Magdeburg l Graeme Salt ist Sänger und Gitarrist in der Magdeburger Band Berlin Syndrome und tourt mit seinem Solo-Projekt Cellar Boy. Dort trägt er seine Gedanken und Gefühle in die Welt. Außerdem bekleidet er ein "Amt" in der Delegation der Magdeburger Kulturhauptstadt 2025. Im Interview spricht er über das Potenzial der Magdeburger Kunst- und Kulturszene und seiner Offenbarung von Handball-Toren.

Was halten Sie von der Musik- und Kunstszene in Magdeburg?
Graeme Salt:
Schwere Frage. Wenn Sie damit meinen, dass mehr Musiker nach Magdeburg kommen sollten, wünsche ich mir, dass mehr den Schritt wagen würden. Auch Musiker in der Stadt, die hier leben, sich aber nicht gewagt haben Musik zu machen.

Hat Magdeburg eine gesunde Musikszene?
Ich glaube, dass die Stadt, beziehungsweise die Musiker, das beste aus den Gegebenheiten herausholen. Vor allem Independent-Künstler aus Magdeburg, das Musikkombinat oder generell die freie Szene, arbeiten auf hohem Niveau und holen viele verschiedene Kunstschaffende in die Stadt. Diese Leute beeindrucken mich und brauchen mehr Unterstützung, auch in Form von Geldern.

Was kann Magdeburg Ihrer Meinung nach mehr für Kunst und Kultur in der Stadt tun?
Die Verantwortlichen in der Stadt können mehr Unterstützung anbieten und effektiver einen Schritt auf die Künstler zugehen. Kunst und Subkulturen sind nunmal ein großer und enorm wichtiger Bestandteil einer jeden Stadt. Viele Städte, nicht nur Magdeburg, investieren Geld in Hochkultur, Theater und andere städtische Kultureinrichtung. Was nicht verkehrt ist, jedoch gibt es wahnsinnig viele unabhängige Künstler, die ebenso finanzielle Unterstützung nötig haben. Vor allem in diesen Zeiten. Zudem hat eine unabhängige Kunstszene viel Einfluss auf junge Menschen, wirkt inspirierend. Die Kids sehen Musiker auf der Bühne, schauen sich Werke von Künstlern an und greifen selber nach Gitarre und Pinsel. Da müssen wir hin.

Fehlt das Geld für solche Investitionen?
Es ist nicht die Frage nach der Menge des Geldes, sondern die der richtigen Investition. Es geht nicht nur ums Geld, der sicherlich ein großer Faktor ist. Ein Beispiel: In Magdeburg gibt es zahlreiche verlassene Immobilien. Diese werden sehr oft für den Wohnungsbau genutzt. Warum manche dieser Räume nicht nutzen, um Kunst darin entstehen zu lassen? Insbesondere wenn sie nicht privaten Vermietern, sondern der Stadt gehören. Käme es zu einer Nutzung mancher dieser Räume, würde dies eine massive Stärkung der Kunstszene in Magdeburg mit sich bringen. Als ich damals in die Stadt zog und mein Studium beendete, blieb ich wegen der vielen Möglichkeiten hier Kunst zu schaffen. Es gab einiges zu tun. Noch heute.

Könnte ein Problem sein, dass sich Magdeburg in einem kulturellen Entwicklungsprozess befindet?
Magdeburg entwickelt sich, die Frage ist in welche Richtung. Als ich das erste Mal nach Magdeburg kam, gab es im Vergleich zu Heute mehr Bars, die auch deutlich gefüllter waren. Einhergehend waren mehr Veranstaltungen in den Bars. Das kam den Musikern auch zugute. Viele dieser Einrichtungen sind heute geschlossen, es gibt deutlich weniger Veranstaltungen als damals.

