Magdeburg l Glücklich ist er derzeit nicht. Die Corona-Pandemie nagt an Rüdiger Jeziorski, der für sein offenes, optimistisches Gemüt bekannt ist. „Gerade jetzt ist die Zeit, in der sich ein Termin an den nächsten reiht – eigentlich“, so der 60-Jährige, der seit zehn Jahren in die Rolle des Olvenstedter Weihnachtsmanns schlüpft, derzeit aber wegen des Verbots von Veranstaltungen sowie der Anordnung zur Kontakteinschränkung ausgebremst wird.

Das gilt auch für seinen Einsatz als Sprecher der Gemeinwesenarbeitsgruppe (GWA) Nordwest/Neu-Olvenstedt, deren Treffen auf unbestimmte Zeit verschoben werden müssen. Gänzlich untätig ist Jeziorski aber nicht – kann er auch gar nicht. Jeziorski: „Die ein oder andere Weihnachtsfeier ist doch möglich, bei der mich die Kinder unter Einhaltung der Abstandsregeln erwarten.“ Zudem tauscht er sich täglich mit Doris Bunde, stellvertretende Sprecherin der GWA, über Themen aus, die von der Bürgergruppe aufgegriffen werden könnten. „Es geht also immer weiter“, so Jeziorski schmunzelnd.

Neues Leben in alten Bundesländern gesucht

Er weiß, wovon er spricht, kann doch dieser Satz auf sein Leben umgemünzt werden. Als junger Mann hatte er vor, sich lange bei der Armee zu verpflichten, brachte es bis zum Dienstgrad des Feldwebels. „Doch dann kam die Liebe und der Blick auf das System, mit dem ich mich immer weniger identifizieren konnte“, sagt Jeziorski, der in Ebendorf geboren wurde. Als Leiter eines Regimentsverpflegungslagers begann ein Rausch, wenn man so will, der sich über Jahre hinweg zuspitzte und auf einer Parkbank in Ostfriesland endete.

Was war passiert? Der Griff zur Flasche wurde zur Sucht, die weder während seiner Zeit bei der Armee („Selbst im Militärgefängnis wurde ich versorgt.“) noch von der Familie gestoppt werden konnte. Mit seiner Frau und den Kindern nutzte Rüdiger Jeziorski die Wendezeit, um in den alten Bundesländern ein neues Leben zu beginnen – doch dies sollte misslingen. „Eines Tages habe ich mich im Spiegel angesehen und um Hilfe gerufen – ich wollte so nicht mehr weitermachen“, erinnert er sich. Die erhoffte Hilfe bekam Rüdiger Jeziorski in einer Entzugsklinik bei Osnabrück, ehe er zu seiner Mutter nach Magdeburg zog. Bis heute hat er keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt. „Der größte Fehler war, dass ich meine Kinder nicht habe aufwachsen sehen“, gesteht er mit leiser Stimme.

Nur nicht rumsitzen

2005 ist auch ein Jahr, das einen Wendepunkt darstellt. Zuvor hatte er sich als Parkettleger eine Lebensgrundlage geschaffen. Als Quereinsteiger bringt er es bei seinem Arbeitgeber bis zum Baustellenleiter im Kaufhaus des Westens in Berlin, dem bekannten KaDeWe. Zu viel, wie zwei Herzinfarkte zeigen sollten. „Ich habe es dann noch mal versucht in meinem Beruf, hatte aber 2007 meinen letzten Arbeitstag. Ich habe dann nichts mehr auf dem Arbeitsmarkt gefunden“, so Jeziorski.

Fortan stürzte er sich mit vollem Einsatz in Arbeitsgelegenheiten, etwa als Begleitung für Behinderte, in einer Werkstatt beim Stadtteilprojekt SPI und auch in den Tafel-Gärten der gemeinnützigen Gesellschaft für Ausbildung und Qualifizierung (AQB). „Nur zu Hause rumsitzen geht doch nicht – man kann immer etwas tun“, betont Jeziorski, der bei diesen Tätigkeiten merkt, wie wichtig das Miteinandersprechen und Vernetzen ist.

Gemeinsam Olvenstedt weiterentwickeln

Dies alles sollte man wissen, um zu verstehen, woher Rüdiger Jeziorski seinen Antrieb nimmt. Dieses Wissen bringt er auch als Sprecher der Gemeinwesenarbeitsgruppe Nordwest/Neu-Olvenstedt ein. Auf die Bürgergruppe stieß er zufällig vor über zehn Jahren. „Sich gemeinsam für den Stadtteil einsetzen, sich austauschen und sich an der Entwicklung seines Wohnumfelds beteiligen zu können, ist eine großartige Möglichkeit der aktiven Bürgerarbeit“, sagt Rüdiger Jeziorski aus voller Überzeugung. Das gelingt ihm mit Gemeinschaftsveranstaltungen wie dem Sternmarsch durch Neu-Olvenstedt, dem Osterfest und Weihnachtsbaumschmücken sowie der Schnitzeljagd für Kita-Kinder sowie dem Sportfest der Generationen. Heute sind dies feste Größen im Stadtteilkalender, die pro Jahr zusammen circa 2000 Teilnehmer mobilisieren.

Stets hat Jeziorski bei den ehrenamtlichen Aktionen im Blick, dass sich die Bewohner unterschiedlicher Generationen begegnen und den Stadtteil kennenlernen. „In Neu-Olvenstedt hat sich seit den 1990er Jahren so viel getan, das Grau der alten Blöcke ist durch Sanierungen verschwunden, Neubaugebiete mit Eigenheimen geben dem Stadtteil eine neue Facette“, so Jeziorski, der seit zehn Jahren auch als Farbtupfer agiert. Nämlich dann, wenn er in seinem roten Mantel in die Rolle des Olvenstedter Weihnachtsmannes schlüpft. „Passend zu meiner Statur in Größe XXXXL“, wie er sagt. Oder eben passend zur Größe seines Olvenstedter Herzens.

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