Magdeburg l Auslöser der Suche war die Beobachtung eines aufmerksamen Volksstimme-Lesers, der bemerkt hatte, dass der Zugang zur Betonröhre offenstand und somit eine Gefahr für spielende Kinder darstellte. Der Stadtgartenbetrieb verschloss die Öffnung schnell, erklärte aber, nicht zu wissen, was die Anlage überhaupt sei. Auch überall sonst in der Stadtverwaltung Magdeburg ist sie unbekannt.

Lothar Roeper ist sich sicher, dass es sich um eine Luftschutzeinrichtung für die Bevölkerung handelt. „Eine artgleiche Einrichtung befand sich in zweifacher Ausführung genau an der Ecke Carl-Miller-Straße/Hellestraße. Das sind Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg.“ Einen ähnlich vergessenen Bunker gebe es unter der Strombrücke an der Zufahrt zum Allee-Center.

Auch Daniel Chelvier glaubt an einen Kriegsbunker. „Damals wurden sogenannte Splitterschutzröhren gebaut. Das könnte unter Umständen eine sein. Allerdings gab es viele unterschiedliche Bauwerke. Eine eindeutige Identifizierung ist nur durch Fachleute oder Augenzeugen möglich“, erklärt er.

Bilder

Splitterbunker für Gaststätte

Ein solcher Augenzeuge ist Dieter Struszewski, ein „alter Cracauer“, wie er schreibt. Er berichtet: „1927 wurden in die Ausstellungshallen am Adolf-Mittag-See die beiden Nobelgaststätten ‚Böning‘ und ‚Brand‘ mit einbezogen. Auf dem Grundstück der Gaststätte Böning befindet sich heute das ‚Le Frog‘. Auf dem Gelände des heutigen Spielplatzes befand sich damals die Gaststätte Brand. Unmittelbar neben dieser wurde Anfang der 1940er Jahre diese Luftschutzeinrichtung als Splitterbunker gebaut.

Faszination Lost Places

Magdeburg (dt) l Der Fotograf Marc Mielzarjewicz liebt das Kaputte. Ein neues Buch über "Lost Places" versammelt Bilder aus Sachsen-Anhalt. Hier einige Impressionen.

  • Zitza-Werke, Zeitz: Haarpflegeprodukte für die DDR entstanden hier – in der Pause  gab‘s Boutique-Café.   Foto: Marc Mielzarjewicz

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  • Eisenhütte Mägdesprung, Harzgerode: Die Tradition der Eisenverhüttung in Mägdesprung reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück. Die Akten in einem der Zimmer sind etwas jüngeren Datums.  Foto: Marc Mielzarjewicz

    Eisenhütte Mägdesprung, Harzgerode: Die Tradition der Eisenverhüttung in Mägd...

  • Kristallpalast, Magdeburg: Die Wandfarbe bröckelt, der Bartresen ist mit einer feinen Staubschicht überzogen. Auf den zehn Barhockern haben letztmalig vor 20 Jahren Gäste Platz genommen. Tanzveranstaltungen finden im ehemals größten Konzert- und Ballsaal der Region schon lange nicht mehr statt. 1986 ist die Decke des Saalbaus im 1889 errichteten Gebäude eingestürzt. Seither ist er baupolizeilich gesperrt.  Foto: Marc Mielzarjewicz

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  • Diamant-Brauerei, Magdeburg: gegründet 1841, dichtgemacht 1994. Seit 2006 wird in einem nahegelegenen Gebäude wieder gebraut.  Foto: Marc Mielzarjewicz

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  • Farbchemie, Quedlinburg: Zu DDR-Zeiten arbeitete die Fabrik als VEB Farbchemie. Mehrere Brände haben die Gebäude beschädigt. Bald ist Baustart für ein Wohnquartier. Das Laborgerät wirkt wie für ein letztes Bild arrangiert.   Foto: Marc Mielzarjewicz

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  • Fliegerhorst, Zerbst: Gebäude, Bunker, Hangars. Jagdfliegereinheiten und Kampfgeschwader haben seit 1937 genauso ihren Dienst versehen, wie amerikanische Einheiten nach 1945. Danach rückte die Sowjetarmee ein und blieb bis in die 1990er Jahre. Ein Relikt aus dieser Zeit: eine  Seite der russischen Tageszeitung Prawda vom 16. Mai 1981.  Foto: Marc Mielzarjewicz

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  • RAW Salbke, Magdeburg: Die Königliche Eisenbahnwerkstatt ging 1895 in Betrieb. Das landwirtschaftlich geprägte Salbke wurde in der Folge zum Industriestandort. Trotz starker Beschädigungen im Zweiten Weltkrieg wurde das Unternehmen als VEB weitergeführt. Heute erzählen die mächtigen Hallen ein Stück Industriegeschichte.   Foto: Marc Mielzarjewicz

    RAW Salbke, Magdeburg: Die Königliche Eisenbahnwerkstatt ging 1895 in Betrieb. Das landwirts...