Sie sind vor sieben Jahren von Manchester nach Magdeburg gezogen. Warum ausgerechnet diese Stadt?
Ehrlich gesagt hatte ich Magdeburg nie auf dem Schirm. Während meines Studiums belegte ich einen Kurs, in welchem ich drei Monate im Ausland verbringen durfte. Darunter war auch  Magdeburg. Als ich wieder Zuhause war, begann ich die Stadt zu vermissen. Ich habe hier viele Freunde kennengelernt und erinnerungswürdige Erfahrungen gemacht. Also kam ich wieder und studierte in Magdeburg weiter.

Was studierten Sie damals?
Ich machte meinen Master in Performance Analysis of Sport, also alles rund um das Thema Leistungsanalysen in verschiedenen Sportarten. Später arbeitete ich für das Handball-Team, dem SCM. Und das obwohl ich zu diesem Zeitpunkt buchstäblich keine Ahnung von Handball hatte (lacht). Videos halfen mir mich mit den Regeln und dem Sport bekannt zu machen.

In England ist der Handball nicht so populär wie in Deutschland.
Als ich mir das erste Mal ein Handball-Video angesehen hatte, fielen mir diese kleinen Tore auf. Und plötzlich dachte ich mir: ‚Ach, dafür sind diese Dinger da, die ich immer in unserer Sporthalle gesehen hatte‘. Wir haben sie meist einfach zum Fußballspielen genutzt.

Sie leben seit einigen Jahren in Magdeburg, agieren genau so lange in der Stadt als Künstler. Wenn Sie eine Sache in Magdeburg ändern könnten, welche wäre das?
Magdeburg benötigt viele Dinge. Was die Stadt aber am meisten braucht, ist ein besserer Dialog zwischen der Stadt und den unabhängigen Künstlern und Szenen. Es ist wertvoll dies voranzutreiben, so wie es andere Städte vormachen. Davon abgesehen würde ich eine Fußgängerzone in Magdeburg einführen.

Interessante Antwort.
Magdeburg ist eine Autostadt, es ist frustrierend. Das geht Hand in Hand mit so vielen anderen wichtigen Punkten. Weg vom Auto bedeutet nämlich auch hin zu einer aktiveren Bar- und Café-Szene in der Stadt. Nach dem Feierabend durch die Straßen flanieren und die Freizeit genießen, fällt schwerer als in anderen Städten.

Sie sind Musiker, spielen als Frontmann in einer Band und treten als Solokünstler auf. Welchen Teil in der Musik interessiert und fasziniert Sie am meisten?
Das ist eine tiefgründige Frage, nur bin ich kein tiefgründiger Mensch. ‘What you see is what you get’ (lacht). Musik kann dich von etwas ablenken, worüber du eigentlich nicht nachdenken möchtest. Und sie regt dich gleichzeitig an über etwas nachzudenken, was dir bislang verborgen blieb. Entdecke ich zum ersten Mal einen Song, höre ich mir zuerst die Melodie an. Ich bin ein Freund von melancholischer Musik. Weil es in dieser Musik so viel Raum in der Machart gibt, den man entdecken kann. Wenn ich mich zu den Texten vorgearbeitet habe, denke ich mir oft über den Textschreiber: ‘Wow, was geht in seinem Kopf vor, wie schafft er es solche Worte niederzuschreiben und wie bekommt er diese wundervollen Gedanken auf Papier?’ Es gibt so viele Aspekte in der Musik die großartig sind. Es gibt Musik für alle Lebensabschnitte und Gelegenheiten.

