Magdeburg l Der erste Schritt nach Veröffentlichung des neuen Albums führt Silbermond nach Magdeburg. Nicht nur, weil Sängerin Stefanie Kloß und Schlagzeuger Andreas Nowak am 19. November 2019 ihre Platte vorstellten, auch werden sie am 8. Dezember ihr Warm-up zur Tour in Magdeburg beginnen. Und das nicht etwa in den großen Hallen. Silbermond hat sich die Factory zum Warmmachen ausgesucht.

„Wenn man die neue Platte das erste Mal live spielt, ist es besser, sich vor weniger Leuten zu blamieren“, scherzt Schlagzeuger Andreas Nowak. „Spaß!“ Eigentlich gehe es darum, die Setliste auszuprobieren. „Wir wollen schauen, ob die Sachen, die wir uns dramaturgisch überlegt haben, funktionieren“, erklärt Sängerin Stefanie Kloß. „Meistens gehen bei den ersten Konzerten wirklich noch ein paar Sachen schief und man merkt, dass das, was man sich überlegt hat, nicht funktioniert, die Übergänge komisch sind und es stockt.“ Deswegen spiele die Band die Warm-ups gern in kleinen Läden. Nachdem sie schon vor Magdeburgs imposantester Kulisse, vor dem Dom, gespielt haben (2013), kommen sie nun eben kleiner daher - in der Factory.

Band sehr zufrieden mit neuem Album

Mit den neuen Songs einen Schritt zurück? Der Titel des Albums „Schritte“ mag dies vielleicht vermuten lassen. Doch ganz im Gegenteil. Es sei das bisher beste Album, meint die Sängerin. Zumindest, wenn man es subjektiv betrachtet. Denn für eine objektive Einschätzung, wo in ihrer Band- und musikalischen Entwicklung sich das neue Album verorten lässt, sei es zu frisch.

„Wenn wir rein subjektiv sein dürfen, dann würde ich wirklich sagen, dass wir es geschafft haben, dass wir als Band noch da sind“, erklärt sie. Das sei nicht selbstverständlich. „Weil das Konstrukt Band sehr speziell ist. Es sind halt viele Leute, die sich demokratisch einigen müssen, die zusammenhalten müssen, die, wenn unterschiedliche Meinungen da sind, zu einem Konsens kommen müssen.“ Doch das Endprodukt, das Album, sei ja das Ziel von allen. „Und jeder will das Beste für das Ziel. Das macht es so besonders, wenn das Album dann draußen ist. Dann stehen wir vier dahinter, weil von jedem ein Teil, darinsteckt.“

Alle zusammen ergeben ein Album, das ebenso persönlich wie politisch konnotiert ist. Sie träumen in ihren Songs davon, dass es keine Rassisten und Homophobe gibt, dass keiner weiß, was Klimakatastrophen sind („Träum ja nur“). Die Sängerin, die mit Band-Gitarrist Thomas Stolle im April 2018 einen Sohn bekam, blickt zurück auf ihre eigene Kindheit und Erziehung, appelliert „lass uns reden“ („Hand aufs Herz“). Die Band macht Teenagern Mut, sich so anzunehmen, wie sie sind, und nicht vom Instagram-Wahn und Schönheitshype beeinflussen zu lassen („Amy“).

Trennung stand im Raum

Zehn Titel umfasst das neue Album „Schritte“, dessen Zustandekommen keine Selbstverständlichkeit ist. Denn bevor sie mit der Platte einen Schritt weitergehen konnten, machten sie einen Schritt zurück. „Vor dem Album ‚Leichtes Gepäck‘ mussten wir einen Schritt zurückgehen. Wir haben festgestellt, dass es uns als Band nicht gut ging. Die Trennung der Band stand im Raum. Doch manchmal muss man eben einen Schritt zurück machen, um Anlauf zu nehmen. So haben wir uns damals von unserem Umfeld getrennt und alles gewechselt.“ Das sei ihnen extrem schwergefallen. Doch ohne diesen Wechsel hätten sie die Schritte zum neuen Album wohl nicht geschafft.

„Wenn ich mir die Platte so anschaue, denke ich, ‚Hey, uns gibt es noch, wir sind immer noch kreativ und haben uns als Freunde nicht verloren‘“, erklärt die Sängerin. „Viele Bands verlieren sich in dem Business und vergessen, warum man Musik macht. Und da ist es schön, zu sehen, dass es für uns gefühlt gerade erst losgeht, obwohl wir schon so lange dabei sind. Wir haben es wieder geschafft, ins Bällebad zu springen und das zu machen, was uns unser Bauch sagt. Deswegen würde ich sagen, es ist die beste Platte, die wir bisher gemacht haben. Und es ist eine Platte, auf der die Bautzener Band auch ihrer Heimat einen Song gewidmet hat („Mein Osten“). Einen Song, der die Sensibilität des Wende-Themas und der Menschen aus dem Osten des Landes zum Inhalt hat.

Die Musiker, die alle Anfang/Mitte der 80er-Jahre geboren wurden, haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Als Ost-Band fühlen sie sich nicht – zumindest nicht politisch gesehen. „Das ist ganz komisch. Es gab in unserer Bandkarriere verschiedene Phasen, was das Ost-West-Ding angeht. Am Anfang, als wir losgezogen sind, 2004, und immer wenn wir in München waren, wurden wir als Ost-Band bezeichnet. Wir empfanden uns aber nicht als solche. Ostbands sind Silly, Puhdys oder Karat. Wir sind nur eine Band, die Musik macht. Dann wurde man eine Zeitlang gar nicht angesprochen, und jetzt, da 30 Jahre Mauerfall gefeiert wird, ist es wieder Thema. Für uns ist Osten nur eine geografische Beschreibung, hat keinen politischen Hintergrund mehr. So wie: ‚Ich komme aus dem Norden oder bin im Süden zuhause‘.“

Kein Unterschied zwischen Ost und West

Und auch beim Publikum sehe die Band keinen Ost-West-Unterschied. „Natürlich fühlt sich das für uns hierzulande anders an, weil es unsere Heimat ist. Das ist auch die Region, in der wir am Anfang unserer Karriere standen – alles, was von Bautzen im Umkreis von 250 Kilometer war, war unser Einzugsgebiet“, erklärt die Sängerin. Einen Unterschied in der Mentalität des Publikums sehen sie nicht. „Die im Westen können genauso klatschen wie die im Osten. Sie können genauso grölen und schwitzen“, ergänzt Andreas Nowak. „Auf der Bühne merkst du das nicht. Das Gefühl Ost oder West zu beschreiben, ist für uns sehr ambivalent.“.