Magdeburg (vs) l Nur wenige Menschen können sich Dinge so gut merken wie Johannes Mallow. Der Gedächtnisweltmeister mag Magdeburg sehr und erzählt das überall.

Bei Wettkämpfen im Gedächtnissport müssen sich die Teilnehmer in einer bestimmten Zeit Dinge merken: Jahreszahlen von ausgedachten Ereignissen, Gesichter und Namen von konstruierten Personen, die Reihenfolge von Spielkarten oder lange Ziffernfolgen. Johannes Mallow zieht gern den Vergleich mit dem Zehnkampf auf dem Sportplatz: „Es ist wie in der Leichtathletik. Wir kämpfen in verschiedenen Disziplinen und am Ende gewinnt der mit den meisten Punkten.“ In den vergangenen Jahren war es häufig er, der bei Wettkämpfen am Ende die meisten Punkte hatte. Johannes Mallow ist ein erfolgreicher Gedächtnissportler, ein zweifacher Weltmeister.

Fernsehshow weckt Interesse

Die Faszination für den Gedächtnissport, die Techniken und den Wettstreit spürt Johannes Mallow erstmals 2003. Er sieht in einer Fernsehshow einen Gedächtnistrainer, recherchiert im Internet, findet den Verein „Memory XL – Europäische Gesellschaft zur Förderung des Gedächtnisses“. Er trainiert auf Online-Plattformen, vergleicht sich mit denen, die in der Bestenliste stehen. 2004 fährt er erstmals zur Norddeutschen Meisterschaft, wird auf Anhieb Dritter und damit der beste Newcomer. „Da hat es mich dann endgültig gepackt“, sagt Johannes Mallow.

Immer häufiger fährt er zu Wettkämpfen – alles von Magdeburg aus, die Stadt, „die ihn prägt“, wie er sagt, weil er hier sein bisheriges Erwachsenenleben verbracht hat. „Ich freue mich immer, wenn ich als Botschafter Magdeburgs angesehen werde“, so der Gedächtnissport-Profi, der 2001 zum Informationstechnologie-Studium in die Elbestadt gekommen war. Es macht  ihn froh, wenn Besucher nach einem Gang durch die Stadt sagen: „Ist das schön hier, das hätten wir gar nicht gedacht!“

Glücksmomente auch in China

So etwas wird im Gedächtnis unter „Glücksmomente“ abgespeichert. Wie auch der Moment, als er in China bei einer Meisterschaft sitzt, einen Film über Magdeburg sieht und „mächtig stolz ist auf seine Wahlheimat“.

Neben solchen Erlebnissen speichert er noch so ziemlich alles ab, was ihm helfen kann, noch besser zu werden. Sein Fleiß zahlt sich immer wieder aus.

WM-Titel sorgt für Aufschwung

2012 ist Johannes Mallow der Beste der Welt, holt in London den WM-Titel. Lange und hart hat er darauf hingearbeitet. Dieser Titel ist aus vielerlei Sicht etwas Besonderes für ihn. „Ich habe damals sehr gekämpft, auch mit mir selbst“, erinnert er sich.

Seine Muskelerkrankung FSHD, mit der er seit seinem 14. Lebensjahr lebt, zwingt ihn zu dieser Zeit in den Rollstuhl. Der WM-Titel gibt ihm Aufschwung. Er reist viel, gibt sein Wissen weiter, erklärt, wie man sein Gedächtnis auf Vordermann bringen kann. Johannes Mallow visualisiert sich die Inhalte über Bilder und Geschichten. „Aber da hat jeder eine andere Vorliebe“, sagt er, „die muss man nur herausfinden.“

Onlinekurs für die Gedankenwelt

Seit 2015 unterstützt er Menschen dabei und macht sein Hobby zum Beruf, gibt über das Internet Coachings, entwirft einen Onlinekurs für die Plattform „Gedankenwelt“, führt Seminare und leitet Workshops. Am Gedächtnistraining beim Weltmeister, der 2018 den Titel erneut geholt hat, sind Wettkämpfer interessiert, die an Meisterschaften teilnehmen wollen, aber auch Menschen, die sich Gesichter mit dazugehörigen Namen besser merken, eine Sprache lernen oder frei Vorträge halten möchten.

Dass man mit einem solchen Training schon viel eher beginnen kann, davon ist er überzeugt und sagt: „Meine Vision ist, dass auf den Lehrplänen in Schulen eine Wochenstunde Gedächtnistraining steht. So wären die Kids schon früh in der Lage, viel besser zu lernen.“ Darum ist er selbst oft in Schulen unterwegs und lehrt in Arbeitsgemeinschaften.

Top 10 der Weltrangliste

Wie lange er sich noch dem Vergleich unter Wettkampfdruck stellen möchte, kann der Profi, der oft im Fernsehen zu sehen ist, noch nicht sagen. „Es reizt mich immer noch, mich weiter zu verbessern und mich zu messen“, erklärt Johannes Mallow, „aber ich sehe auch, dass sehr starke junge Leute nachkommen.“

Derzeit steht sein Name in den Top 10 auf der Weltrangliste. „Wenn ich merke, dass ich bei Wettkämpfen nur noch Fünfter oder Sechster werde, könnte ich ein wenig die Lust daran verlieren“, so der Weltmeister. Dann fügt er an: „Aber noch ist es nicht so weit.“