Projekt

Schüler lernen mit Magdeburger Recht, wie man Streit schlichtet

Rechtssprüche des Magdeburger Schöffenstuhls halfen in Städten Europas über Jahrhunderte, Streit zu schlichten. Darauf kann man hier stolz sein, finden die Mitstreiter des Vereins Offene Türen. Mit ihrem Projekt zum „Magdeburger Recht“ bieten sie Grundschülern Geschichte zum Anfassen.

Von Jana Heute
Eva Wybrands hier mit Kostümen für Schüler, die das Magdeburger Recht mit ihren Projekten schon in europäische Städte trugen. Für einen großen Umzug durch die Stadt Magdeburg am 20. September werden noch viele Kostüme benötigt. Von links: ein Mädchenkostüm aus der Ukraine, ein Mädchenkostüm aus Magdeburg sowie ein Jungenkostüm aus Magdeburg. Hergestellt wurden die Magdeburger Kostüme in der Schneiderei der JVA Burg. Das ukrainische Kostüm wurde von einer Berliner  Kostümbildfirma geschneidert.
Eva Wybrands hier mit Kostümen für Schüler, die das Magdeburger Recht mit ihren Projekten schon in europäische Städte trugen. Für einen großen Umzug durch die Stadt Magdeburg am 20. September werden noch viele Kostüme benötigt. Von links: ein Mädchenkostüm aus der Ukraine, ein Mädchenkostüm aus Magdeburg sowie ein Jungenkostüm aus Magdeburg. Hergestellt wurden die Magdeburger Kostüme in der Schneiderei der JVA Burg. Das ukrainische Kostüm wurde von einer Berliner Kostümbildfirma geschneidert. Foto: Uli Lücke

Magdeburg - „Es reicht nicht! Mein Gott, ist mir das peinlich!“, ruft Ciocia entsetzt. Zehn ganze Hemden und ein Hemd mit nur einem Ärmel! Hat sie sich vermessen oder verschnitten? „Nein“, beharrt die beste Näherin der Stadt. Es ist zu wenig Stoff! Die Ritterspiele sind in Gefahr, denn die Kostüme reichen nicht für alle elf Spieler der einen Mannschaft, die damit klar im Nachteil ist. Am besten, man holt den Rat der Magdeburger Schöffen ein – im Breslau im Jahr 1261 – in der Hoffnung, diesen Streit so beilegen zu können, dass allen Beteiligten recht getan ist ...

Die Kinder der Klasse 3 D der Grundschule Lindenhof unter Leitung ihrer Lehrerin Juliane Kaiser präsentierten kurz vor den Ferien in der Schule ihr Theaterstück „Der Schöffenspruch“. Die Spiellaune der Kinder sei in der Mehrzweckhalle deutlich zu spüren gewesen und habe den Gästen wie OB Lutz Trümper und mehreren Ratsvertretern imponiert, berichtet Eva Wybrands, Vorsitzende des Vereins Offene Türen e. V.

Das Magdeburger Recht, das zwischen dem 12. und 19. Jahrhundert für mehr als 1000 Städte in Europa gültig war, sei „großartige Geschichte“, die es gelte frühzeitig – schon im Grundschulalter – in den Unterricht der Magdeburger Schulen einzubinden, finden die Akteure des Vereins. Schon seit Jahren wird deshalb Theater gespielt, das Magdeburger Recht und wichtige Rechtssprüche der Schöffen bei „Zeitreisen“ lebendig. Bislang jährlich wechselnd an den Schulen.

Ein Projekt für alle Schulen

Doch mit der jüngsten Präsentation des Theaterstücks „Der Schöffenspruch“ an der Grundschule Lindenhof hat der Verein Offene Türen zugleich ein neues Kapitel aufgeschlagen. Über das Internetportal www.magdeburgerrecht.de sollen künftig alle Grundschulen angesprochen werden, den historischen Stoff ins Bewusstsein der Kinder zu rücken; auf Tuchfühlung zu gehen mit der Stadtpolitik, wie sie damals funktionierte und heute funktioniert. „Wir arbeiten hier auch mit dem Bildungsministerium, dem OB und Stadträten zusammen“, sagt Eva Wybrands. Auf der Internetseite erfahren Lehrer und Kinder viele Hintergründe und Beispiele zum Magdeburger Recht, es gibt Mitmachangebote und das Theaterstück zum freien Nachspielen „Wenn die Maße zu klein sind“.

