Magdeburg l „Von so weit her bis hier hin“ grüßt ein blauer Schriftzug Betrachter der Magdeburger Hubbrücke Richtung Süden. Auf der anderen Seite, Richtung Norden blickend, heißt es „Von hier aus noch viel weiter“ in roten Buchstaben. Besonders zwischen Abenddämmerung und Morgengrauen fallen diese Schriftzüge ins Auge. Denn zu sehen sind beide Sätze am besten in der Nacht, wenn die Buchstaben beleuchtet sind.

Genau vor zehn Jahren, 2008, wurde die Lichtinstallation eingeweiht und erfreut mit ihrem Anblick seither nicht nur die Magdeburger. Zuständig für das Kunstwerk ist das Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen unter Leitung von Annegret Laabs.

Neues Bewusstsein erwachte

Annegret Laabs leitet das Museum seit 2001 und kann sich noch gut an die Entstehungsgeschichte des Kunstwerks erinnern. „Es war das Jahrhunderthochwasser an der Elbe 2002 und ich konnte begreifen, dass der Fluss zum ersten Mal in dieser Stadt eine so große Rolle spielte. Die Menschen flanierten am Ufer, um das Wasser zu beobachten – ein neues Bewusstsein für den Strom war erwacht.“

Bilder

In dieser Zeit entstand die Idee, den bereits existierenden Skulpturenpark des Museums Richtung Elbe zu erweitern. Das Projekt „Die Elbe [in]between“ war geboren. Das Kunstmuseum lud zehn Künstler ein, Ideen für die Umsetzung des Projekts zu entwickeln – darunter der schon renommierte Künstler Maurizio Nannucci aus dem italienischen Florenz. Tatsächlich folgte er der Einladung aus Magdeburg.

Lichtinstallation ist Idee des Künstlers

„Wir sind mit ihm an der Elbe spazieren gegangen“, erinnert sich Museumsleiterin Annegret Laabs, doch danach hörte sie zunächst nichts von ihm, bis er sich Monate später gleich mit einer konkreten Idee an das Kunstmuseum wendete. Sein Vorschlag: eine Lichtinstallation über den Strom einrichten.

Zunächst waren Annegret Laabs und ihr Museumskurator Uwe Gellner allerdings zurückhaltend. In ihren Köpfen viele Fragen: Wie hoch werden die Kosten, was sagen Behörden und Schifffahrtsamt und würde ein solches Kunstwerk überhaupt genehmigt werden?

Bürokratie will Kunst verhindern

Wie befürchtet fiel wenige Monate später die Antwort des Schifffahrtsamts in Koblenz niederschmetternd aus: „Sie bringen doch auch kein Kunstwerk über einer Ampel im Straßenverkehr an – das kann gar nicht genehmigt werden.“ Die Idee schien gestorben: In Florenz der Künstler Maurfizio Nannucci, der die deutsche Bürokratie nicht verstand. „Dann versetzen wir halt die Schiffahrtszeichen“, sagte er damals.

Für längere Zeit schien die Umsetzung seiner Idee aussichtslos. Doch dann schlug die Magdeburger Schifffahrtsbehörde vor, erfahrene Schiffsführer nach ihrer Meinung zu fragen. Es gab also eine Befahrung bei Nacht. Ein Schiffsführer sprach den erlösenden Satz: „Mensch, ist das toll, das wird den Ort hier besonders machen und unsere Kollegen von Tschechien bis Hamburg werden davon berichten, wie dieser Sinnspruch den Fluss erobert.“

Nannucci verzichtet auf Teile des Honorars

Dann ging alles schnell. „Wir hatten zu wenig Geld, aber die Idee war so großartig und Maurizio hing auch so an der Idee, dass wir es irgendwie geschafft haben“, sagt Annegret Laabs rückblickend. Dafür hatte Nannucci sogar auf große Teile seines Honorars verzichtet.

„Von so weit her bis hier hin. Von hier aus noch viel weiter.“ lautet der Sinnspruch, der auf den Tag genau seit zehn Jahren an der Magdeburger Hubbrücke zu lesen ist und die Wasseroberfläche erleuchtet. „Der Sinnspruch ist so eingängig, dass er alle und jeden mitnimmt. Das ist sicher das Geheimnis zum Erfolg“, sagt Museumsleiterin Annegret Laabs und ergänzt: „Er ist persönlich, funktioniert aber auch abstrakt, metaphorisch und ist übertragbar auf die Situation der gesamten Stadt.“

Sinnbild für Magdeburgs Geschichte

Heute, genau zehn Jahre später, sind die Sätze zu einem Sinnbild der Stadt Magdeburg geworden. Als Symbol für den Neuanfang, das Innehalten und die Zukunft. „Der Spruch passt in diese Stadt, die immer eine Stadt des Aufbruchs, des Neubeginns und der Vision von Zukunft gewesen ist“, findet Annegret Laabs. Der offiziellen Einweihung des Kunstwerks vor zehn Jahren wohnte auch Künstler Maurizio Nannucci bei. „Es war noch nicht wirklich dunkel, das machte aber nichts. Viele Menschen waren gekommen, die an die Kunst glaubten und daran, dass hier etwas Besonderes entstanden war“, blickt Annegret Laabs zurück. Und tatsächlich wurde die Hubbrücke zu etwas Besonderem. Die Hubbrücke entwickelte sich zum Treffpunkt, zu einem wichtigen Ort des Aufenthaltes und der Begegnung.

Doch wurde die charakteristische Lichtinstallation an der Hubbrücke in den letzten Jahren immer wieder angegriffen. Als das Kunstwerk 2012 mutwillig über Nacht zerstört wurde, wurden Spenden gesammelt, um es zu reparieren. „Damals haben wir zum ersten Mal gespürt, wie beliebt das Kunstwerk ist“, sagt Annegret Laabs.

Italienisches Murano-Glas

Innerhalb kürzester Zeit kamen 10.000 Euro zusammen, so dass das neue Glas bestellt werden konnte. Denn bei dem verwendeten Glas handelt es sich um italienisches Murano-Glas, das zu den exklusivsten und gefragtesten Erzeugnissen des Kunsthandwerks zählt. Begeistert von dem Engagement der Bürger schrieb Maurizio Nannucci der Museumsdirektorin damals: „Nun ist es nicht mehr mein Kunstwerk, nun ist es das der Magdeburger.“