Neu für Busse

Nachts an der ersten Tür

Eine Woche gilt die Neuregelung für das Einsteigen in Busse nachts vorn beim Fahrer. Die Betriebsräte ziehen erste Bilanz.

Magdeburg l Seit Montag steigen Fahrgäste in Magdeburg bis auf Ausnahmen und bis auf den zentralen Treff der Nachtbusse am Alten Markt ab 21 Uhr in die erste Tür des Busses ein. Birgit Münster-Rendel ist Geschäftsführerin der Magdeburger Verkehrsbetriebe (MVB) und zieht bislang eine positive Bilanz: „Die Fahrgäste haben die Neuregelung zu großen Teilen angenommen.“ Dem ersten Anschein nach ist eines der angestrebten Ziele erreicht: Neben einer Verbesserung des Sicherheitsempfindens betrifft dies die Zahlungsmoral der Fahrgäste. „Eine Reihe von Fahrgästen, die kein Geld hatten, um sich im Bus einen Fahrschein zu lösen, ist wieder ausgestiegen.“

Ihre Feuerprobe wird die Neuregelung erst an diesem Wochenende erleben – wenn bis in die frühen Morgenstunden besonders viele Menschen in der nächtlichen Stadt unterwegs sind.

Intensiv haben sich die Betriebsräte mit der Neuregelung beschäftigt. Michael Reinhard ist Betriebsratsvorsitzender der MVB-Tochter Magdeburger Verkehrsgesellschaft (MVG), deren Mitarbeiter einen großen Teil der Dienste in den Nachtbussen abdecken. Er sagt: „Uns wurde zugesichert, dass bis zum 30. September Heizungen für den Fahrer eingebaut werden.“ Hintergrund: Wenn bei niedrigen Temperaturen ständig die erste Tür geöffnet wird, kühlt dieser Bereich des Fahrzeugs zu schnell aus. Außerdem wurde eine Verbesserung der Beleuchtung zugesichert.

Dietmar Jordan ist Betriebsratsvorsitzender der MVB und sagt: „Grundsätzlich begrüßen wir die Einführung der neuen Regeln.“ Stellvertreter Jens Wagner ergänzt: „Uns allen kann nur daran gelegen sein, die Einnahmesituation der MVB zu verbessern.“ Sein Kollege Peter Seifert ergänzt: „Als sehr positiv sehen wir das Deeskalationstraining für die Kollegen.“

Dennoch sieht der Betriebsrat kritische Punkte. Stichwort Heizung. Über diesen sei das Mitarbeitergremium in der MVB - entgegen der Aussage aus der Geschäftsführung – nicht informiert worden. Daran schließt sich auch die Frage an, wie die Heizungen eingebaut werden sollen und ob sie damit tatsächlich den Bedürfnissen der Mitarbeiter entsprechen. Fragwürdig auch die Lösung zu anderen Bedürfnissen: An einigen Endhaltestellen fehlen auch für den Tagverkehr Möglichkeiten, zur Toilette zu gehen und sich die Hände zu waschen. Dies sei nicht allein im Interesse der Mitarbeiter, sondern auch für die Fahrgäste – wenn nämlich Fahrer beispielsweise im Falle eines defekten Fahrkartenautomaten selbst Fahrscheine verkaufen sollen. Keinesfalls akzeptiert werden könne eine Situation, in der die Fahrer aufs Essen und Trinken verzichten, um während der Dienstzeit nicht auf die Toilette gehen zu müssen.

Birgit Münster-Rendel hält dem entgegen, dass die Nachtlinien so gelegt seien, dass jeder Busfahrer mindestens einmal in der Stunde an einer mit Toilette ausgestatteten Endstelle einen Stopp einlegt.

Ein anderer Kritikpunkt aus dem MVB-Betriebsrat ist die Frage, inwiefern die Fahrzeiten mit dem Einstieg vorn gerade zum Wochenende hin eingehalten werden können. Beispiel N7 zum Kannenstieg: Hier hat der Nachtbus zwei Minuten Aufenthalt. In der Zeit müssen die Fahrgäste aussteigen, die Fahrzeuge kontrolliert und gegebenenfalls von Unrat befreit werden. Wünschenswert, so heißt es aus dem Betriebsrat, wäre bei allen Projekten wie den Veränderungen im Nachtverkehr, die Arbeitnehmervertretung besser einzubinden und vor allem die Bedenken zu berücksichtigen.

Ob die Zeiten wirklich zu knapp werden, zweifelt zumindest Geschäftsführerin Birgit Münster-Rendel an: „Die Neuregelung muss sich sicher erst einmal etablieren. Die Erfahrungen aus anderen Städten zeigen aber zumindest, dass die Aufenthaltszeiten an Haltestellen durch eine Regelung wie unsere sogar verkürzt werden können.“ Grund: Die Fahrgäste bewegen sich in einer gemeinsamen Richtung durch den Bus und behinderten einander nicht mehr beim Ein- und Aussteigen durch eine gemeinsame Tür.

Bei neuen Bussen ist zudem nicht mehr vorgeschrieben, dass der Fahrerraum durch eine niedrige Schranke abgetrennt ist. Damit gehe eine Sicherheitsvorkehrung verloren. Birgit Münster-Rendel hält dagegen: „Wenn wir im August fünf neue Busse bekommen, dann sind aufgrund neuer gesetzlicher Bestimmungen Bereiche am Fahrerplatz und an den Türen, die frei bleiben sollen, nur noch am Boden markiert.“ Das entspreche dem Wunsch, keine Schranken gegenüber den Fahrgästen aufzubauen.

Der grundsätzlichen Kritik aus der Arbeitnehmerschaft an mangelnden Einflussmöglichkeiten widerspricht die Geschäftsführerin: „Zum einen haben wir von Anfang an Arbeitnehmer eingebunden.“ Das gelte für den Betriebsrat ebenso wie für weitere Mitarbeiter, deren Wissen und deren Erfahrungen ausdrücklich erwünscht seien. „Da wir die Kritik ernst genommen haben, ist das Projekt um ein Jahr verschoben und in dieser Zeit den Wünschen entsprechend angepasst worden.“ Ohnehin sei zum anderen die Beteiligung des Betriebsrates bei einer reinen Veränderung der Arbeitsabläufe nicht zwingend. Das sieht der Betriebsrat etwas anders und verweist auf die gesetzlich festgelegte Mitwirkung in Sachen Arbeits- und Gesundheitsschutz.