Magdeburg l Beim Thema Moderne und Bauhaus stand in Magdeburg oft Bruno Taut im Vordergrund. Doch als er längst weg war, trieben andere die Entwicklung voran. Unter ihnen Carl Krayl. Dessen Sohn Bruno arbeitet daran, die Epoche des Bauhauses in Magdeburg angemessen zu würdigen.

Von Ruhestand kann bei Bruno Krayl keine Rede sein. Und das ist für Magdeburg ein gutes Zeichen. Denn der 91-Jährige hat einen entscheidenden Anteil daran, dass die Bedeutung der Moderne in Magdeburg und die Bedeutung Magdeburgs für die Moderne wieder ins Bewusstsein der Menschen gerückt wird. Ins Bewusstsein der Menschen in Magdeburg und über die Grenzen der Stadt hinweg.

Ende Oktober ist im Kulturhistorischen Museum die Ausstellung „Bunte Stadt – Neues Bauen. Die Baukunst von Carl Krayl“ eröffnet worden, die bis zum 12. Februar läuft und in der einige bislang noch nicht gezeigte Originale zu sehen sind. Gabriele Köster leitet die Magdeburger Museen und sagt zur biographischen Bedeutung Bruno Krayls: „Carl Krayl ist sein Vater, der weltberühmte Bruno Taut sein Patenonkel. Bruno Krayl schlägt in seiner Person eine Brücke zwischen der Magdeburger Moderne der 20er Jahre und der Jetztzeit.“

1933 war es vorbei mit den neuen Ideen

Wichtig ist aber gerade auch der praktische Anteil, den Bruno Krayl an der Bewahrung der Moderne ab den 1920er Jahren für Magdeburg hat. Doch dazu hat der Magdeburger, der mit seiner Frau auf dem Werder lebt, einen weiten Weg zurückgelegt. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, war es vorbei mit der Moderne und damit auch mit neuen Ideen seines Vaters. Vielmehr war das Schaffen von ihm nicht einmal in der Familie mehr ein Thema vor den Kindern. Nach der Kriegsgefangenschaft entschied sich Bruno Krayl bewusst für Magdeburg, auch wenn die Familie ihren Schwerpunkt da schon wieder in Südwestdeutschland hatte. Carl Krayl war kurz nach dem Krieg gestorben, so dass sich sein Sohn nicht mehr zum Thema Moderne mit ihm austauschen konnte. Aber er wollte doch irgendwie an das Erbe anknüpfen und hoffte, in Magdeburg einen Anschluss zu finden. „Zwar kannte man meinen Vater, aber so recht wollte niemand über die Moderne reden. Das lag wohl daran, dass die Menschen damals Angst hatten, weil aufgrund der Einflüsse aus der Sowjetunion einfach etwas anderes gefragt war.“

Bruno Krayl schlug nicht wie sein Vater den Weg des Architekten, sondern des Bauingenieurs ein. In der Bauausführung hat er in der Stadt selbst eigene Spuren hinterlassen. Er war als Projektleiter Neu-Reform am Bau von Neu-Reform im Rahmen des komplexen Wohnungsbaus – bei dem neben den Wohnungen auch die Infrastruktur wie Schulen, Kindergärten, Kultur- und Sozialeinrichtungen errichtet wurden – tätig. Er sagt: „Wir mussten damals mit den manchmal arg beschränkten Ressourcen zurechtkommen, die wir hatten.“ Vor diesem Hintergrund und vor den damaligen Wünschen der Menschen an ihre Wohnungen sei das Ergebnis beachtlich. „Ich mache mir aber keine Illusionen, dass sich die Ansprüche der Mieter verändert haben. Und deshalb ist die städtebauliche Umgestaltung des Stadtteils ein Schritt in die richtige Richtung.“ Nur eines schmerzt Bruno Krayl in diesem Zusammenhang: „Man hätte bei Neubauten wie Supermärkten darauf achten sollen, dass diese sich in ihrer Form an der Umgebung orientieren.“

Die Forschung begann nach der Wende

Selbst wenn der komplexe Wohnungsbau Jahre zuvor Ideen der Moderne – von der Durchreiche in der Wohnung bis hin zu Versorgungseinrichtungen im Wohngebiet – weitergeführt hat, war Bruno Krayl der Bedeutung der Arbeit seines Vaters und anderer Akteure der Bauhauszeit kaum näher gekommen. Er sagt: „Wie alle anderen dachte ich damals, dass Bruno Taut die Übergestalt der Moderne in Magdeburg sei – und alle anderen seine Mitarbeiter.“

Auch wenn schon zum Ende der DDR eine Straße nach Carl Krayl benannt wurde, war es die Nachwendezeit, die Licht ins Dunkel brachte. „Damals kam Ute Maasberg nach Magdeburg, die sich in ihrer Promotion noch unbekannten Aspekten der Moderne in Magdeburg widmen wollte.“ Und dabei war sie auf Karl Crayl gestoßen und die Werke von ihm: das AOK-Gebäude, das Oli, das Gewerkschaftshaus, Teile der Curie- und der Cracauer Siedlung beispielsweise. Bruno Crayl holte Teile des Nachlasses seines Vaters nach Magdeburg, während ein Teil unglücklicherweise in den Jahren zuvor schon nach Kanada verkauft worden war. Was folgten waren gemeinsame Recherchen, Gespräche und überraschende Erkenntnisse. Dazu gehört auch die, dass viele der farbig gestalteten Bauwerke nicht von Bruno Taut, sondern von Carl Krayl angeschoben worden waren. „All diese Erkenntnisse sind wichtig für das Selbstverständnis Magdeburgs, in der Moderne eigenständig wichtige Akzente von weltweiter Bedeutung gesetzt zu haben.“

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