  • Fotograf Marc Mielzarjewicz im Selbstporträt. Foto: Marc Mielzarjewicz

    Fotograf Marc Mielzarjewicz im Selbstporträt. Foto: Marc Mielzarjewicz

Zeit- und baugleich entstand in der Litzmannstraße, heute Cracauer Straße, gegenüber der Hauptmann-Loeper-Schule, heute Schule ‚Am Elbdamm‘, auch so eine Luftschutzeinrichtung. Beide Baustellen kenne ich noch aus meinen Kindertagen. Der Begriff Splitterbunker oder auch Luftschutzbunker wurde mir damals so vermittelt.“

Bunker als Lagerhalle genutzt

Werner Hielmann ist ebenfalls Zeitzeuge. Als 14-Jähriger erlebte er die Zerstörung der Ausstellungshallen am Adolf-Mittag-See im August 1944 mit. Er berichtet, dass das Großcafé Brand den Bunker zuvor als Lagerkeller genutzt hatte. Die Betonteile waren damals noch mit Erde bedeckt. Während eine ähnliche Anlage am Schützenhausgarten nach dem Krieg abgerissen wurde, überdauerte die gesuchte bis heute.

Diese Geschichte bestätigt auch Jost Tenbrink. „Das war ein Splittergraben, der zwischen 1942 und 1944 an den Ausstellungshallen angelegt und als Lager genutzt wurde. Später wurde er zugemacht“, erzählt er am Telefon.

Klappstühle stehen noch im Bunker

Die Mitglieder der Fotografen-Gruppe „Vergessenes Magdeburg“, die für ihre Aufnahmen immer wieder verlassene Orte aufsuchen, sie fotografieren und die Aufnahmen bei Facebook einstellen, waren vor einiger Zeit sogar in der Anlage. Ein Mitglied schreibt: „Es ist ein ehemaliger kleiner Schutzraum, bei unserer Begehung vor einigen Jahren waren dort die aussortierten DDR-Klappstühle der früheren Gastronomie am See gelagert. Die Röhre war lange zugewachsen und beinahe unsichtbar, aber offen zugänglich und niemand fühlte sich verantwortlich. Später wurde die dann verschlossen.“

David Weiß nennt die Anlage eine Splitterschutzröhre, die für den zivilen Luftschutz an den Ausstellungshallen angelegt worden war. „Einem direkten Bombentreffer hätten sie nicht standgehalten, boten aber Schutz vor Splittern entfernter Einschläge. Daher der Name“, erklärt er.

Unterlagen zum Bunker verschwunden

Die detaillierteste Beschreibung des Stadtparkbunkers kann Helmut Menzel liefern. Er ist Leiter der Fachgruppe Militär- und Garnisonsgeschichte Magdeburg und Umgebung und als solcher absoluter Fachmann, was alte militärische Anlagen in der Stadt angeht.

Für ihn ist es nicht verwunderlich, „dass städtische Behörden und auch das Magdeburger Stadtarchiv die Frage nicht so richtig beantworten können.“ Der Grund dafür sei einfach: „Mit dem Kriegsende sind fast alle Luftschutzunterlagen in Magdeburg vernichtet oder von den Amerikanern verschleppt worden. Auch im Bundesarchiv ist zu Magdeburg nichts Verwertbares zu finden“, erläutert er. Somit bliebe nur noch die Möglichkeit, US-Archive zu kontaktieren.

„Allerdings konnten durch die Fachgruppe Militär- u. Garnisonsgeschichte im Kultur- u. Heimatverein Magdeburg durch gezielte Luftbildauswertung viele Splitterschutzanlagen aus dem Zweiten Weltkrieg nachgewiesen werden. Aber nicht alle dieser Anlagen sind erkennbar“, erklärt Helmut Menzel. Gelegentlich tauchten solche Luftschutzbauwerke bei Bauarbeiten wieder auf, wie beispielsweise am Haydnplatz oder auf dem Werder geschehen.

Schutz für viele Menschen

Bei dem Stadtparkbunker handelt es sich um einen Teil der Splitterschutzanlage neben der Seeterrasse am Rondell. Eine zweite konnte auch am entgegengesetzten Ende im Norden auf einem deutschen Luftbild von etwa 1941 lokalisiert werden. Solche Splitterschutzbauwerke in sehr unterschiedlicher Bauweise wurden ab 1939 auf öffentlichen Plätzen, hinter Konzerthäusern und überall dort errichtet, wo es zu Menschenansammlungen kam. „Ob es auch noch an anderer Stelle im Stadtpark solche Bauwerke gab oder noch gibt, kann zurzeit aber nicht beantwortet werden“, so Helmut Menzel.