Magdeburg l Auf dem Tisch neben Katja Portius liegen 14 Duden. Das berühmte deutsche Wörterbuch wird in den kommenden Jahren zum ständigen Begleiter der neuen Schüler werden. Katja Portius ist Oberstufenkoordinatorin der „Schule des zweiten Bildungswegs“ und hat am 27. Juni 2020 die Schule während eines „Tages der offenen Tür“ den interessierten Besuchern vorgestellt.

180 Schüler hat die Schule in der Brandenburger Straße zurzeit, sie ist aufgeteilt in ein Abendgymnasium und ein Kolleg mit Vollzeit-Tagesunterricht. Wer eine der beiden Schulen besucht, will das Abitur machen. „Das Abendgymnasium besuchen meistens jüngere Schüler ab einem Alter von 19 oder 20 Jahren, im Kolleg starten die Schüler meist ab dem 25. Lebensjahr“, sagt Schulleiter Hendrik Baumann. „Wir hatten aber auch schon Schüler, die es mit 55 ,nochmal wissen wollten‘, ob sie es können.“ Eine Altersbegrenzung gibt es folglich nicht.

Henrik Baumann schätzt seine Schüler als sehr strebsam und mit einem großen Durchhaltewillen ausgestattet ein. „Die Menschen, die zu uns kommen, tun sich diesen enormen Aufwand und die viele Arbeit freiwillig an, weil sie es wollen“, so der Schulleiter. Darum sei die Abbrecherquote auch nicht sehr hoch. Natürlich hätten viele Schüler, die drei Jahre lang Beruf und manchmal auch schon eine Familie mit dem enormen Zeit- und Lernaufwand unter einen Hut bringen müssen, Durchhänger, aber dann stünden immer die Lehrer für Gespräche und Beratungen zur Verfügung. Meistens merken die Schüler nach dem ersten halben Jahr, ob Abendgymnasium oder Kolleg etwas für sie sind. Im ersten halben Jahr werde in den neuen Klassen ausgelotet, wo jeder einzelne Schüler in Sachen Vorwissen stehe. „Da ist alles noch etwas einfacher. Danach allerdings trifft die Schüler dann die komplette Härte des zu lernenden Stoffs und jeder weis, ob es klappen könnte“, sagt Hendrik Baumann. Die Schüler kommen zum größten Teil aus Magdeburg, aber auch aus dem Umland.

Bilder

Jeden Abend aus Wernigerode

Ein Abendschüler macht sich täglich aus Wernigerode auf den Weg in die Brandenburger Straße. „Ich habe großen Respekt davor. Morgens zur Arbeit gehen, dort Leistung bringen, um 17 Uhr Feierabend und wieder los in die Schule - das kann man Selbstdisziplin nennen.“

Aber es lohne sich auch. Den Schülern stünde nach dem Abitur die komplette Welt der Hochschulausbildungen zur Verfügung. Und die meisten nutzten das auch. „Wir treffen immer wieder, etwa bei Weihnachtsfeiern oder Ehemaligen-Veranstaltungen, auf ehemalige Schüler, die mittlerweile selber Lehrer geworden sind oder Hochschul-Karrieren eingeschlagen haben. Zum Beispiel an der Otto-von-Guericke-Universität oder am Magdeburger Fraunhofer-Institut“, berichtet Henrik Baumann.

Die Voraussetzung, um am Kolleg oder Abendgymnasium aufgenommen zu werden, ist der Sekundarschulabschluss (Realschule). Eine Art Vorkurs, wie bei einigen anderen Schulen des zweiten Bildungswegs gibt es in Magdeburg nicht. Aber auch für Erwachsene, die diese Qualifikation nicht erfüllen, gibt es Möglichkeiten, in Magdeburg den Realschulabschluss „nachzuholen“. Dafür stehen ebenfalls Abendschulen zur Verfügung.

Und die Kosten: „Es kostet nichts, nur Schulbücher und Lernmaterial müssen selbst gekauft werden.“ Darum seien die staatlichen Schulen des zweiten Bildungswegs auch „eine der großen Errungenschaften des Bildungssystem in der Bundesrepublik“, sagt der Schulleiter. Wer aus welchen Gründen auch immer als Kind den Zugang zum Abitur nicht hatte, könne das als Erwachsener nachholen, und der Staat unterstütze ihn dabei. Das gelte auch für die Finanzierung des Lebensunterhalts während der Schulzeit. Wer das Kolleg besuchen will, könne Leistungen aus dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (Bafög) beantragen, Schüler des Abendgymnasiums könnten dies nach etwa der Hälfte der Schulzeit.

Natürlich hat die Corona-Krise auch für die Schule in der Brandenburger Straße erhebliche Folgen. „Wir mussten wie alle Schulen schließen und uns auf den Online-Unterricht konzentrieren“, berichtet Hendirk Baumann. Allerdings sei es der Schule relativ leicht gefallen, den Online-Weg zu gehen. „Wir verfügen über eine recht gute digitale Ausstattung, dazu gehören beispielsweise acht Smartboards in den Klassen für den Unterricht.“ Und man wolle dem Online-Unterricht auch in Zukunft einen größeren Stellenwert geben.

Online-Unterricht wird ausgebaut

„Wir nehmen am Modellversuch ‚Blended Learning‘ teil. Dabei nehmen die Schüler drei Tag pro Woche am Präsenzunterricht und zwei Tag am Online-Unterricht teil. Das bedeutet für die Schüler deutlich mehr Flexibilität bei der Arbeitsaufteilung.“

Und noch eine bedeutende Neuerung steht der Schule ins Haus: Am 20. Juli wird in ein Ausweichquartier in der Moldenstraße umgezogen, denn das Stammhaus in der Brandenburger Straße soll renoviert werden. „Wir werden dort voraussichtlich ein Jahr lang bleiben“, sagt Hendrik Baumann, der mit seinen 16 Kollegen bereits auf gepackten Umzungskartons „sitzt“.

Weitere Infos unter  http://s2b-md.de/schule/