Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus

Magdeburg hofft auf ein Zaunteil aus München

Magdeburg ist Bewerberstadt für ein Element des Weiße-Rose-Zauns. An dem Zaun in München verabschiedete Sophie Scholl ihren Bruder Hans 1942 an die Ostfront.

Von Katja Tessnow 11.08.2021, 02:30
Werner Thiel am Weiße-Rose-Zaun in der Münchner Orleansstraße. Hier verabschiedete Sophie Scholl 1942 ihren Bruder Hans und andere Mitglieder der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ an die Ostfront. Der Zaun soll einer Bebauung weichen. Thiel setzt sich seit zwei Jahrzehnten für die Bewahrung ein. Das Interesse an einem Zaunteil aus Magdeburg nimmt er mit Freude zur Kenntnis.
Werner Thiel am Weiße-Rose-Zaun in der Münchner Orleansstraße. Hier verabschiedete Sophie Scholl 1942 ihren Bruder Hans und andere Mitglieder der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ an die Ostfront. Der Zaun soll einer Bebauung weichen. Thiel setzt sich seit zwei Jahrzehnten für die Bewahrung ein. Das Interesse an einem Zaunteil aus Magdeburg nimmt er mit Freude zur Kenntnis. Foto: Werner Thiel

Magdeburg/München - Im Geschwister-Scholl-Park in Magdeburg soll ein Kunstwerk an seine Namensgeber erinnern. Das hat der Stadtrat beschlossen. Teil des neuen Gedenkortes könnte ein eisernes Zaunteil sein, an dem Sophie Scholl 1942 ihren Bruder Hans an die Ostfront verabschiedete. Noch steht der Zaun in München.

„Für mich ist es eine sehr schöne Überraschung, zufällig beim Suchen im Internet über diesen Artikel und seinen Inhalt ,gestolpert’ zu sein“, schreibt Werner Thiel an die Redaktion. Bereits am 6. Juli berichtete die Volksstimme unter dem Titel „Ein Denkmal für Hans und Sophie“ über die Initiative zweier Stadträte für einen neuen Erinnerungsort im Geschwister-Scholl-Park. Inzwischen ist der Stadtrat der Anregung von René Hempel (Linke) und Christian Hausmann (SPD) mit großer Mehrheit gefolgt und das neue Denkmal für Hans und Sophie Scholl im Geschwister-Scholl-Park beschlossene Sache.

Was Thiel, einst in München und heute im nordrhein-westfälischen Greven zu Hause, besonders freut: Im Zusammenhang hat sich Magdeburg – die Vorsitzenden von Bildungs- und Kulturausschuss haben einen entsprechenden Brief verfasst – um ein Element des sogenannten „Weiße-Rose-Zauns“ aus München beworben. Es könnte Teil des neuen Ensembles im hiesigen Park werden. Thiel setzt sich seit fast zwei Jahrzehnten für den Erhalt des historisch bedeutsamen Zauns in der Münchner Orleansstraße ein. Hier verabschiedete im Juli 1942 Sophie Scholl ihren Bruder Hans und weitere Mitglieder der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ an die Ostfront. Ihr Kommilitone Jürgen Wittenstein (1919 bis 2015), selbst Mitglied der Gruppe und später nach Amerika emigriert, fotografierte die unbekümmert wirkende Szenerie nur gut ein halbes Jahr vor der Ermordung von Hans und Sophie sowie weiterer Mitglieder der „Weißen Rose“ durch die Nationalsozialisten. Das Foto der lachenden Studenten wird später weltberühmt.

Zaun muss in München einer Neubebauung weichen

Nun wird – seit langem geplant – gebaut an der Münchner Orleansstraße. Der Zaun sollte weg. Bereits 2003 trafen sich Thiel und Wittenstein vor Ort, um ihn zu retten. „Jetzt wird der Zaun, der verschrottet werden sollte, einer sinnvollen Nutzung in der Gedenkarbeit zugeführt“, freut sich Thiel. Ein Teil soll in München erhalten, andere der insgesamt 160 Zaunelemente an Gedenkorte in ganz Deutschland verschenkt werden. Magdeburg gehört – mit mehr als einhundert weiteren Städten, Gemeinden und Einrichtungen – zu den Bewerbern um ein Zaunstück. Eine Antwort auf das Schreiben der Vorsitzenden von Kultur- und Bildungsausschuss ging aus München bereits ein. „

Als Vertreter des Münchner Stadtmuseums darf ich Ihnen antworten, dass sich unter der Leitung der Eigentümer des Zaungrundstücks ein Runder Tisch gebildet hat, an dem diskutiert wird, wie mit diesem Bauelement umzugehen ist. Beim letzten Treffen habe ich mir erlaubt, das Interesse der Stadt Magdeburg an einem Zaunstück zu bekunden. So kann ich Ihnen versichern, dass Ihr Vorhaben angemeldet ist“, schreibt der stellvertretende Museumsdirektor Thomas Weidner. Allerdings werde der Baufortschritt in München „eine konkrete Maßnahme“ (also die Entfernung von Zaunteilen) erst Ende 2023 erfordern. Der neue Erinnerungsort im Geschwister-Scholl-Park in Magdeburg soll indes möglichst schon am 22. Februar 2023 eingeweiht werden. An dem Tag wird des 80. Jahrestages der Ermordung der Geschwister Scholl gedacht. Möglich, dass das Münchner Zaunstück nachträglich integriert werden kann.

Zaunschützer Thiel würde sich sehr freuen. Er regt mit Blick auf eine andere Magdeburger Institution an: „Warum nicht noch ein weiteres Zaunteil für die Geschwister-Scholl-Schule anfragen?“ Schüler der Einrichtung sollen am Aufbau der neuen Gedenkstätte in Magdeburg beteiligt werden.