Sie schreiben selber Texte, tragen sie in Liedern Ihrem Publikum vor. Wie wichtig ist es für Sie anderen Ihre Gedanken zu vermitteln?
Wenn Sie andere Fragen wie wichtig die Texte für mich persönlich sind, würden sie wahrscheinlich antworten: gar nicht. Für mich fühlt es sich an, als würde ich einfach Songtexte auf ein weißes Blatt Papier kotzen (lacht). Die Worte sprudeln einfach aus meinem Kopf und ergeben später einen Songtext. Beim Texten lastet oft ein großer Druck auf mir, weil ich mich manchmal mit anderen Songwritern wie Guy Garvey (englischer Sänger der Band “Elbow”) vergleiche - ein großer Poet und Geschichtenerzähler. Ich weiß nicht, wie er seine Texte schreibt. Ich für meinen Teil höre eine Melodie in meinem Kopf, nuschel beim Texten vor mir her und gelegentlich kommen Worte dabei heraus, die einen Sinn ergeben.

Texte und Zeilen wie “Two roads bleeding lights, to offer you up everything at once”, aus dem Berlin Syndrome-Song Sweet Harm. Klingt für mich nicht gerade nach wenig Tiefgründigkeit. Können Sie sich vorstellen Schlagzeuger oder Keyboarder in einer Band zu sein und somit die buchstäbliche “Macht der Stimme” zu verlieren?
Ich kann mir sehr gut vorstellen ein Schlagzeuger zu sein, ja. Erst als ich nach Deutschland kam, habe ich als Frontmann angefangen. Davor habe ich nur gelegentlich auf einer Bühne als Sänger gestanden. Ich habe gezittert, so nervös war ich. Das ist zum Teil noch heute so. Deswegen kann ich mir auch gut vorstellen im Hintergrund zu agieren. Früher konnte ich mir auch gut vorstellen Saxophon zu spielen. Dafür braucht man aber kräftige Lungen.

Sie spielen in der Magdeburger Band Berlin Syndrome erfolgreich Musik und sind gleichzeitig als Solo-Künstler unterwegs. Welche Unterschiede ergeben sich in beiden Formen?
In einer Band bist du eine Gruppe von Menschen, von Freunden. Du reist gemeinsam mit ihnen, lachst zusammen, es ist immer jemand da mit dem du interagieren kannst. Es ist schwierig mal Zeit für sich selbst zu finden, aber ich genieße das Leben in einer Band. Wenn ich solo unterwegs bin fällt das weg. Generell interagiere ich zwischen den Songs und als Frontmann eher selten mit meinem Publikum. Viele wollen das Geschwafel vom Sänger auch gar nicht hören. Als Solokünstler bietet es sich aber an und nach ein paar Bier klappt das auch ganz gut (lacht).

Nebenbei engagieren Sie sich für ein weiteres Großprojekt. Sie sind Teil der Kulturhauptstadt 2025-Delegation. Wie kam es dazu?Ich bin damals nicht einfach reingeplatzt und habe gesagt: ‘Hey, hier bin ich’. Ich wurde gefragt, ob ich Teil des Präsentations-Teams sein möchte. Dort haben wir einige konstruktive Gespräche geführt. Am Ende dachte ich mir, dass eine großartige Idee wäre, um die Stadt voranzutreiben.

Wie viel Potenzial sehen Sie den Titel nach Magdeburg zu holen?
Ich sehe eine Menge Potenzial. Magdeburg ist eine wunderschöne Stadt. Wenn man hier in Buckau unterwegs ist, in diesem industriell geprägten Stadtteil, und nur ein paar Meter weiter läuft, kommt man an die Elbe und alles was man sehen kann ist das endlose Grün des Stadtparks. Das Potenzial ist riesig. Nicht weil die Stadt riesig ist, oder sie es jemals sein wird, aber das ist nicht der Punkt. Magdeburg kann ein Fixpunkt der Kunst- und Kulturszene werden und die Menschen von außerhalb genauso anziehen wie es Berlin oder Leipzig macht. Sehen Sie, in Magdeburg gibt es viele Menschen, die hier leben oder gar aufgewachsen sind und eben nicht diese Schönheit der Stadt sehen. Mit dem Titel könnten Möglichkeiten geschaffen werden, damit diese Leute ihre Stadt wieder lieben lernen.

Ich danke für das Gespräch.