Magdeburg l Sie flohen vor Armut, Korruption und Zerstörung und suchten in Magdeburg eine neue Heimat, Arbeit und eine bessere Zukunft für ihre Kinder. Was sie jedoch finden, sind mitunter Ablehnung und Ressentiments. Zudem isoliert die Sprachbarriere die rumänischen und bulgarischen Mitbürger der Neuen Neustadt. Die Vorbehalte gegen sie und ihre Lebensart verstehen sie nicht. „Viele von ihnen haben sich bereits zurückgezogen, fühlen sich stigmatisiert“, weiß Sandy Gärtner. Dass ihr Lebensraum als sozialer Brennpunkt bezeichnet wird, als Problemviertel, macht etwas mit den Menschen. Sie sind skeptisch geworden.

Mitte Juni dieses Jahres dann das Drama. Das Coronavirus breitet sich in der Landeshauptstadt und insbesondere unter den Bürgern des Moritzplatzquartiers aus. Klar, leben die Menschen dort doch auf engstem Raum miteinander. Die Stadt muss handeln. Sie verhängt für 16 Hausaufgänge Quarantäne. Von einen auf den anderen Moment dürfen gut 500 Menschen ihre Wohnung nicht mehr verlassen. Insbesondere für die zumeist kinderreichen Familien ein Desaster.

Lage vor allem für die Kinder schwierig

14 Tage mit vier oder fünf Kindern in einer kleinen Wohnung – eine Vorstellung, die wohl die meisten Menschen in Panik versetzen würde. Natürlich insbesondere jene, die aufgrund sprachlicher Probleme, die Umstände nicht verstehen – nicht wissen, warum sie das Haus nicht mehr verlassen dürfen.

Sandy Gärtner erfuhr wie die meisten, die sich in der Neuen Neustadt für ein verständnis- und rücksichtsvolles Miteinander engagieren, aus der Zeitung von der „Massenquarantäne“. Viele der Betroffenen kennt die 43-Jährige persönlich. Bis zur coronabedingten Schließung betreute Sandy Gärtner das „KulturEck“ am Moritzplatz. Mit kulturellen Angeboten schlug sie Brücken zu und zwischen den Bewohnern des Stadtteils, versuchte die Skepsis in Vertrauen umzuwandeln. Sie veranstaltete mit Unterstützung zahlreicher anderer Akteure Theaterworkshops und Yoga-Stunden, Nähkurse und Kreativnachmittage.

Sandy Gärtner, selbst Mutter, ahnte, was die häusliche Isolation für die Menschen bedeuten würde. Eingesperrt in einer kleinen Wohnung von Menschen, die sie scheinbar nicht in der Stadt haben wollen? Keine Zeit sich darauf vorzubereiten, die Vorräte aufzufüllen und Wichtiges abzuklären. Mit dem ersten Gedanken war klar: Hier wird Hilfe benötigt.

Schnell vernetzte sich die Theaterpädagogin. Sascha Klinge, der das Kinder- und Jugendhaus „Knast“ am Moritzplatz leitet, und Jaqueline Strauß vom Bürgerverein waren sofort zur Stelle, ebenso Quartiersmanagerin Franziska Müller. „Wir hatten das Gefühl, dass die Versorgung der Menschen recht schleppend und unkoordiniert startete“, erzählt Sandy Gärtner. Zwischen der Entscheidung, die Menschen in Quarantäne zu stecken, und dem Beginn der Grundversorgung sei ein Vakuum entstanden. Hinzu kam, dass wir feststellten, dass wichtige Versorgungsgüter zunächst nicht in der Grundversorgung enthalten waren, etwa Windeln und Babyhygieneartikel. „Außerdem fehlte es an Ablenkung, Spielzeug und Beschäftigungsmöglichkeiten für die Kinder, die am allerwenigsten verstanden, warum sie draußen nicht spielen dürfen“, erzählt Sandy Gärtner.

Es galt, Nachbarn zu versorgen, nicht Rumänen

Unter der Maxime „Moritz hilft“ brachte das Quartett eine Spendenaktion ins Rollen. Mit einem Aufruf in der Volksstimme und anderen Medien baten sie um Spielzeug und andere Dinge, die die Grundversorgung übersteigen. „Dabei ging es uns nicht darum, Rumänen zu helfen, sondern unseren Nachbarn“, verdeutlich Franziska Müller. „Hier waren Menschen betroffen“, so die Quartiersmanagerin.

Der Spendenaufruf war raus und die Resonanz enorm. „So viel Hilfsbereitschaft und Solidarität - das hat mich sehr berührt“, sagt Sandy Gärtner. Eine betroffene Mutter hatte beispielsweise ein Kind mit einer Refluxkrankheit. Eine Helferin ist sofort los und hat in der nächsten Drogerie entsprechende Nahrung gekauft. Medikamente für ältere Mitbürger wurden besorgt, Kinder brachten Spielzeug, das sie nicht mehr benötigten und der Salbker Umsonstladen beispielsweise eine ganze Ladung von allem Möglichen. Sandy Gärtner und ihre Mitstreiter packten all die Spenden in Kisten und verteilten diese unter den Bewohnern. Dabei stieß das nicht sofort auf Gegenliebe.

Applaus für die Helfer

„Wir haben anfangs auch viel Unmut abbekommen. Das waren Emotionen, die uns entgegenschlugen. Die Leute verstanden anfangs nicht, dass wir nicht von der Stadt und für die Quarantäne nicht verantwortlich sind, sondern Nachbarn, die ihnen helfen wollen.“ Doch mit einer Dolmetscherin konnten die Missverständnisse schnell beseitigt werden und was den Helfern dann entgegengebracht wurde, war jede Menge Dankbarkeit. Schon am dritten Tag schauten die Bewohner aus ihren Fenstern und applaudierten dem „helfenden Moritz“. „Viele haben uns auch ihre Sorgen und Nöte mitgeteilt, beispielsweise, dass sie nun ihre Arbeit verlieren würden. Wir haben versucht zu helfen, wo wir können.“

Mit Erfolg! Die Nachbarschaftshilfe ist angekommen und die Menschen in der Neuen Neustadt sind ein wenig näher zusammengerückt. Was eine aus der Not heraus geborene Aktion war, soll nun zur Prämisse werden. „Moritz hilft“ auch weiterhin.

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