sachsen-Anhalt 131.093 registrierte Hunde. 120 Beißvorfälle von Hunden an Menschen (71), anderen Hunden (40) weiteren Tieren (9) sowie Sachschäden (10) wurden aufgenommen. Am häufigsten zugebissen hat dabei der Deutsche Schäferhund, nämlich 21 mal. Rottweiler und Labrador teilen sich den unrühmlichen zweiten Platz mit jeweils 11 Bissen.

Richtig, dass man die Vorfälle ebenso ins Verhältnis der Population setzen muss. Unsere vier behandelten Soka kommen auf insgesamt 2 Beißvorfälle im Jahr 2019, bei einer Population von zusammengenommen 1416 Hunden. Somit ist keines der Tiere in der Liste von Beißattacken im Verhältnis zur Anzahl für 2019 zu finden - es wurden schlicht zu selten Vorfälle dieser Art festgestellt. Ehrlicherweise muss dazu gesagt sein, dass der American Staffordshire in den Jahren zuvor regelmäßiger Gast in dieser Liste war, jedoch vergleichsweise selten angegriffen hat. Die anderen drei Soka-Rassen tauchen gar nicht oder nur sehr sporadisch in den Listen der vergangenen sieben Jahre auf. 

Spannend ist zudem, dass die Anzahl der in Sachsen-Anhalt gehaltenen Hunde sich von 2013 bis 2019 weit mehr als verdoppelt hat, die registrierten Bisse jedoch von 140 auf 120 zurückgingen. Möglicherweise das Ergebnis gut funktionierender Hundeschulen?

Problemlösungen

Als künftiger Hundehalter stellt man sich die Frage, mit welcher Rasse man künftig die Couch und das Bett teilen wird. Die Charaktere der jeweiligen Rassen sind sehr unterschiedlich und sollten ideal auf den eigenen Lebensstil angepasst sein. Möchte man “dominiert werden” oder will man den Hund “dominieren”? Gerade bei Soka sollte man dementsprechend einen Gedanken mehr investieren, sind diese oft sehr dominierende Rassen, die “bezwungen” werden wollen. Charakterliche Kanten können früh geschliffen werden, ein Besuch in der Hundeschule sollte nicht nur für Rassehunde- und Sokabesitzer Pflicht sein.

Zudem macht es Niedersachsen gut vor. Auch im Nachbarland kommt es zu Beißattacken, jedoch häufen die sich nicht mehr, als in anderen Bundesländern. Rassen werden nicht unter Generalverdacht gestellt. Künftig also Sachkundenachweise von sachsen-anhaltischen Hundebesitzern?

Das komplette Thema zu überblicken stellt sich als eine gewaltige Aufgabe dar. Nicht umsonst gibt es wohl dutzende Doktor-, Bachelor- und Masterarbeiten, die dieses Gebiet behandeln. Dennoch, eine These: Wenn jeder Hundebesitzer seinen Hund immer unter voller Kontrolle hat, kommt es zu deutlich weniger Beißunfällen. Ein utopischer Gedanke. Eine gesetzliche Hundeschul-Pflicht zum Beispiel könnte viel Schaden verhindern und noch mehr Leid ersparen - immer noch besser, als Hunderassen grundsätzlich zu verbieten. Die Ursache des Problems zu lösen, statt mit dem Hammer draufzuschlagen und dann behaupten die Lösung gefunden zu haben. Ein Mittel, das viel zu selten von der Landesregierung praktiziert wird und mit dieser Suche nach einfachen Lösungen für komplexe Probleme vernunftbegabte Menschen verzweifeln lässt.

Bis dahin werden wir weiterhin in Zeitungen von Kampfhunden lesen müssen, die Unschuldige angegriffen haben und anschließend eingeschläfert wurden - in den meisten Fällen nur der Liebe zum Menschen wegen, die das missbrauchten.