Ausbildung

Magdeburger suchen nach Azubis

Vieles von dem, womit Unternehmen um Nachwuchs werben, ist in der Corona-Krise nicht mehr möglich. Das wird für immer mehr Betriebe zum Problem.

Von Martin Rieß
Oliver Wünsch ist Geschäftsführer des Unternehmens EWG Elektro-Wärme-Gebäudemanagement Wünsch in Magdeburg.
Oliver Wünsch ist Geschäftsführer des Unternehmens EWG Elektro-Wärme-Gebäudemanagement Wünsch in Magdeburg. Foto: Eroll Popova

Magdeburg - Oliver Wünsch ist seit 35 Jahren selbstständig. Kurz vor der Wende hatte er seinen Meisterbrief in der Tasche, ist seitdem Meister im Elektrohandwerk. Er sagt: „Vorwiegend sind wir im privaten Wohnungsbau tätig.“ Ein wichtiges Aufgabenfeld sei die Überprüfung von Elektroanlagen. Trotz guter Auftragslage in einem etablierten Handwerk: Einen Lehrling hat er in den vergangenen Monaten nicht finden können. Er sagt: „Bei mir könnte es mit der Ausbildung im Prinzip sofort losgehen.“

Mit der Schauwerkstatt vor der früheren Klosterkirche

Nicht viel anders geht es anderen Unternehmen in der Region. Zu diesen gehört auch das Traditionsunternehmen Paul Schuster. Ein Großteil der Instrumente, mit denen das Unternehmen Jugendlichen sonst seine Arbeit vorstellt, sind weggefallen.

Das Unternehmen hat nun seine Präsenz im Magdeburger Baugeschehen genutzt: Auf der Südseite der früheren Kirche des Klosters Unser Lieben Frauen, die derzeit umfassend saniert wird, weist ein Transparent darauf hin: Hier gibt es etwas zu sehen. Ein Arbeitsplatz der Steinmetze wurde unter den freien Himmel verlegt, und die Passanten können jetzt zuschauen, wie hier aus Blöcken jene passgenauen Steine gefertigt werden, mit denen fehlende Elemente im Inneren des Klosters ergänzt werden.

Vielfalt im Beruf

Ausbilder und Steinmetzmeister Stefan Schuster berichtet: „Es geht darum zu zeigen, wie vielfältig und wie kreativ der Beruf des Steinmetzes ist.“ Mit einer Schablone, die er an der historischen Bausubstanz des Innenraums der Kirche genommen hat, zeichnet er auf dem Steinquader ein, welche Schichten des Materials im ersten Bearbeitungsschritt mit dem Winkelschleifer abgehoben werden müssen.

Neben dieser Handarbeit mit modernen Maschinen steht für ihn wie für seine Kollegen immer wieder auch die Arbeit mit den traditionellen Werkzeugen auf dem Programm – oder mit der hochmodernen rechnergesteuerten CNC-Technik. Stefan Schuster berichtet: „Das Schöne an diesem Beruf ist, dass man die Ergebnisse seiner Arbeit sieht und dass man immer wieder mit neuen Herausforderungen zu tun hat.“ An einem Tag hatte er so nacheinander an Steinen fürs Innere des Klosters, an einem Fußboden für den Dom und an einem Grabstein gearbeitet.

Fündig im Test

Mit auf der Baustelle des Klosters arbeitet auch Tim Winter. Er hat seine Ausbildung bei dem Magdeburger Traditionsunternehmen absolviert und erinnert sich: „Mir war von vornherein klar, dass ich etwas Kreatives machen möchte. Und bei einem Test, den ich in der Berufsberatung der Agentur für Arbeit absolviert habe, stand der Beruf des Steinmetzes ganz oben.“ Dass er sich dann zuerst in der Paul Schuster GmbH beworben hat, die neben diesem Beruf auch Tischler und Stuckateure ausbildet, hatte einen praktischen Grund: „Von Stadtfeld aus war dieses Unternehmen am besten zu erreichen.“

Stefan Schuster arbeitet für den Familienbetrieb der Paul Schuster GmbH an einem Stein, mit dem ein romanisches Original im Kloster Unser Lieben Frauen in Magdeburg ausgebessert werden soll.
Stefan Schuster arbeitet für den Familienbetrieb der Paul Schuster GmbH an einem Stein, mit dem ein romanisches Original im Kloster Unser Lieben Frauen in Magdeburg ausgebessert werden soll.
Foto: Martin Rieß

Juliane Schuster, die Bauwesen studiert hat und im Familienbetrieb als Bauleiterin tätig ist, berichtet, dass in vielen Fällen aber andere Wege zum Ausbildungsvertrag führen. „Eine sehr große Rolle spielen dabei natürlich Schülerpraktika.“ Aber auch ganze Klassen haben in der Vergangenheit das Unternehmen an seinem Sitz in der Münchenhofstraße besucht. Gern durften Kinder dann auch einmal selbst versuchen, einen Stein zu bearbeiten. Oder man hat sich auf Ausbildungsmessen präsentiert. „All das funktioniert zurzeit aber wegen der Einschränkungen nicht, so dass wir von den zehn Auszubildenden, die wir in Spitzenzeiten ausgebildet haben, meilenweit entfernt sind.“ Zumal es auch vor Beginn der Corona-Pandemie schon nicht einfach war: Kinder und Jugendliche nennen heute gern als Traumjob den des Influencers – und nicht mehr so häufig die Berufe aus Handwerk und Industrie.

Angebote auch von der Agentur

Neben den Unternehmen selbst setzen inzwischen übrigens auch andere auf neue Wege, um Ausbildungsbetriebe und Jugendliche zueinanderzubringen. So hat die Agentur für Arbeit neue Ideen entwickelt.

Auf eine virtuelle Variante hatten auch die beiden Magdeburger Rotary Clubs mit ihrem Berufsberatungstag umgestellt. 110 Jugendliche aus dem Domgymnasium, dem Hegelgymnasium, dem Norbertusgymnasium, dem Werner-von-Siemens-Gymnasium und der Ecole Gymnasium Barleben nutzten die Gelegenheit, in verschiedenen virtuellen Räumen die verschiedensten Berufsgruppen von Medizin über Betriebswirtschaft und Landwirtschaft bis hin zu Politik und Kommunikation zu erkunden. Insgesamt 65 Mitglieder der beiden Clubs waren in 35 virtuellen Räumen organisiert und berichteten über ihre jeweiligen Berufsfelder und Erfahrungen.

Infos für Gymnasiasten über Lehre und Studium

„Es gibt viele Wege in den Beruf. Und das will gut überlegt sein. Die Beratung im Rahmen des Berufsberatungstages ist sehr persönlich und authentisch. Es geht hier nicht darum, für eine Profession zu werben, sondern beratend tätig zu sein und Chancen und Risiken aufzuzeigen“, sagt Prof. Christoph Arens, Präsident des Rotary Clubs Magdeburg.

Dabei – und das dürfte die Handwerksbetriebe besonders freuen – ging es nicht allein um die Frage, mit welchem Studium die Gymnasiasten nach dem Abitur ihren beruflichen Weg finden können. Es ging auch um Fragen wie „Sollte ich vielleicht doch besser eine Ausbildung machen?“ oder auch: „Was sollte ich bei der Wahl eines Berufs für mich beachten?“

Virtuelle Berufsberatung der Rotary Clubs in Magdeburg.
Virtuelle Berufsberatung der Rotary Clubs in Magdeburg.
Screenshot: Rotary Clubs Magdeburg