Magdeburg l Zu einem Vorstoß der CDU-Fraktion, den Magdeburger Ring mit einem Solardach zu versehen, sprach Volksstimme-Redakteurin Christina Bendigs mit Prof. Dr. Martin Wolter von der Otto-von-Guericke-Universität. Er arbeitet an der Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik im Institut für Elektrische Energiesysteme.

Volksstimme: Herr Prof. Dr. Wolter, die CDU hat im Stadtrat den Antrag gestellt, eine Solarüberdachung für den Magdeburger Ring zu prüfen. Wird an der Otto-von-Guericke-Universität an diesen oder ähnlichen Themen geforscht?
Prof. Dr. Martin Wolter:
An einer Solarüberdachung für den Ring forschen wir nicht. Denn Wissenschaft und Forschung sind soweit, dass man das bauen kann. Es können Standard-Solarzellen verwendet werden. Diese sind technisch ausgereift.

Gibt es in Deutschland bereits ein Pilotprojekt?
In Deutschland gibt es bislang kein vergleichbares Projekt, aber angesprochen wird es in letzter Zeit immer öfter. Die Idee ist eigentlich super, denn der Platz über den Straßen ist bislang ungenutzt. Und es gibt ja auch Sekundäreffekte.

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Welche meinen Sie?
Die Fahrbahn würde im Winter beispielsweise nicht mehr so stark vereisen. Die Stadt könnte hier vielleicht bei den Kosten für den Winterdienst sparen. Und im Sommer heizt sie sich nicht mehr so stark auf. Das erhöht die Lebenszeit des Fahrbahnbelags.

Aber wenn die Idee so gut ist, warum wurde sie bislang noch nicht umgesetzt?
Im Wesentlichen scheitern solche Vorhaben an den Kosten. Üblicherweise werden Solarzellen auf Feldern oder Dächern installiert. Dort kann man sie mit einem vergleichsweise geringen Aufwand aufstellen. Über einer Stadtautobahn ist eine deutlich stabilere Konstruktion erforderlich. Damit verbunden wären neben hohen Baukosten auch monatelange Bauarbeiten und Verkehrsbeeinträchtigungen. Gleichzeitig gehen die Förderquoten zurück, so dass man vielleicht in einem Jahr nur noch 5  Cent statt 6  Cent Fördergeld pro Kilowattstunde erhält. Es müsste berechnet werden, ob es sich überhaupt noch lohnen würde. Und wenn, dann müsste man sich mit so einem Projekt beeilen oder eine andere Vermarktungsstrategie finden. In Verbindung mit Elektrotankstellen, die den Strom direkt von der Tangente abnehmen würden, ließen sich vielleicht höhere Margen erzielen, als wenn man den Strom an der Börse vermarktet. Natürlich bräuchte man dann auch Speicher vor Ort, aber in dieser Verbindung ließe sich das Vorhaben vielleicht auf finanziell tragbare Füße stellen.

Welche Alternative würde ihnen zu einer solar-überdachten Tangente einfallen?
Schwimmende Solarzellen wären eine Alternative. Sie auf das Wasser zu legen, wäre viel günstiger.

Also statt die Tangente zu überdachen, lieber den Salbker See mit Solarzellen belegen?
Denkbar wäre es. Aber ich bin kein Biologe. Sicher hätte es Auswirkungen auf den Lebensraum Wasser, würde man dort Solarzellen installieren.

Hohe Kosten, lange Bauzeit: Sehen Sie trotzdem einen positiven Effekt auf die Reputation Magdeburgs, würde am Magdeburger Ring ein Pilotprojekt zu einer Solar-Überdachung auf den Weg gebracht werden?
Ich würde mir wünschen, dass wir so etwas hier in Magdeburg machen, gerade vor dem Hintergrund des Booms in der Elektromobilität. Die Stadttangente ist der ideale Ort dafür, da hier viele Elektrofahrzeuge zu erwarten sind und die Anwohner obendrein vom zusätzlichen Lärmschutz profitieren. Andere Bundesländer haben Teststrecken für autonomes Fahren oder elektrifizierten Güterverkehr. Magdeburg hat eine lange Energieforschungstradition. Das Solardach der Tangente passt hier gut ins Bild und würde auch die bereits bestehende Wasserstofftankstelle in Rothensee ideal ergänzen.

Letzte Frage: Was ist ihr aktuelles Forschungsthema?
Wir beschäftigen uns mit der ganzheitlichen Modellierung und Simulation des Elektroenergiesystems von der höchsten bis zur untersten Spannungsebene. Dabei entwickeln wir Konzepte zur Verbesserung der Systemsicherheit und -stabilität unter technischer und ökonomischer Einbeziehung aller Netznutzer.