Magdeburg (vs) l Als Folge von Diabetes müssen Zehntausenden Erkrankten jedes Jahr Füße amputiert werden. Die von Prof. Peter Mertens und seinem Team entwickelten Einlegesohlen sollen das verhindern.

Einlegesohlen, die per Sensor die Fußtemperatur messen und verschiedenste Daten direkt weiterleiten können, werden dieser Tage von 150 Patienten der Magdeburger Universitätsklinik getragen. Sie alle leiden unter diabetischen Füßen, einer ernstzunehmenden Folgeerkrankung von Diabetes. Im schlimmsten Fall droht ihnen eine komplette Amputation von Zehen, Fuß oder dem ganzen Bein. Die Sensor-Sohlen sollen jetzt Warnsignale rechtzeitig erkennen, um genau das zu vermeiden.

Schon ein Stein im Schuh problematisch

Die Idee zu dieser Technik hatte Professor Peter Mertens, er ist der Direktor der Magdeburger Klinik für Nieren- und Hochdruckkrankheiten, Diabetologie und Endokrinologie. Fast täglich kommt er mit der Diagnose diabetischer Füße und hilflosen Patienten in Berührung. Aufgrund von geschädigten Nerven spüren die Diabetiker oftmals nicht, wenn sie sich am Fuß verletzen. Selbst ein kleiner drückender Stein im Schuh könne zu einem großen Problem werden, erklärt Mertens. Er ist Entzündungsforscher und kennt die Symptome für Entzündungen ganz genau. An vorderster Stelle stehe dabei eine erhöhte Temperatur.

Zweimal pro Tag wird jetzt die von den Sensoren gemessene Temperatur der Uniklinik zugeschickt. „Fieber an den Füßen entsteht bereits fünf Wochen, bevor sich ein Geschwür bildet“, macht der Professor deutlich. Der Temperaturunterschied zwischen dem linken und dem rechten Fuß könne ganze sechs Grad betragen. So ein entscheidendes Warnsignal spürt der Diabetiker selbst nicht. Doch die Ärzte an der Magdeburger Klinik haben jetzt die Chance, rechtzeitig zu reagieren.

Fünf Jahre geforscht, nun wird getestet

Rückblick: Als Peter Mertens seine Idee zur Sohle in der Forschungsabteilung ansprach, sei er sofort auf Zuspruch gestoßen. Fünf Jahre lang haben die Forscher an der Umsetzung gearbeitet. Finanziert wurde das Projekt zu großen Teilen aus EU-Fördermitteln. Eine der größten Herausforderungen: Sensoren mit den nötigen Eigenschaften und vor allem in so einer kleinen Größe mussten selbst produziert werden. Heute sind die Sohlen weniger als anderthalb Millimeter dick und angenehm zu tragen. Jedoch ist die Einlegesohle erst der Anfang. Eine noch größere Aufgabe stellt die Verarbeitung der Daten dar.

In der Magdeburger Uniklinik wurde eigens eine App programmiert. Die Ärzte arbeiten intensiv mit Informatikern zusammen. Mit Hilfe der Sensoren könnten dem Professor zufolge so viel mehr als nur Temperaturveränderungen nachgewiesen werden – von Gichtanfällen über Arthrose bis hin zu Durchblutungsstörungen. Lösen die Sohlen Alarm aus, analysieren aktuell täglich zwei Ärzte in der Uniklinik die Warnsignale.

Die klinische Studie ist damit in vollem Gange. Die teilnehmenden Patienten wurden nicht nur mit Sohlen, sondern auch mit Handys ausgestattet. Damit nehmen sie täglich Fotos von ihren Füßen auf, die direkt den Ärzten zugesandt werden.

Ein ganzes Team brennt für diese Idee

Zwei Jahre lang läuft die Studie. Können am Ende tatsächlich Amputationen durch die neue Technik verhindert werden, wird das Team rund um Professor Mertens den Kontakt zu den Krankenkassen suchen. Läuft alles gut, könnten in Zukunft viel mehr gefährdete Diabetes-Patienten von dieser Innovation profitieren. Peter Mertens: „Stolz macht einen, wenn das ganze Team für diese Idee brennt und die Menschen in der Umgebung daran glauben.“ Dass seine Idee überhaupt realisiert werden konnte, habe an den besonderen Begegnungen in Magdeburg gelegen.

Seit zehn Jahren lebt Mertens in der Landeshauptstadt – für ihn ein Wissenschaftsstandort, an dem es noch so viel mehr Potenziale zu wecken gilt. „Die Wissenschaft müsste vom Land mehr gefördert werden, weil sie die Basis zukünftiger Erfolge ist“, erklärt der Professor. Die Universitäten sollten „Leuchttürme sein, sich stark fühlen und planen können“.

Peter Mertens lebt gern in Magdeburg, ist immer wieder beeindruckt von der bewegenden Geschichte der Stadt. Von der Idee der Bewerbung um den Kulturhauptstadttitel ist der Wissenschaftler begeistert. Er ist sich nur nicht sicher, ob die Magdeburger dieser Tage genügend Muße finden, um sich darauf zu konzentrieren. „Die ganze Stadt ist gerade im Aufbruch, so viel verändert sich.“

 

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„Made in Magdeburg" ist eine Gemeinschaftsserie von Volksstimme und dem Stadtmarketingverein Pro M. Mehr auch unter www.made-in-magdeburg.com.