Magdeburg l Es entbehrt tatsächlich nicht einer gewissen Skurrilität. Wer den Google-Routenplaner – von woher auch immer, jedenfalls mit Bus oder Bahn anreisend – fragt, wie er ab Hauptbahnhof zum Beispiel zu den Sportarenen nach Ostelbien gelangt, wird auf einen langen Fußmarsch verwiesen (siehe Bildschirmfoto/Grafik oben). „Wenn da zum Beispiel ein Berliner Handball-Fan googelt, wie er zum SCM-Heimspiel kommt, werden ihm 40 Minuten Fußweg oder das Taxi empfohlen“, erklärte der Grünen-Rat Jürgen Canehl im Rat; Tonfall: empört. Schon im Frühjahr machte seine Ratsfraktion ihrem geballten Frust über die Kommunikationslücke in Form eines Ratsantrages Luft. Jetzt stand der Antrag – nach Anhörung der Magdeburger Verkehrsbetriebe (MVB), Stellungnahme der Verwaltung und Beratung in verschiedenen Fachausschüssen - endlich im Stadtrat zur Abstimmung. Bei acht Enthaltungen (FDP, Linke) und acht Gegenstimmen (AfD) befand eine Ratsmehrheit aus CDU, SPD, den Kleinfraktionen Garten/Tierschutzallianz und Tierschutzpartei/BfM sowie den Antragstellern selbst die Empörung der Grünen und ihre Forderung nach Änderung berechtigt.

Datenschutz kontra Nutzerinteresse

Der Rat hat beschlossen: „Der Gesellschafter der MVB (das ist die Stadt Magdeburg höchstselbst – d. Red.) weist das Unternehmen an, in Kooperation mit der Nahverkehrsagentur Sachsen-Anhalt die Fahrplandaten der MVB (Soll-Plan und Echtzeit) auf Google sowie in OpenStreetMaps für Routenauskünfte bereitzustellen.“

Canehl war zuvor hart mit den ablehnenden Stellungnahmen von Verwaltung und MVB ins Gericht gegangen. Vor dem Hintergrund beträchtlicher Fahrgast-Einbußen bei den Verkehrsbetrieben, sei jede verbesserte Kundennähe gewünscht. Fahrplanauskünfte auf dem massenhaft genutzen Google-Portal gehörten dazu. Für die MVB fielen keine Kosten an; die müssten nur die Daten bereitstellen. Das, so Canehl, sollten sie besser heute als morgen tun.

Bilder

MVB und Verwaltung bringen neben technischen Problemen auch wirtschaftliche vor. „In der heutigen Zeit sind Daten eine wichtige Währung. Es stellt sich somit die Frage, warum ein öffentliches, wirtschaftlich handelndes Unternehmen, welches mit öffentlichen Mitteln Daten erzeugt, diese kostenfrei privaten, börsendotierten Unternehmen zur Verfügung stellen sollte“, heißt es in der vom Finanzbeigeordneten Klaus Zimmermann (CDU), zuständig auch für alle kommunalen Unternehmen, unterzeichneten Stellungnahme. Außerdem gebe es regionale Auskunftsportale (Insa, Easy.Go) im Internet, auf denen MVB-Fahrplanauskünfte und Ticketpreise abrufbar sind.

Canehl und später die Ratsmehrheit überzeugt das nicht, da die einschlägigste Suchmaschine nun einmal Google sei und auswärtige Gäste sich erst gar nicht auf die regionalen Auskunftsportale finden.

„Für uns ist es nicht so selbstverständlich, Daten an Google weiterzugeben“, teile René Hempel (Linke) einen Teil der Argumentation aus dem Rathaus. Hempels Fraktion versuchte Google per Änderungsantrag auszuschließen und die Weitergabe der Fahrplandaten an andere "OpenStreetMaps" zu empfehlen. SPD-Rat Niko Zenker sprach dagegen: „Für uns steht der Nutzer im Vordergrund und der sucht in der Regel auf Google.“ Eine Ratsmehrheit folgte diesem Argument – und damit dem Ursprungsantrag der Grünen.

Schnelle Umsetzung ist aus Sicht der MVB unmö

MVB-Sprecher Tim Stein macht auf Volksstimme-Nachfrage wenig Hoffnung auf eine schnelle Umsetzung des Ratsbeschlusses. „Der MVB ist es rein technisch gesehen derzeit gar nicht möglich, die Verkehrsdaten freizugeben“, so Stein. Eine Umsetzung müsse über „eine verbundweite Lösung“ erfolgen. Ansätze zur Einrichtung einer zentralen Datendrehscheibe seien in Zusammenarbeit mit dem Nahverkehrsservice Sachsen-Anhalt erkennbar, eine schnelle Lösung aber nicht zu erwarten. „Einen Realisierungszeitpunkt können wir derzeit nicht abschätzen“, so Stein.

Dass es nicht nur metropolen wie Berlin, München oder Hamburg – selbstredend navigiert Google Maps den Gast solcher Oberzentren auch per Nahverkehr bis zum Oktoberfestzelt oder zur Reeperbahn – es hinbekommen, auch ihre Bus- und Bahnverbindungen auf den meist genutzten Online-Suchportalen zu platzieren, beweise kleinere Städte wie zum Beispiel Weimar. Die 37 Busse der Stadtwirtschaft GmbH, die auf neun Linien durch die Klassik-Kultur-Stadt unterwegs sind, verkehren nicht nur real, sondern auch online auf den Google-Routenportalen.