Ein solches hatten ja nun auch die Drittklässler der Grundschule Lindenhof erfolgreich präsentiert. Erstmals galt es für sie – coronabedingt – sich dem Stoff online zu nähern, wie Wybrands ergänzt. Dabei half das Team um Stefan Haberkorn von Visualimpression. Ihre vernetzten Multimedia-Räume mit Virtual-Reality-Begehungen hätten es möglich gemacht, die Kinder auf eine einzigartige Zeitreise zu schicken. „Was für ein Potenzial!“, findet die Vereinschefin. Hoffentlich werde der Einzug von 3- oder 4-D-Brillen in Unterrichtsräume nicht auf das nächste Jahrhundert verschoben, so Eva Wybrands.

Übrigens: Der Schöffenspruch aus Magdeburg, der von Breslau 1261 tatsächlich angefordert worden war, brachte die Schlichtung: Der Tuchhändler, der zu wenig Stoff verkauft hatte, musste diesen mit einer maßgetreuen Elle neu vermessen und 36 Schillinge Strafe zahlen.

Umzug mit Kostümen im Stadtzentrum

Damit konnten alle Seiten leben und die Ritterspiele wie geplant starten.

Starten soll – ganz real – am UN-Welkindertag, dem 20. September, auch ein historischer Umzug mit 300 Kindern durch das Stadtzentrum. Noch ganz viele Kostüme müssen zu diesem Tag geschneidert werden. „Dafür brauchen wir noch viel Stoff und hoffen auf Spenden“, ruft Eva Wybrands zur Unterstützung auf.

Zeitreise: Kinder der Grundschule Lindenhof präsentierten  vor Vertretern der Stadtverwaltung und des Stadtrats ihr Theaterstück ?Der Schöffenspruch".  Es war die erste Präsentation der Ergebnisse zum diesjährigen Projekt  ?Magdeburger Recht".
Zeitreise: Kinder der Grundschule Lindenhof präsentierten vor Vertretern der Stadtverwaltung und des Stadtrats ihr Theaterstück ?Der Schöffenspruch". Es war die erste Präsentation der Ergebnisse zum diesjährigen Projekt ?Magdeburger Recht".
Foto: Kinderschutzbund (DKSB)/Magdeburg

Stoffspenden dringend gesucht

Das  können  Bettlaken  und  Tischwäsche  in  Weiß  sein,  Baumwoll-  und  Leinenstoffe  in  allen Farben, Borten, Bänder und Spitzen, bestickte und gewebte Tischdecken.

„Wir  freuen  uns  ebenso  über  gespendete  Tischläufer,  Tücher,  Blusen  und  Schürzen.  Auch Westen,  am  liebsten  im  Trachtenstil,  Hemden  und  Hosen,  Kleider,  Dirndl,  alte  Knöpfe,

Schmuckteile und Perlen sind hoch willkommen“, sagt Vereinschefin Eva Wybrands. Farbige Vorhangstoffe, bevorzugt aus Samt werden auch sehr gern entgegengenommen.

 Die Kulturbeigeordnete  Regina-Dolores Stieler-Hinz hat  als  Sammelstelle das Büro der Beigeordneten, Am Krökentor 1, 39104 Magdeburg angeboten.  Dienstags  von  9 bis  12 Uhr  und  donnerstags  von  14 bis  16 Uhr  können Bürger mit  Stoff-  und  Kleidungsspenden  sowie  Accessoires  dazu  beitragen, dass Kinder Heimatgeschichte lebendig nachspielen können.