Magdeburg l Die Ehrenbotschafter der Stadt Magdeburg Gabriele Herbst, Pfarrerin i. R., Nguyen Tien Duc, Vorsitzender des Landesnetzwerkes Migrantenorganisation Sachsen-Anhalt e.V., sowie Waltraut Zachhuber, Superintendentin i. R., haben sich anlässlich des am 10. Dezember begangenen Tages der Menschenrechte zu aktuellen Entwicklungen im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise zu Wort gemeldet. „Als wir vor einigen Jahren im Rathaus den Titel Ehrenbotschafter der Stadt Magdeburg verliehen bekamen, haben wir diesen mit Freude und Stolz angenommen. Ja, das wollten wir, gute Botschaften über Magdeburg in die Welt tragen, in andere deutsche Städte, aber auch nach Vietnam, in die USA, nach Tansania oder nach Israel. Wir haben gern davon erzählt, dass Magdeburg eine weltoffene, kulturvolle und fremdenfreundliche Stadt geworden ist“, so schreiben sie in einem offenen Brief.

Gesicht zeigen gegen Rassismus

Dass es in dieser Stadt Menschen und Orte gebe, wo Ausländer, Flüchtlinge zumal, Hilfe und Beratung finden. Dass Studenten aus aller Welt hier willkommen seien und diese Stadt mit ihren jungen Ideen beleben. Und dass diese Stadt sich dem Projekt Stolpersteine bereitwillig öffnete. Dass man „Andernorts“ für Christen und Nichtchristen Kunstgottesdienste anbieten könne. Dass viele hier lebende Ausländer(-innen) mit ihren gastronomischen Einrichtungen die Stadt schmackhafter machen. Und dass die „Meile und die Meilensteine der Demokratie“ seit Jahren am 16. Januar Tausende auf die Straße locken, die dort Präsenz und Gesicht zeigen für Weltoffenheit, gegen Rassismus, gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit.

„Ja, solche und viele andere gute Botschaften trugen wir weiter, wie Botschafter das tun sollen“, stellen sie fest. „Aber“, so heißt es weiter, „welche Botschaften gehen von dem aus, was wir jetzt erleben? Wiederholt mussten wir in diesem Jahr 2015 mit Erschrecken und Scham feststellen, dass es in unserer Stadt verstärkt Übergriffe auf ausländische Mitbürgerinnen und Mitbürger in Form von verbalen Beleidigungen, Anfeindungen im Internet und Gewalttaten auf der Straße gegeben hat. Wir verurteilen das aus tiefstem Herzen.“

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Alte Wunden brechen auf

Ebenso verurteilen die drei Ehrenbotschafter Gewalt gegenüber allen, „die sich für Ausländer engagieren, Flüchtlingen zu ihren Rechten verhelfen, diese schützen und als Menschen, die Magdeburg bereichern können, willkommen heißen.“ Sie verweisen auf den gewaltsamen Übergriff auf Ausländer vor wenigen Tagen in Magdeburg-Nord. Ausländer, die „ganz normal unter uns leben, hier lernen, studieren oder Schutz vor Krieg und Verfolgung suchen“, seien gejagt, geschlagen, beleidigt und bedroht worden.

Schon einmal, 1994, nach den ausländerfeindlichen „Himmelfahrtskrawallen“, habe sich Magdeburg das Stigma einer „fremdenfeindlichen Stadt“ zuzogen. Dieses verblasste in den folgenden Jahren mehr und mehr. „Soll es wieder auferstehen, soll es wieder Menschen daran hindern, unsere Stadt zu besuchen, in ihr zu studieren, hier zu investieren, hier leben zu wollen? Soll Magdeburg wieder in dem Ruf stehen, dass hier die Menschenwürde missachtet wird?“, fragen sie nun. Auch die Magdeburger müssten sich die Frage stellen, in welcher Stadt sie leben wollen. Genau diese Frage müsse sich jeder stellen. „Zu viele Menschen ducken sich weg, schauen nicht hin, nehmen keine Stellung zu ausländerfeindlichen, kriminellen Übergriffen“, stellen Waltraut Zachhuber, Gabriele Herbst und Nguyen Tien Duc fest.

Ein guter Ort für Jedermann

Abschließend schreiben sie: „Magdeburg war uns bisher eine liebenswerte Stadt. Wir haben uns an der hier wachsenden guten Gemeinschaft von In- und Ausländern gefreut. Wir alle sind mit dafür verantwortlich, dass unsere Stadt diese wertvolle Eigenschaft, dass sie ihre Lebensqualität für uns alle nicht aufs Spiel setzt. Wir bitten alle Magdeburgerinnen und Magdeburger, ihre Möglichkeiten zu nutzen, um öffentlich „Gesicht gegen Fremdenfeindlichkeit“ zu zeigen, damit Magdeburg ein guter Ort für Jedermann und jede Frau sein und bleiben kann.“