Magdeburg l „Die Ideen für literarische Texte liegen manchmal ganz einfach auf der Straße. Es müssen nicht immer die schwierigen großen Themen wie zum Beispiel die Liebe sein, denn auch über die kleinen, alltäglichen Dinge lassen sich Geschichten erzählen“, berichtet Herbert Beesten, Vorsitzender des Fördervereins der Schriftsteller fasziniert.

Und so wurden am Sonnabend, 22. Oktober 2020, eine große Vielfalt an Gedichten und Geschichten am Erhard-Hübener-Platz vor dem Hundertwasserhaus in die Öffentlichkeit getragen. Manche selbst geschrieben, andere zitiert, manche bewegend ruhig und wieder andere temperamentvoll aufbrausend. Sogar in chinesischer Sprache wurde rezitiert.

Vorträge nicht länger als fünf Minuten

Die Teilnehmer des Public Poetry Scream waren so verschiedenen Alters und Aussehens wie ihre Vorträge selbst. Die einen kamen mit Anmeldung, andere schrieben sich spontan in die Teilnehmerliste ein. Denn die literarische Veranstaltung des Fördervereins der Schriftsteller findet nun bis zum 31. Oktober 2020 jeden Sonnabend zwischen 14 und 14.45 Uhr unverbindlich und freiwillig an eben demselben besagten Ort für alle Sprachbegeisterten und Hobbyschriftsteller statt.

Bilder

Damit auch jeder einmal vor das Mikrofon treten darf, sollte die Vortragszeit nicht länger als fünf Minuten betragen. „Wir wollen mit dieser Veranstaltungsreihe den Menschen und ihren Werken eine Bühne geben und es ihnen ermöglichen, anderen Menschen so eine Freude zu machen“, berichtet Herbert Beesten, der an diesem Sonnabend als Moderator bei Ankündigung und Applaus sein Bestes gab. „Der Spaß an der Literatur steht klar im Vordergrund und damit wollen wir die Innenstadt beleben.“

Test für neuen Hotspot

Die Veranstaltungsreihe solle zudem als Entscheidungsgrundlage dienen, ob man im nächsten Jahr mit einem mobilen und technisch besser ausgestatteten „Taut Kiosk 2.0“ einen flexibel einsetzbaren, kulturellen Hotspot für Magdeburg schafft.

Bei den teils kurzweilig, teils mit Picknickdecke niedergelassenen 80 Zuhörern stieß der Public Poetry Scream zumindest schon auf begeisterte Reaktionen: „Diese Vielfalt und all die Botschaften von realen Menschen wie du und ich zu hören ist einfach toll und bringt Leben in die Innenstadt“, freut sich Elisabeth Mullet (54). „Die Spontaneität zur Teilnahme ist super und es bietet eine gute Möglichkeit, sich einmal im Poetry Slam auszuprobieren“, ergänzt Tochter Joann Mullet (25) und spielt schon mit dem Gedanken, nächsten Sonnabend auch selbst teilzunehmen.

Literatur statt Corona

Und auch die beiden Studentinnen Josefine Pfützner (22) und Meike Risse (22) sind dank eines Flyers gezielt hergekommen und freuen sich, dass „endlich mal wieder etwas Literarisches stattfindet“, denn davon gebe es leider zurzeit nicht viele Angebote. Auch die vorbeispazierende Sophie Just (30) sieht das ähnlich: „Ich finde diese Open-Air-Veranstaltung super, gerade jetzt zu Corona muss ja leider vieles sonst ausfallen.“

Beim spontanen Sehenswürdigkeitsbummel freute sich auch das Pärchen Andreas Tabbert (34) und Anna Jorzak (35) über Veranstaltung und die guten Rundum-Bedingungen, denn es sei nicht zu warm, nicht zu kalt und auch die Akustik sei gut und lade zu einer literarischen Pause ein.

Die mutigste Teilnehmerin kam zum Schluss

Reiner Franz (61) und Stefanie Franz (29) freuen sich am Rande des Geschehens besonders für die Vortragenden, denen durch Corona die Möglichkeit des Auftrittes erschwert würde und die nun eine Bühne geboten bekämen.

Und diese Freude ist auch ganz auf Seiten der Teilnehmer. „Es ist toll, was man allein im kleinen Zimmer geschrieben und selbst ausgebrütet hat, so der Öffentlichkeit präsentieren zu können“, freut sich Gabrielle Rach (60), die schon das zweite Mal dabei ist. Isolde Förster (61) ist zum ersten Mal dabei. Trotz großer Aufregung nimmt sie ihren Mut zusammen, um ihre positiven Gedankenreime den Menschen nahzubringen. Sie handeln vom Leben und wie man dem Leid mit positiven Worten und Taten den Rücken kehrt. „Es war, als wäre mir ein Stück Freiheit dazugekommen mit meinen 61 Jahren“, zeigt sie sich nach dem Auftritt erleichtert.

Die mutigste Teilnehmerin war jedoch als Letzte an der Reihe: die zehnjährige Jolanda Helene Fechner. Mit dem auswendigen Aufsagen des „Zauberlehrlings“ von Johann Wolfgang von Goethe sorgte sie für Nostalgie, haben doch viele der Zuschauer selbst einmal dieses Gedicht in der Schule einst aufsagen müssen.

Und wer nun selbst auch Lust bekommen hat, Aufgeschriebenes lauschenden Ohren zu präsentieren, der kann sich noch bis zum 31. Oktober 2020 mit Gleichgesinnten am Hundertwasserhaus treffen, seinen Mut zusammenfassen oder sich einfach nur unterhalten lassen.